Zu Christoph Heins „Gegenlauschangriff“ (Rezension)

Christoph Hein, dieser große zeitgenössische Schriftsteller, dieser Chronist dreier Deutschlands, der sich selbst als Dramatiker bezeichnet, uns doch aber vor allem so wunderbare Prosa wie das „Drachenblut“ (1982), die „Paula Trousseau“ (2007) oder zuletzt den „Trutz“ (2017) geschenkt hat, der zudem heute seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag feiert – er hat sich mit dem vorliegenden „Gegenlauschangriff“ keinen Gefallen getan.

„Anekdoten aus dem letzten deutsch-deutschen Kriege“ möchte Hein in Kleist’scher Manier zum Besten geben. Und bei den knapp dreißig Miniaturen und Miszellen ist ja auch einiges dabei, was schmunzeln, sich ärgern, aufhorchen lässt. Doch vieles wirkt auch beliebig, unfertig, wohlfeil. Als handele es sich um eine Vorstudie, teilweise auch nur um Notizen zu einer Autobiografie, die erst noch erscheinen wird. Doch eine Fortsetzung des vorzüglichen Berichts über die jungen Jahre, die der Autor mit „Von allem Anfang an“ (1997) vorgelegt hat, wird wohl Desiderat bleiben.

Hier hingegen überwiegen Ausschnitte aus dem Kulturleben der zweiten deutschen Diktatur, die zwar einerseits prägnant sein mögen, die aber auch von einer gewissen Gereiztheit, Dünnhäutigkeit und Streitlust des Autors künden, die wiederum so gar nicht zu den feinziselierten Charakterstudien passen mögen, die er sonst in seinen Romanen zeichnet.

Egal ob es um die zerbrochene Jugendfreundschaft zu dem 2001 verstorbenen Schriftsteller und Regisseur Thomas Brasch geht, um Heins Rolle bei der Kulturvariante des hier vermeintlichen  „Aufbau Ost“ oder um den Verzicht auf die Intendanz des Deutschen Theaters (2004) – immer ahnt der Leser, dass es noch mindestens eine andere Sichtweise auf die Geschehnisse gibt, dass Hein mit vielen Geschehnissen keinen Frieden gefunden hat und oftmals schlichtweg noch sauer ist.

46993.jpg

Das gilt besonders für jene Episode um einen vermeintlichen SPIEGEL-Reporter, der ihm 1993 angeblich Böses wollte, in den Stasi-Akten aber einfach nichts finden konnte, und die sich mittlerweile als weitgehend erfunden, zumindest falsch erinnert herausgestellt hat. Es gilt auch für jene etwas halsstarrige Kritik an den Film „Das Leben der Anderen“ (2008): Das Ansinnen des Regisseurs von Donnersmarck war ja gar nicht, Heins Leben zu verfilmen. Er hatte sich in einem langen Gespräch mit ihm lediglich Inspiration geholt und den Schriftsteller dann im Abspann gebührend erwähnt. Dieser jedoch ärgert sich noch heute über die „Hanswurstiade“, die aus „seinem Leben“ gemacht wurde und schließt: „Ich werde meine Erinnerungen dem Kino anpassen müssen.“

Hinzu kommen dann noch Ungenauigkeiten: Johannes R. Becher im Jahre 1948 als „Kulturminister“ der DDR, die erst ein Jahr später gegründet wurde, und erst ab 1954 ein Kulturministerium hatte? „Präsident des Kulturbundes“ wäre richtig gewesen. Was genau soll uns die Episode über den Richtungswechsel in der Vertriebenenpolitik ab 1950 sagen, wonach vom „deutschen“ Pommern und vom „deutschen“ Schlesien nicht mehr gesprochen werden durfte? „Wieder einmal wurde Geschichte revidiert“, so Hein. Was wäre die Alternative gewesen? Und ist es nicht ein wenig arg dick aufgetragen, wenn er schreibt, der „zweite deutsche Staat“ wurde von der „siegreichen Macht“ noch im Nachhinein „delegitimiert“, als es darum gegangen sei,  „das bereits verwesende Völkerrechtssubjekt zu hängen und zu köpfen“?

Nein, weder mit der Prosa noch mit den Stücken kann der Band stilistisch oder inhaltlich mithalten. Dieser Gegenlauschangriff hätte besser nicht stattgefunden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s