Wie „deutsch“ waren die deutschen Ängste nach 1945? (Rezension)

Frank Biess plädiert für die Kultivierung einer demokratischen Angstkultur

Der Gedanke, eine Angstgeschichte der Bundesrepublik zu schreiben, liegt wahrlich nahe. Immerhin wurde die spezifische German Angst seit den frühen 1990er Jahren geradezu sprichwörtlich. Der in Kalifornien lehrende Historiker Frank Biess hat diesen Gedanken jetzt in die Tat umgesetzt: Auf knapp 500 Seiten entfaltet er eine „andere Geschichte der Bundesrepublik“. Zeitgemäß erscheint ein solches Unterfangen auch, weil „Gefühle“ im politischen Diskurs gerade (wieder) Konjunktur haben: So hat der Soziologe Heinz Bude bereits 2014 einen Band mit dem Titel „Gesellschaft der Angst“ herausgebracht und 2016 „Das Gefühl der Welt: Über die Macht von Stimmungen“ nachgelegt. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen hat 2018 mit „Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung“ eine konzise Zustandsbeschreibung unserer vernetzten Welt mit ihrer „rauschhaften Nervosität“ inmitten eines „kommunikativen Klimawandels“ geliefert.

Dabei ist die Stimmung oft schlechter als die Lage: Kaum eine Kriminalitätsstatistik kommt ohne den Politikerhinweis aus, die „Sorgen und Ängste der Bürgerinnen und Bürger“ müssten trotz sinkender Fallzahlen „ernstgenommen“ werden.  Sich bedroht fühlende Mehrheiten, „die alles haben und deshalb alles fürchten, sind zu einer starken Kraft in der europäischen Politik geworden“, so schreibt der bulgarische Politologe Ivan Krastev in seinem Essay „Europadämmerung“. Es geht Biess bei seinen Überlegungen nicht um die Postulierung eines wie auch immer gearteten „Volkscharakters“. Entsprechenden Versuchen, die oft von wenigen Einzelschicksalen ausgehend sehr weitreichende Schlüsse ziehen wollen, erteilt er gleich zu Beginn eine Absage. Ihm geht es, mit Ranke gesprochen, darum, zu zeigen, wie es eigentlich gewesen ist, um daraus Möglichkeiten zu entwickeln, „demokratische Ängste“ zu kultivieren. Gefühle, so Biess, haben keine eigene politische Bedeutung, sie sind „radikal kontextabhängig“.

Die German Angst ist schließlich auch eine volatile Sache: Gerade noch hatte es so ausgehen, als ob das liberale und weltoffene Deutschland der Fußball-WM 2006 sich gegenüber den Jahrzehnten zuvor doch deutlich „entspannt“ hatte. Selbst Wirtschafts- und Finanz- sowie Euroschulden- und Griechenlandkrise konnten daran nichts ändern. Heute jedoch sind Zukunfts-, Verlust- und Abstiegsängste wieder an der diskursiven Tagesordnung: Krieg in der Ukraine, Trump und Brexit sowie eine als Bedrohung wahrgenommene Digitalisierung lassen das Sorgenlevel kollektiv ansteigen. Vor allem aber ist es die sogenannte Flüchtlingskrise, die in weiten Teilen der veröffentlichten Meinung zu einer wahren Hysterie geführt hat, mitsamt der Wahnvorstellung einer bewusst geplanten „Umvolkung“ Deutschlands, die in Form der AfD Einzug in den Deutschen Bundestag sowie in sämtliche Länderparlamente gehalten hat.

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Für ein gefühlshistorisches Werk angemessen, erläutert der Autor zunächst seinen autobiographischen Zugang zum Thema: Es waren die 1980er Jahre, als Nachrüstung, Waldsterben, saurer Regen, Ozonloch und Tschernobyl den damals 17-jährigen, wie sehr viele seiner Zeitgenossen, eine „geradezu weltuntergänglerische Angst“ verspüren ließen. Hieran knüpfen zwei zusammenhängende Grundgedanken des Buches an: Es gebe eine „eigentümliche Spannung zwischen der von den Historikern und Historikerinnen konstruierten optimistischen Erzählung der Bundesrepublik und dem Pessimismus der Zeitgenossen“. Anders gewendet: Was bedeutet es, wenn die Bewohner jener „geglückten Demokratie“ (Edgar Wolfrum), jenes „modernen, westlich geprägten Staatswesens, das Demokratie, Rechts- und Sozialstaatlichkeit in sich vereint“ (Gabriele Metzler), über weite Strecken mit Sorge und Angst in die Zukunft geblickt haben? Das muss auch Folgen für den Angstbegriff an sich haben: Dieser kann dann nicht länger als das „Andere“ der Demokratie gelten. Für den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt etwa war die „Freiheit von Furcht“ eine der „Vier Freiheiten“ in seiner Rede vor dem amerikanischen Kongress im Januar 1941 und avancierte später zu einem der zentralen alliierten Kriegsziele. Fortan wurde Angst immer wieder mit dem Totalitarismus assoziiert. Doch wir ahnen: So leicht lassen sich die Dinge nicht trennen.

