Der Lesemai – Sirenengesänge und Hordenrufe

Wozu so eine langanhaltende Grippe nicht alles gut ist. Zumindest kommt man zum hemmungslosen Lesen, zumindest so lange die Kräfte reichen:

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Wer sich immer schon gefragt hat, warum die sogenannte Flüchtlingskrise von September 2015 bis Ende März 2016 in weiten Teilen mit einer derart apokalyptischen Rhetorik begleitet wurde, die so gar nicht zu den zwar herausfordernden, aber keineswegs hoffnungslosen Verhältnissen in deutschen Turnhallen und an ohnehin geöffneten deutschen Schlagbäumen passen wollten, erfährt es beim Lesen der Studie zum „Streit um die Flüchtlingspolitik“, die der Chefkorrespondent des Deutschlandradios Stephan Detjen und der Schriftsteller und Journalist Maximilian Steinbeis jetzt vorgelegt haben. Stichwort: Es geht um furchtbare Juristen. „Die Grenzen waren ja offen“, so die Autoren. Sie konnten also gar nicht von „Merkel“ geöffnet worden sein, wie ein weit über das rechtspopulistische Milieu hinaus verbreiteter Refrain seit nunmehr über drei Jahren lautet.

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Gründe für den Aufstieg des Populismus freilich gibt es viele. Zahlreiche Autoren haben sich an Erklärungen versucht. Die Münchner Politikwissenschaftlerin Astrid Séville legte bereits letztes Jahr eine „Kritik der dissonanten Herrschaft“ vor, die es in sich hat: Pointiert, thesenstark und auf sprachlich höchst anregendem Niveau beschreibt sie den inneren Zusammenhang der „Expertokratie“ mit ihrem Gerede von der angeblichen „Alternativlosigkeit“, und dem Populismus mit seinem Anspruch, den „wahren Volkswillen“ zu verkörpern. Was bei beiden stört: Parlamentarische Deliberation; die Einsicht, dass das Wesen der liberalen Demokratie nicht die Endgültigkeit von Entscheidungen ist, sondern deren Vorläufigkeit.

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„Antisemitismus ist der Hass auf das Universale und auf das Partikulare der modernen menschlichen Existenz. Das ist nicht nur ein jüdisches Problem, sondern eine Bedrohung für die Pluralität im globalen Zeitalter an sich.“ So steht es auf der Rückseite des Suhrkamp-Bands „Neuer Antisemitismus?“, der, erstmals 2004 erschienen, jetzt neu aufgelegt und aktualisiert wurde. Die Sündenbockfunktion „des Juden“ ist für viele ein derart tiefsitzendes Bedürfnis, dass Sartre einst sinnierte, das Denken des Antisemiten bringe den Juden erst hervor, und zwar so sehr, dass, „existierte der Jude nicht, der Antisemit würde ihn erfinden.“ Folglich kann eine Weltgeschichte des Antisemitismus geschrieben werden, die beim ägyptischen Exil anfängt und in der Gegenwart aufhört. Ob christlicher, muslimischer, rassistischer, rechter oder linker Antisemitismus; ob antijüdische Ressentiments, das Reproduzieren antisemitischer Klischees oder waschechter Judenhass bin hin zum eliminatorischen Antisemitismus des Nationalsozialismus – in seinen diversen Auswüchsen ist der „Antijudaismus“ (David Nirenberg) eine Konstante im Wandel der Gezeiten. Heute, im dauererregten Empörungsklima von Rechtspopulismus, Verschwörungstheorien und Elitenhass, erfährt auch der Antisemitismus eine erneute Konjunktur.

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Zu rechten Zeit kommt daher die „intellektuelle Autobiografie“ Mario Vargas Llosas: „Der Ruf der Horde“ (Karl Popper) ist seit einigen Jahren wieder deutlich vernehmbar, was sich auch in den Ergebnissen der Europawahl wiederspiegelt. Mit ihm ist der alte „Stammesgeist“ gemeint, der Nationalismus, Diktatur und religiösen Fanatismus gleichermaßen hervorbringt und die individuelle Freiheit mündiger Bürger*innen zugunsten irgendeiner Mission am liebsten abschaffen würde. Ein antizivilisatorischer, irrationaler Impetus ist es, der von hier ausgeht, und gegen ihn schreibt der peruanische Romancier engagiert an, in dem er seine intellektuellen Säulenheiligen vorstellt. In dieser kleinen Sammlung freiheitsliebender Liberaler sind Adam Smith, Friedrich August von Hayek, Karl Popper, Raymond Aron und Isaiah Berlin erwartbar, Ortega y Gasset und Jean-François Revel eher Überraschungen.

