Rammstein, Deutschland und die Faszination des Bösen

Ja, dürfen die das denn? Die Kritik am neuen Rammstein-Video entzündete sich vor allem an der bereits vorab veröffentlichten Darstellung der Band als totgeweihte KZ-Häftlinge, komplett mit gestreifter Kluft und „Rosa Winkel“, dem Erkennungszeichen von Insassen, die aufgrund ihrer Homosexualität verhaftet wurden. Laut Charlotte Knobloch, der ehemaligen Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, habe „die Band eine Grenze überschritten“. Die Kulturministerin von Schleswig-Holstein, Karin Prien (CDU), sprach von einer „widerlichen Geschmacklosigkeit“ und laut dem Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, Felix Klein, war die Inszenierung der Band die „Überschreitung einer roten Linie“ und eine „geschmacklose Ausnutzung der Kunstfreiheit“, sofern sie „nur der Verkaufsförderung des neuen Albums“ gedient habe. Die Yad-Vashem-Sprecherin Iris Rosenberg merkte an, dass eine „respektvolle künstlerische Darstellung“ des Themas „legitim sein kann, solange es die Erinnerung an den Holocaust keinesfalls beleidigt, herabsetzt oder schändet“. Karl Freller schließlich, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, wollte noch kein abschließendes Urteil fällen und lud die Band stattdessen in die KZ-Gedenkstätte Dachau ein.

Die Honeypot-Strategie, die SPON-Autor Arno Frank ausgemacht hat, ist voll aufgegangen: Das Medienecho war und ist riesig. Wer das Video aber in Gänze gesehen hat, mag es zwar immer noch geschmacklos finden, eine irgendwie geartete Relativierung des Holocaust wird hier jedoch niemand entdecken können. Im Gegenteil: Denn neben all den Nebelkerzen, ironischen Brechungen und geschickt gesetzten Allegorien wird hier der Nationalsozialismus doch gerade dahin gesetzt, wo ein Alexander Gauland und seine Kumpanen ihn überhaupt nicht sehen wollen:

Nämlich in einen Gesamtkontext deutscher Geschichte; nicht als „Betriebsunfall“, nicht als die so läppisch betitelten „Zwölf Jahre“, sondern als konstitutives Element, mit ästhetischen, emotionalen und kulturellen Kontinuitäten vorher, und – noch wichtiger – nach 1945, bis heute. Dies wird nicht zuletzt auch durch die schlichte Betitelung „Deutschland“ (im Video in Frakturschrift) deutlich. Es ist damit das Gegenteil der Weichspülverfilmungen etwa des ZDF („Charité“), wo Gut und Böse, „die Nazis“ und „wir“, klar getrennt, überdeutlich angezeigt und bequem ausgelagert werden.

Man kann eine solche Interpretation für überzogen halten. Die Band selbst würde sich womöglich prächtig darüber amüsieren. Etwa so, wie Michel Houellebecq seinen Kritikern immer wieder eine Nase dreht, und sich einfach nicht dingfest machen lässt. Doch wenn Kunst Gegenwartsdiskurse reflektieren, Interpretationsräume schaffen und die Öffentlichkeit mit Diskussionsstoff befeuern soll, dann haben Rammstein dies alles einmal mehr getan. Dabei darf nicht vergessen werden, dass es sich letzten Endes immer noch um eine Rock-Band handelt, nicht um ein geschichtspädagogisches Projekt oder ein Produkt der Bundeszentrale für politische Bildung. Wer der Meinung ist, dass der Nationalsozialismus in der Populärkultur nicht behandelt werden darf, der sollte auch einen Tarantino-Film wie Inglorious Basterds oder die zahlreichen Auschwitz-Bezüge des X-Men-Superschurken Magneto verdammen.

Doch während bei erstem jüdische Rachegelüste grotesk überzeichnet ausgelebt werden und bei zweitem die Diskriminierung der Mutanten des Marvel-Universums mit dem Antisemitismus in Zusammenhang gebracht wird, schaffen Rammstein etwas, woran die meisten Versuche der Geschichtsvermittlung scheitern: Sie erwecken eine Ahnung für die Faszination des Nationalsozialismus, mithin des Bösen an sich. „Die ganze nationalsozialistische Agitation ist ein dauernder Appell an den inneren Schweinehund im Menschen“, rief der nachmalige SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher 1932 in einer Reichstagsrede der NSDAP entgegen. Für seine Überzeugungen zahlte Schumacher später mit knapp zehn Jahren Haft in verschiedenen Konzentrationslagern.

Dieser „innere Schweinehund“ ist auch heute noch jederzeit abrufbar und lediglich unter einem dünnen Firnis an Zivilisation verborgen. Jeder AfD-Parteitag, jede Pegida-Demonstration, die hassverzerrten Grimassen, die auf Marktplätzen „Absaufen! Absaufen!“ grölen, geben davon Zeugnis. Als der Komiker Jonny Buchardt 1973 in einer Büttenrede im Rahmen des Kölner Karnevals nach „Zicke zacke zicke zacke! – Hoi hoi hoi!“ oder „Hipp, hipp – Hurra!“ ein „Sieg!“ ansagte, antwortete die Menge wie selbstverständlich mit einem lautstarken „Heil!“. Die Reflexe waren offensichtlich noch da. Erschreckend ist, dass sie das auch heute noch sind. Wer gesehen hat, wie in den Dokumentationspassagen des Hitler-Rückkehr-Films „Er ist wieder da“ reihenweise die rechten Arme zum „Führergruß“ hochschnellen, der ahnt, welch unheilvolles Potential hier nach wie vor schlummert.

