Deutsche Historiker und wie sie den Staat sehen (2/2)

Fortsetzung von Deutsche Historiker und wie sie den Staat sehen (1/2)

Zu Gabriele Metzlers: Der Staat der Historiker. Staatsvorstellungen deutscher Historiker seit 1945, 371 Seiten, Suhrkamp, Berlin 2018.

Wie gesehen, bleib der deutschen Geschichtswissenschaft nach 1945 „das innovative Potential versagt, das remigrierende Wissenschaftler etwa in die junge Disziplin der Politikwissenschaft hineintrugen.“ Von hier und aus der Soziologie kamen dann auch seit Mitte der 1950er Jahre die ersten bahnbrechenden Werke, die eine Wende einleiten sollten: Karl-Diedrich Brachers „Auflösung der Weimarer Republik“, Kurt Sontheimers „Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik“ oder Ernst Fraenkels „Deutschland und die westlichen Demokratien“ seien hier stellvertretend genannt. Nicht mehr kulturphilosophische Spekulationen, Dämonologie und Schicksalsgeraune bestimmten diese Schriften; die Autoren, die oftmals einen Teil ihres Studiums in den USA absolviert hatten, nutzen vielmehr sozialwissenschaftliche Instrumente, um ihre Forschungsgegenstände zu untersuchen.

Das Gros der historischen Lehrstuhlinhaber blieb freilich ihrem methodischen Konservatismus verpflichtet und suchte sich den Argumenten der ab 1961 einbrechenden „Fischer-Kontroverse“ vornehmlich zu erwehren, verwies diese doch neben dem konkreten Thema der kaiserlichen Vorkriegspolitik auf eine Kontinuität deutschen Expansions- und Machtstrebens, welche sämtliche Versuche, den Nationalsozialismus als „Betriebsunfall“ gleichsam aus der deutschen Geschichte auszuklammern, scheitern lassen musste. Der unvermeidliche Gerhard Ritter hatte in diesem Zusammenhang von einer „Erneuerung der Schuldanklage von Versailles“ und einer „Selbstverdunkelung deutschen Geschichtsbewusstseins“ gesprochen. Es war der 1938 aus Deutschland emigrierte New Yorker Historiker Fritz Stern, der seinerzeit bündig formulierte, „eine Folge von Betriebsunfällen in der deutschen Geschichte anzunehmen, (…) gehe nicht an, ohne auf den Gedanken zu verfallen, dass in dem Betrieb etwas nicht gestimmt habe.“

Hatte Fritz Fischer also mit seinem Wirken den Nationalsozialismus „in die deutsche Geschichte hineingeholt“, fällt es dem Lesenden des Jahres 2019 schwer, nicht an den notorischen „Vogelschiss“-Ausspruch des AfD-Partei- und Fraktionsvorsitzenden Alexander Gauland zu denken, mit dem versucht werden sollte, Hitler und den Nationalsozialismus zurück in jene „Ausnahmestellung“ in einer ansonsten „erfolgreichen“ deutschen Geschichte zu bringen, die im Zuge der Fischer-Kontroverse zunächst partiell überwunden werden konnte.

Neben den andauernden Auseinandersetzungen um Staatsverständnis und Rolle Deutschlands in zwei Weltkriegen begann in den 1960er Jahren auch die Beschäftigung der Historiker mit der Geschichte der Bundesrepublik, die im Jahr 1963 einen längeren Bestand feiern konnte, als es der Weimarer Republik vergönnt gewesen war und die offensichtlich eine höhere Stabilität aufwies. Prägend war in dieser Hinsicht Arnulf Barings Studie über die „Kanzlerdemokratie“ Adenauers. Pluralistisch war diese keineswegs: Der Kanzler als zentrale Autorität dominierte vielmehr alle anderen Verfassungsorgane und hatten auch kein echtes Verständnis für deren jeweilige Legitimität. Obrigkeitsstaatliches Denken hatte sich auch nach 1945 wirkmächtig erhalten können; die „Stunde null“, so wurde nun erkennbar, war ein geschichtspolitischer Mythos. „Den Volksbegriff entmythologisieren und den Staatsbegriff (…) entmystifizieren“, lautete die Empfehlung Ernst Fraenkels, sollte es mit dem Parlamentarismus in Deutschland auf Dauer funktionieren.