Im Nachkriegsdeutschland waren es primär echte und imaginierte Bedrohungen von außen, die den Angstdiskurs bestimmten: Mit einem gehörigen Maß an Projektion und Täter-Opferumkehr sahen sich viele Deutsche nun in der Opferrolle, die zuvor den Juden zugekommen war. Eingedenk der eigenen Verbrechen wurde vielerorts eine entsprechende Rache erwartet: Rache von Juden, Rache von Zwangsarbeitern, Rache von DPs (displaced persons). Dass diese nur sehr vereinzelt verübt wurde, änderte nichts an der Angst davor. In der Figur des heimtückischen, verschlagenen „Werbers“ für die französische Fremdenlegion, des defätistischen „Rückversicherers“, der sich bei den Sowjets vor deren drohender Machtübernahme auch im Westen „rückversicherte“, oder im Kommunisten allgemein, verdichteten sich antisemitische und oft auch homophobe Klischees, die direkt an 1945 anknüpften. Kein Wunder: In den halboffiziellen Organisationen, die entsprechende Pamphlete unter das Volk brachten, saßen oftmals Personen, die ihr Handwerk in Goebbels‘ Propagandaministerium gelernt hatten. In einer Broschüre des Ministeriums für Gesamtdeutsche Fragen aus dem Jahre 1951 hieß es unter anderem, dass Kommunisten „hartnäckig und erfindungsreich wie Insekten“ seien, die man nur bei Licht „zertreten“ könne.

Zu diesen großteils irrationalen Ängsten, die dennoch bis hinauf ins Bundeskabinett beraten wurden, traten sehr konkrete Bedrohungen: Im Jahre 1962 hielten 55 Prozent der Bundesbürger*innen einen Atomkrieg innerhalb der nächsten drei Jahre für „möglich“ oder „wahrscheinlich“. Bereits 1955 hatte die NATO unter dem Namen „Carte Blanche“ eine Luftkriegsübung über Westeuropa abgehalten, die auf den Abwurf von 355 sowjetischen Atombomben auf einem Gebiet von Norwegen bis Italien reagieren sollte. Die Kuba-Krise tat ihr übriges, um die Angst vor dem Atomkrieg, die sich in den 1950er Jahren auch im Kampf gegen die Wiederbewaffnung und in der „Kamp dem Atomtod“-Kampagne manifestiert hatte, weiter anzufachen.

Zu Beginn der 1960er Jahre und im Zuge der „Selbstanerkennung“ der Bundesrepublik wandte sich der Blick ins Innere: Moderne Ängste vor dem Verlust von Arbeitsplätzen im Zuge der Automatisierung mitsamt drohender Wirtschaftskrisen à la Weimar traten ins Blickfeld und erinnern in Vielem an heutige Befürchtungen angesichts der Digitalisierung. Hinzu kamen Sorgen um die Stabilität der Demokratie: Immer noch stellte die CDU den Kanzler, immer noch schien der Parlamentarismus den Deutschen nicht zu behagen, immer noch herrschte der alte obrigkeitsstaatliche Geist auf vielen Ebenen der Gesellschaft. Linke und konservative Intellektuelle blickten gleichsam pessimistisch in die Zukunft: Der Politologe Karl-Diedrich Bracher vergleich Adenauers Regierung mit den Präsidialkabinetten der Weimarer Republik, der SPD-Politiker Willi Eichler beklagte die „Gleichschaltung demokratischer Institutionen“ und der Historiker Immanuel Geiss beschrieb bereits 1955 die Gefahr eines „autoritären Regimes“ unter dem „Deckmantel einer antibolschewistischen ‚Erneuerung des Abendlandes‘“. Auf der anderen Seite des politischen Spektrums warnte man vor „zu viel Demokratie“ und sorgte sich um die „Regierbarkeit“ des Staates, den man zudem für zu „krisenanfällig“ hielt. Fluch und Segen liberalen Denkens fasste Ralf Dahrendorf bündig in der Bemerkung zusammen, dass „Menschen, die überwiegend auf eigenes Vorankommen und privaten Vorteil bedachte sind, (…) nicht bereit sein werden, sich ohne Protest totalitären oder autoritären Ansprüchen unterzuordnen.“