Für den merkwürdigen Klappentext der deutschen Ausgabe kann der Autor freilich nichts. „Jahrzehntelang“ sei er für „seine politischen Überzeugungen (…) kritisiert, beschimpft und angefeindet worden“, heißt es dort: „Aber was, wenn er recht hatte?“ Gerade nach der Lektüre des Buches möchte man fragen: Wie kann ein Mensch auf dem Feld der politischen Ideen überhaupt „Recht haben“? Von Berlin lernen wir vielmehr, dass es nicht für jedes menschliche Problem „eine einzige wahre Antwort“ gibt, und dass nicht alle – selbst vornehmsten – Ideale miteinander vereinbar sind. Den Blick hierfür zu schärfen und heutigen Lesern mit den vorgestellten Denkern das Rüstzeug an die Hand zu geben, dem „Ruf der Horde“ zu widerstehen, ist das Verdienst dieses Bandes.

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Wo wir weiter oben bei Religionen waren: Die Anfänge der zweitgrößten Weltreligion, des Islam, liegen „weitgehend im Dunkeln“, schreibt der US-amerikanische Althistoriker Glen W. Bowersock. Umso spannender ist es, was er zum Geschehen auf der arabischen Halbinsel im 7. Jahrhundert alles zusammengetragen hat: Araber, Perser, Byzantiner und Äthiopier gaben sich hier wiederholt die Klinke in die Hand, Mohammed war nur einer von zahlreichen selbsternannten „Propheten“, die zeitgleich wirkten, womöglich aber der kompromissloseste unter ihnen, und die Trennung von Kalifat und Heiligtum – ersteres später in Damaskus (Umayyaden), dann in Bagdad (Abbasiden), und letzteres nach wie vor in Mekka – ermöglichte erst jene „flexible Struktur“ und innerislamische Pluralität, die dessen Ausbreitung ungemein begünstigte.

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Dann waren da noch Foucault zur Einführung, zu dem mir aber echt nichts einfällt außer irgendwas mit „Diskurs“ und der kürzlich neunzig gewordene Georges-Arthur Goldschmitt mit der autobiografischen „Überlebensgeschichte“ eines jüdischen Jungen in einem französischen Kinderheim während der Zeit des Nationalsozialismus. „Für die deutsche Literatur (…) ein unverdientes Glück“, schrieb die F.A.Z. bei Erscheinen 1991.

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Und zuletzt der DDR-Autor Stephan Hermlin mit „Abendland“ (1979). Das Buch ist ja aus vielen Gründen kritisiert worden, nicht zuletzt wegen der erfundenen Passagen, die als autobiografisch dargestellt wurden. In ihm schildert Hermlin Beobachtungen und Erfahrungen eines jungen Mannes aus bürgerlicher Familie, der auf der Straße zum Kommunisten wird und so beides aus fremder Nähe wahrnimmt. An das Großbürgertum, das die heraufkommenden Nazis als barbarische Horde abtut, und die Arbeiter, die sich – hilflos und oft schwankend – widersetzen. Folgende Passage fand ich bemerkenswert. Es handelt sich um die Entdeckung der Verschwörungstheoretiker avant la lettre (auch wenn, worauf der Schriftsteller und Publizist Marko Martin hingewiesen hat, der „Edelkommunist Hermlin sich damit selbst gemeint haben“ könnte):

„Gerade der Widerspruch anderer, ihre weit überlegen Zahl und die Macht ihrer Gegenbeweise würde die Verblendeten in ihrer Meinung befestigen – denn es gibt einen blinden Stolz der Wenigen, denen gerade in der eigenen Geringfügigkeit und in ihrem Mangel an Überzeugungskraft die Gewähr dafür zu liegen scheint, allein im Besitze des Heils zu sein. Unerreichbar für jede andere würden sie von nun an in einer selbstgewählten Wirklichkeit leben, und entsetzt ahnte ich das Auseinanderbrechen der bisher vertrauten Welt in eine Vielzahl wahnhafter Realitäten, von denen jede ihren Anspruch aus sich selbst herleiten und unter welchen keine Gemeinsamkeit, kein Gespräch mehr herzustellen sein würde.“

So long, man liest sich!

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