Womit wir wieder bei Rammstein wären. Das Prinzip, das auch jetzt wieder zum Tragen kommt, wurde bereits in dem Song „Ich will“ (2001) etabliert: Wer bekommt keine Gänsehaut, wer verspürt kein Kribbeln bei dem im Goebbels‘schen Sportpalast-Stil vorgetragenen Refrain? Einer emotionalen Reaktion werden sich die wenigsten erwehren können. Doch warum sollte das gut sein? Was kann uns eine Text-Zeile wie „überraschen, überfallen, Deutschland, Deutschland über allen“ heute sagen? Mit ihrer Inszenierung nationalsozialistisch kontaminierter Symbolik, die auch heute noch popkulturell anschlussfähig ist, verunmöglicht die Band bequeme Schlussstrichziehungen und wohlfeile Distanzierungsvorhaben.

Es sind ja nicht nur die Ewiggestrigen und offensiv Rechtsradikalen, die „Schluss mit dem Schuldkult“ skandieren, sich vom „Ausland“ aufgrund der doch eigentlich so „erfolgreichen“ Nationalgeschichte gegängelt fühlen oder jene „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ fordern. Es sind ja auch diejenigen, die behaupten, im Geschichtsunterricht den Nationalsozialismus „hoch und runter durchgekaut“ zu haben und nunmehr „immun“ gegen Totalitarismen jeder Art zu sein, oder diejenigen, die die deutsche Geschichte gegen jede Evidenz auf jene „Zwölf Jahre“ reduziert sehen. Denn obwohl das „Dritte Reich“ in den Schulen in der Tat prominent behandelt wird, fehlt es weithin an Transferwissen über die Mechanismen autoritärer oder faschistischer Herrschaft. Dass ein Konzept wie das der „Vernichtungslager“ gegen jede denkbare Kategorie von Humanität steht, wird jeder unterschreiben, der halbwegs bei Verstand ist. Doch was kommt davor? Durch die Fokussierung auf das worst case scenario geraten die zahlreichen Vorformen des Totalitarismus zu oft aus dem Blick. Wie gelang die „Machtergreifung“? Was bedeutet „Gleichschaltung“? Was hat es mit dem Antiparlamentarismus und dem Parteienhass autoritärer Bewegungen auf sich? Wie vollzieht sich deren kumulative Radikalisierung? Wie kann eine entschlossene Minderheit ein ganzes Volk zu unvorstellbarer Gewalt und Brutalität anstacheln?

Dass elementare Kenntnisse zu den genannten Punkten flächendeckend fehlen, verwundert nicht, wenn selbst ein Chronist wie Martin Walser, der sich zeitlebens mit dem Nationalsozialismus beschäftigt hat, zu solch schlichten Pointen fähig ist: „Meine Mutter war keine Nationalsozialistin. Sie hatte eine Wirtschaft zu führen“. Oder: „Ich halte es für möglich, dass das Nazisein nicht zum Wasserburgersein passte“. Oder: „In der Wasserburger Muttermilch war kein Antisemitismus“. Dass es vielen Deutschen nach wie vor schwer fällt, totalitäre Bewegungen zu identifizieren, wenn diese nicht direkt mit Hakenkreuzarmbinde auftreten oder einen Angriffskrieg planen, zeigt nicht zuletzt der Eiertanz, der seit Jahren um die AfD aufgeführt wird. Auch in deren Reihen gibt es viele, die ernsthaft von sich behaupten, nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun zu haben. Ob die Partei nun aber „lediglich“ rechtpopulistisch ist, oder doch wahlweise rechtsextrem oder rechtsradikal – diese Diskussionen erinnern fatal an ein Cover des Satire-Magazins TITANIC: „Schrecklicher Verdacht: War Hitler Antisemit?“

Während also eine Partei mit offenkundig menschenverachtender Programmatik und überdeutlichen Anklängen an nationalsozialistische Symbolik und Aufstiegsstrategie sich im Deutschen Bundestag als Oppositionsführerin geriert, fühlt sich eine Mehrheit bestens gewappnet gegen totalitäre Versuchungen, sieht sich ausreichend immunisiert und vorbereitet gegen alles, was „rechts“ ist. „Aber, man wird doch wohl noch sagen dürfen…“, spricht es dennoch aus der Maße heraus. Und dann werden Begriffe wie „Systemparteien“, „Lügenpresse“, „Diktatur“ und „Gleichschaltung“ in einer Art und Weise gebraucht, das zwischen Ignoranz und Boshaftigkeit kaum noch zu unterscheiden ist. Diesen zahlreichen blinden Flecken stellen Rammstein mit ihrem martialischen Geschichtsepos ein Deutschland in Frakturschrift entgegen. Denn: Der Schoss ist nicht nur fruchtbar noch. Er ist, um im Bild zu bleiben, schon wieder kräftig am Gebären. Und der Schlaf der Vernunft gebiert bekanntlich Ungeheuer. Oder deutsche Schäferhunde.

2 Kommentare

  1. Solange sich der Artikel mit dem Werk von Rammstein befasst ist er gut verfasst, klingt professionell und ordentlich geschrieben. Jedoch wandelt sich das in den letzten fünf Absätzen in nicht mehr nur beinahe schon lächerliche Versuche den deutschen Bürgern „rechts-sein“ (was hier als absolutes Übel und nicht als zu akzeptieren politische Meinung behandelt wird) zu unterstellen und dies u.a. Mit einer Rede eines Komikers an Karneval aus dem Jahre 1973, vor 46 Jahren, zu belegen. Hinzu kommt dass mit den letzten Absätzen versucht wird jeden der nicht die politische Meinung des Autors teilt als schlimmen mensch darzustellen welcher Ausländer hasst und sich den Nationalsozialismus zurück wünscht. Und das ist kein ordentlicher Journalismus mehr, werter Herr Karl Adam! Das ist Hetze.

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