Gegen Lewitscharoff

Die sprachgewaltige Lewitscharoff haut ja öfter mal – wenn man so will – daneben. Bekanntlich bezeichnete sie 2014 Menschen, die durch künstliche Befruchtung erzeugt wurden, als „Halbwesen“. Heute ballert sie uns in der Literarischen Welt eine ganze Batterie von populistischem Reaktionärskram um die Ohren. Der Text dürfte in die Diskursgeschichte der Bundesrepublik eingehen. Eine solche Verdichtung von Ressentiment beladenem Kulturpessimismus gab es seit Botho Strauss‘ „Anschwellendem Bocksgesang“ (1993) nicht mehr.

Das Ganze versteht sie als Erklärung für die Unterzeichnung des Aufrufs „Schluss mit dem Gender-Unfug“, den der Verein für deutsche Sprache e. V. diese Woche unter das Volk gebracht hat. Jene trübe Gesellschaft, in die sich die Lewitscharoff da begibt, liest sich – zufällig? – wie das Who-is-Who der deutschen Flüchtlingskritik: Rüdiger Safranski, Monika Maron, Peter Hahne und – of all people – Hans-Georg Maaßen, um nur einige zu nennen.

Es geht los mit der pflichtschuldigen Versicherung, Gleichberechtigung an sich sei ja schon eine sinnvolle und durchaus unterstützenswerte Sache. Nach diesen in der Struktur „Ich habe nichts gegen Frauen, ich bin ja schließlich selbst eine“ vorgetragenen Vorbemerkungen geht es dann ans eigentliche Thema: Es sind jene „sternchenbesäten Schreiben“, die die Autorin „zur Weißglut“ bringen. Zugegeben: Auch ich störe mich teilweise an dem „holprigen Schriftbild“ und bin oft hin- und hergerissen, wie konsequent ich meine Texte gendere. Doch wenn man (sic!) dann sieht, wer sich über das Gendern besonders aufregt, und welchem Milieu diese Menschen entstammen, wird mensch beinahe automatisch zum Binnensternchenfetischisten.

Wes Geistes Kind diese Kritik in der Regel ist, wird nämlich im weiteren Verlauf mehr als deutlich: Kommunikationswissenschaften und Gender Studies? Nichts weiter als „grässliche Blasebalgfächer, die dem Denken den Garaus machen.“ Auch zur Frage der Geschlechterdiversität fällt der Autorin in AKK-Manier nichts weiter ein, als sich darüber lustig zu machen: „[Ü]ber dreißig Geschlechter, die inzwischen gezählt werden – oder sind es gar annähernd fünfzig?“ Fehlen in dieser tour d’horizon des zeitgenössischen Kulturuntergangsdiskurses darf natürlich auch nicht die Klage über die Unmöglichkeit des unverbindlichen Flirts in der angeblich so sterilen Geschlechtergerechtigkeitswelt: „Gendergerecht flirten zu sollen, haut nun mal nicht hin. Eros hat seine Launen und Abgründe.“ Schnellroda-Adepten reden viel über die fehlende Thymos-Spannung des heutigen deutschen Mannes. Die Lewitscharoff redet von „entschlossenen Hasenfüßen“, die so „erotisch“ seien „wie eine Blindschleiche“: „In Berlin lässt sich gut beobachten, dass viele junge Leute, die eigentlich in ihren umtriebigsten erotischen Jahren sein müssten, kaum eine körperliche Beziehung wagen. Die Männer wirken schlapp und feige, die Frauen unglücklich und neurotisch.“

Berlin stand ja dem deutschen Michel seit jeher für die Verwerfungen der Zivilisation im Gegensatz zur guten alten deutschen Kultur. Beinahe amüsant mutet dabei die Klage über die geringen Erfolgsquoten beim Flirten an, die aus dem Sprachreinheitsmilieu gehäuft erhoben wird: Kann es sein, dass in den meisten Fällen weder Frau noch Mann Bock haben auf jene altmodischen Untergangsgesänge, auf jenes kulturkritische, spaßbremserische, sorgenfaltenschwere, neunmalkluge, mit viel Gratismut-sperrangelweit-offene-Türen-einrennende Geraune? Auf keiner WG-Party geht es so krampfhaft zu, wie hier unterstellt wird. Kurz: Keine Ahnung, wo die Lewitscharoff ihre Beobachtungen anstellt.

So, und jetzt kommen wir zum Ende des Textes. Erwähnte ich oben nicht, dass sich die Liste der Aufrufunterzeichner wie ein Who-is-Who der deutschen Flüchtlingskritiker*innen liest? Es darf natürlich bei all dem nicht der Hinweis auf die Zuwanderung aus „extrem patriarchalisch geprägten Ländern“, auf die „in der Mehrzahl jungen Männer“, die „zu uns kommen“, fehlen. Denen ist ja bekanntlich nicht bewusst, dass „junge Frauen sich bei uns freizügig kleiden und dennoch keine Huren sind, erst recht kein bloßes Fleisch, an dem man sich vergehen kann.“ Solchen Problemen könne man – wer hätte das auch behauptet? – nicht mit „Sternchen und sprachlichem Korrektheitswahn“ begegnen.

Da hat die Lewitscharoff Recht. Problemen, die sich aus der Zuwanderung ergeben, selbst wenn diese nicht so stereotyp formuliert werden wie hier, werden mit Sprache allein nicht gelöst werden können. Noch viel weniger aber werden sie durch reaktionären Dünkel gelöst. Denn wenn dieser seine Diskurshegemonie nicht irgendwann eingebüßt hätte, gäbe es gar keine Versuche zur Herstellung der Gleichberechtigung von Mann und Frau, gäbe es gar kein weltoffenes und vielfältiges Deutschland, hätte sich die gesellschaftliche Liberalisierung gegen den selbst nach zwei angezettelten und verlorenen Weltkriegen hartnäckig sich haltenden altdeutschen patriarchalischen Obrigkeitsgeist gar nicht durchsetzen können. Dass ausgerechnet aus diesem Milieu nun die Gleichberechtigung der Frau gegen die Migration als Argument ins Feld geführt wird, ist ein Treppenwitz der Geschichte. Ein ziemlich schlechter. Könnte glatt von AKK sein.

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