Der Lesemärz – Vertrauen und Angst

Frank Biess‚ „Republik der Angst“ ist auch für Kenner der Geschichte der Bundesrepublik eine Bereicherung: Gefühle liegen ja politisch im Trend und neben den eher bekannten Ängsten (Atomtod & Waldsterben) kommen, gerade in der Anfangszeit, einige längst vergessene hinzu (Entführung durch die französische Fremdenlegion & die gefürchteten „Rückversicherer“ gegenüber der Sowjetunion).

Angst haben kann man auch vor den Verhältnissen in Ungarn. Die Mitgliedschaft von Victor Orbans Fidesz in der Europäischen Volkspartei wurde ja jüngst auf Eis gelegt; ein überfälliger Schritt. Jan-Werner Müllers Essay „Wo Europa endet. Ungarn, Brüssel und das Schicksal der liberalen Demokratie“ aus dem Jahre 2012 (!), also ein Jahr nach Orbans Wiederwahl, erweist sich als hellsichtige Analyse. Wenn man sich vergegenwärtigt, was seither in Europa alles  geschehen ist (AfD, Österreich, Brexit, Polen, Italien, Frankreich), kommt einem das kalte Grausen.

Ob das aktuelle Regierungssystem, so wie es sich in Deutschland eingespielt hat, den Erfordernissen der Gegenwart gewappnet ist, diskutiert Florian Meinel in „Vertrauensfrage. Zur Krise des heutigen Parlamentarismus“. Er zeigt überzeugend, warum viele gängige Reformansätze, die meistens etwas mit „mehr direkter Demokratie“ zu tun haben, nur bedingt taugen. Insbesondere die Verwaltungsstaatlichkeit und der sogenannte Vollzugsföderalismus mit ihrer „scharf antiparlamentarischen Pointe“ sind ihm ein Dorn im Auge. „Weniger Bundesrat, Kanzleramt und Bundesverfassungsgericht und mehr Bundestag“ lassen sich seine Überlegungen knapp zusammenfassen.

Beklagt wird bei Meinel auch der Abstieg der Volksparteien, wovon in Deutschland ja primär die alte Tante SPD betroffen ist. Mein SPD-Ortsvereinsvorsitzender, der langjährige Europaabgeordnete Klaus Wettig, hat aus der Summe seiner politischen Erfahrungen einige „Kommentare zum Wiederaufstieg der SPD“ zusammengetragen. An Ratgeberliteratur für die Sozialdemokratie mangelt es ja nicht. Wettigs Einlassungen lesen sich dennoch mit Gewinn. Denn er konzentriert sich auf Wesentliches, das andere meist auslassen: Wahlen gewinnen, Strukturen verändern und Politikfelder besetzen.

Dann war da auch Horst Teltschiks „Russisches Roulette“. Ein Buch, das mit einem lobenden Zitat des antiwestlichen Verschwörungstheoretikers Michael Lüders aufmacht, und in dem vom Verlag das letzte Werk der Putin-Apologetin Gabriele Krone-Schmalz beworben wird – das kann ja nur furchtbar werden. Doch so einfach macht es Teltschik dem kritischen Rezensenten dann doch nicht. Auch wenn dieser beim Lesen ein durchgehendes Störgefühl verspürte. Insbesondere wenn es darum geht, wortreich zu erklären, warum „die Russen“ quasi ein natürliches Anrecht auf ein umfassendes „Sicherheitsglacis“ vor den eigenen Grenzen haben, also sprich: auf ein eigenes Imperium.

Doch viele Fehler des Westens in den letzten dreißig Jahren können auch nicht einfach ignoriert werden. Teltschik fast das alles noch einmal knapp zusammen und hebt sich dabei von oben genannten Stimmen deutlich ab: Kein sinisterer Plan zur Einkreisung Russlands nimmt hier Gestalt an, sondern handwerklich mangelhafte Außenpolitik, Versäumnisse und Missverständnisse, sowie schlicht Überforderung durch die Vielzahl an Themen, welche die internationale Politik seit 1990 bewegten.

Eine etwas grundsätzlichere Beschäftigung mit Geschichte bot diesen Monat Jacques LeGoff mit seinem „Vermächtnisessay“ aus dem Jahre 2014. Warum teilen wir Geschichte überhaupt in Epochen ein? Ist die Renaissance für uns moderne Menschen tatsächlich die Geburtsstunde für das helle, leuchtende Denken, oder muss man, dank des neuen Wissens über die „Errungenschaften des Mittelalters“, nicht vielmehr beide Geschichtsabschnitte im Zusammenhang sehen? Letztlich auch nicht der Weisheit letzter Schluss, aber unbedingt anregend zum Nachdenken, gerade auch im Anschluss an den Essay von Thomas Bauer über das „fehlende“ islamische Mittelalter.

Geschäftsreisenbedingt beschäftige ich mich gerade viel mit dem Land der aufgehenden Sonne und hab zu diesem Zweck noch Florian Coulmas „Kultur Japans“ zu Ende gelesen. Neben vielen grundsätzlichen Fragen, was eine Kultur überhaupt ausmacht, bekommt der Lesende einen intensiven Eindruck vom täglichen Leben in diesem faszinierenden Land; von Geburt bis Tod und stets auf analytisch höchstem Niveau.

Die nötige Unterhaltung zwischendurch bot einmal mehr Star Trek: Neben der hervorragenden Netflix-Serie „Discovery“ sind weiterhin die Romane der Post-Nemesis-Ära zu empfehlen. In „Control“ hat David Mack letztes Jahr das (vorläufige?) Ende der Geheimorganisation „Section 31“ beschrieben, die ja auch in Discovery prominent vertreten ist. „Hearts and Minds“ von Dayton Ward handelt, neben einer nicht allzu spannenden Zeitreisen-Geschichte, vom politischen Fallout der Section-31-Enthüllungen, die auch Enterprise-Captain Jean-Luc Picard nicht unbeschadet lassen…

So long, man liest sich.

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