Der Lesefebruar: Unheilvolle Traditionen, der Konservatismus und die Luxemburg

„Zeitenwende“ 1979 (und nebenbei gesagt Geburtsjahr des Autors dieser Zeilen): Ob es sich wirklich um DAS „Schlüsseljahr des 20. Jahrhunderts“ handelt, wie Sloterdijk lauttönend-werbewirksam raunte, sei dahingestellt. Eine echte Zäsur war es trotzdem:

Zeitenwende 1979. Als die Welt von heute begann von Frank Bösch

Warum der Mittelalterbegriff an sich und insbesondere auf den Islam bezogen problematisch ist, was das alles mit Ambiguitätstoleranz zu tun hat und wie man die Weltgeschichte anders einteilen könnte, schreibt Thomas Bauer in seinem wunderbar lesbarem Essay:

Warum es kein islamisches Mittelalter gab. Das Erbe der Antike und der Orient von Thomas Bauer

Die für lange Zeit maßgebliche Luxemburg-Biografie hat Ernst Piper vorgelegt. Spannend ist dabei neben ihrem Leben an sich vor allem, was daraus gemacht wurde. Politisch missbraucht, verklärt, geheiligt und verdammt wurde Rosa Luxemburg von vielen Seiten. Näheres dazu hier:

Rosa Luxemburg. Ein Leben von Ernst Piper

Gabriele Metzler hat sich die Staatsvorstellungen deutscher Historiker nach 1945 angesehen und dabei bewiesen, dass Historiographie sich spannend wie ein Krimi lesen lässt. Wie tief jene unheilvollen, antiwestlichen Traditionen bei den Herren Ordinarien saßen, ist noch krasser, als ich es ohnehin schon gedacht hatte. Eine erhellende Lektüre:

Der Staat der Historiker. Staatsvorstellungen deutscher Historiker seit 1945 von Gabriele Metzler

Hinzu kamen reisebedingte Japan-Grundlagen, ein schmaler Essay zur Frage, ob die Menschenrechte „westlich“ seien (Antwort: Nein) und ein Essay von Volker Steinkamp, den ich für Literaturkritik.de rezensiert habe:

Foreign Affairs. Kritische Betrachtungen zur Außenpolitik von Volker Steinkamp

Auch endlich zu Ende gelesen: „Mit Rechten reden“. Das war spätestens nach dem furios-bösen Essay über die „Linksrechtsdeutschen“ von Maxim Biller nötig geworden. Der jovial-komödiantische Ton nervt mich bei so einem Thema. Es nervt mich auch, dass überhaupt mit Rechten geredet werden soll. Andererseits beinhaltet das Buch die besten, gründlichsten und durchdachtesten Argumente gegen die „Neue Rechte“, die ich mir überhaupt vorstellen kann. Insofern: Sehr lesenswert. Und ich denke nochmal darüber nach, warum mich das alles so nervt.

Schlussends: Der Biebricher über die (ausgebliebene) „geistig-moralische Wende“ von Kohl bis Merkel. Ein bahnbrechendes Buch! Wer sich für den Konservatismus in Deutschland interessiert, wird nicht daran vorbeikommen. Übrigens: HABERMAS! Auf jeder zweiten Seite! Es wäre wirklich spannend, einmal gezielt zu untersuchen, welchen Einfluss dieser Planet von einem Mann auf den deutschen Konservatismus als Kontrastfolie gehabt hat. Wobei: Anknüpfungspunkte gibt es ja auch. Wie sagte doch Arnold Gehlen so elegisch über Adorno und die Frankfurter Schule? Sie seien wie „die Verirrten im Walde, die sich noch durch Zurufe erreichen, über die Wölfe hinweg.“

Geistig-moralische Wende. Die Erschöpfung des deutschen Konservatismus von Thomas Biebricher

So long, man liest sich.

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