Beim Schah-Besuch im Juni 1967 hatte sich beispielhaft die „Kollaboration zwischen einem autoritären und mit amerikanischer Hilfe installierten Diktator der Dritten Welt und den autoritären westdeutschen Eliten“ gezeigt. Es war dies ein Schlüsselmoment der Angstgeschichte der Bundesrepublik. Er hatte eine Verdichtung von Entwicklungen zur Folge, die als das Phänomen „1968“ letztlich zur gesamtgesellschaftlichen Liberalisierung der Bundesrepublik geführt hat, aber auch jene spezifische Dialektik von „revolutionären Ängsten“ und „Angst vor der Revolution“ begründete, die unseren Alltag teilweise bis heute bestimmt. Neue „emotionale Normen“, neue Ideen darüber, was „als gesundes und authentisches Selbst zu gelten hatte“, gewannen in den 1970ern Jahren an Raum, führten jedoch wiederum zu „Aporien, Widersprüchen und Konflikten einer neuen Selbstbestimmung, die Ängste weckten.“ Diese Entwicklungen gingen einher mit einer „Aufwertung der Gefühle“, die auch zu einer „Explosion der Angst“ führte. Wirkmächtig wurde diese dann insbesondere in den 1980er Jahren mit ihren oben erwähnten „apokalyptischen Ängsten“ vor Atomkrieg und Waldsterben.

Der Verweis des Autors auf die klassische Geschichtsschreibung, in der die 1980er Jahre trotz des oben beschriebenen Umstands vor allem als Phase der „erneuten Stabilisierung“ rezipiert wurden, zeigt erneut die Leerstellen, die eine reine Politikgeschichte, die gesellschaftliche Stimmungen außer Acht lässt, notwendigerweise haben muss. Das gilt insbesondere auch für die Phase von der Wiedervereinigung bis in unsere Gegenwart. Mit dem Aufstieg der AfD, einer Partei des „katastrophischen Erwartungshorizonts“, manifestieren sich Ängste vor dem drohenden Finanzkollaps, vor dem Verlust kultureller Identität und vor, wie gesehen, „Überfremdung“ und „Umvolkung“. Deutschland ist hier tatsächlich, wie einige Autoren geschrieben haben, in der „Normalität“ angekommen; eine gesamteuropäische Normalität allerdings, in der sich rechtspopulistische Parteien dauerhaft etablieren konnten. Angstmuster, die eher von Links in den politischen Diskurs geführt wurden (auch die Grünen waren anfangs extrem pessimistisch, was die Zukunft angeht), werden heute von der Rechten gekapert, die für sich in Anspruch nehmen, die „wahren Zukunftsängste“ der Bürger*innen zu verstehen.

Wie „deutsch“ waren als die deutschen Ängste nach 1945? Sicherlich gibt es die von Biess beschriebene „nationalspezifische Katastrophe von Krieg, Faschismus und Holocaust“. Doch abgesehen davon, dass der objektivierende Begriff der „Katastrophe“ in der Historiographie längst überwunden ist, wäre hier ein Verweis auf die ehemaligen Achsenmächte Italien und Japan, die ja auch ähnliche Terrorismuserfahrungen gemacht haben, wie Westdeutschland in den 1970er Jahren, angebracht gewesen. Spannend hingegen der Hinweis auf die „Zeitbedingtheit der Vorstellung von der German Angst“, die im Kontext der 1980er und 1990er Jahre vor allem „als rhetorisches Mittel zur Kritik pazifistischer und fortschrittsskeptischer Positionen“ galt und nach 2000 als „Ausdruck einer spezifischen und über Generationen vererbten Traumatisierung im Zweiten Weltkrieg“ gebraucht wurde. Die Angstkultur des gegenwärtigen Rechtspopulismus schließlich repräsentiert neben seinem autochthonen Anteil „auch eine deutsche Variante eines übernationalen Phänomens“, für das stellvertretend eben Trump und der Brexit stehen.

Dass nun viele der Ängste, die in dem Buch referiert wurden, letztlich gegenstandslos waren und die meisten Befürchtungen der Deutschen sich als unbegründet erwiesen haben, sollte nach Ansicht des Autors keineswegs zu einem „emotionalen Attentismus des ‚Es wird schon gutgehen‘“ führen. Die Kultivierung einer „demokratischen Angstkultur“ könne im Gegenteil mobilisierend wirken: „Denn diese Ängste könnten in der Tat die Zukunft verhindern, die sie imaginieren.“

Ebenfalls erschienen auf Literaturkritik.de

 

 

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