Solcherlei vorbehaltloses Anerkennen eines „westlichen“ Staatsverständnisses führte bereits früh zu Phantomschmerzen bei konservativen Historikern, die hierin nichts anderes als den „Verlust“ einer spezifisch „deutschen“ Staatstradition zu sehen vermochten. So schreib etwa Ernst Nolte 1970: „So ist die Bundesrepublik heute ein politisches Gebilde wie kein anderes in der Welt: als Gesellschaft so ausgeglichen, liberal und wohlwollend wie nur irgendeine; als Staat schwächer und von geringerem Selbstbewusstsein erfüllt als jeder andere.“ Diese Lesart deutscher Nachkriegsgeschichte, die auch heute noch einige Verbreitung findet, kann als mittlerweile siebzigjähriges Rückzugsgefecht betrachten werden.

Zu Beginn der sozialliberalen Ära hatten die nach wie vor in ihrer Mehrzahl konservativen Historiker der „Hegemonie der Sozialwissenschaftler“ freilich wenig entgegenzusetzen. Während linke „Stamokap“-Theoretiker nie in den Genuss eines historischen Lehrstuhls gelangten, dauerte es eine Weile, bis sich eine Generation von sozialliberalen Historikern herausgebildet hatte, die ihre staatspolitische Funktion in der „Stabilisierung der Demokratie“ sahen, wie es Helga Grebing formulierte. Die 1970er und 1980er Jahre erscheinen als eine Zeit, in der mit einem „Überschuss an Polemik (…) (partei-)politische Grabenkämpfe“ ausgefochten und „auf das heftigste um methodologische Dominanz und historische Deutungshoheit“ gerungen wurde. „(I)n wissenschaftlicher Hinsicht relativ unergiebig und eine ‚verpasste Chance‘“, fasst Metzler diese Phase mit Eckart Conze zusammen.

Es war ja nicht nur die „moderne Hypertheoretisierung“ die ein Klaus Hildebrand einem Hans-Ulrich Wehler mit seinem Projekt einer „Sozialgeschichte“ bereits in den frühen 1970ern vorwarf, nicht nur der „romantisierende Neohistorismus“, den Wehler in den 1980ern seinerseits den „gefühlsstarken Barfusshistorikern“ der „Alltagsgeschichte“ attestierte; es war vornehmlich der „Historikerstreit“ um die Vergleichbarkeit des Holocaust, der noch einmal jenes unheilvolle Amalgam aus historischem Erkenntnisinteresse und staatspolitischer Legitimationsabsicht herausstrich, das die Geschichtswissenschaft bis auf den heutigen Tag ihre herrschaftsabsichernde Funktion ausüben lässt – und sei es nur in Form der stromlinienförmigen Argumentationslinie, die in der Regel die meisten Drittmittel verheißt.

Mit dem Historikerstreit endet gleichsam auch die Ära der großen Auseinandersetzungen klar identifizierbarer Historikergenerationen. EU-Geschichte, Wiedervereinigung, Transnationalismus – all das ist ja weitaus diffiziler, weniger deutlich im Fluchtpunkt, und wagemutiger gegenüber den sozialwissenschaftlichen Nachbarwissenschaften aufgearbeitet worden, als vieles zuvor. Kontinuitäten, Zäsuren und Modernisierungstheorien wurden mittlerweile in einer Weise ausdifferenziert, dass es manchmal scheinen mag, als entstehe keine Geschichte mehr aus der Geschichte.

Beim flüssigen Lesen dieser geschichtsdiskursiven Entwicklungen fällt nicht zuletzt die stringente Struktur des Bandes positiv auf: Die einzelnen Kapitel werden jeweils durch konzise Worte zum zeitgeschichtlichen Kontext eingeleitet, um dann die jeweiligen Staatsvorstellungen, geschichtspolitischen Aktivitäten und methodischen Orientierungen prominenter Historiker zu präsentieren. Diese werden dann jeweils auf prägnante Formeln gebracht: Zeitgeschichte als „Legitimationswissenschaft“ (vor 1945), als „defensive Wissenschaft“ (Nachkriegszeit), als „Stabilisierungswissenschaft“ (1950er Jahre), als „Reformwissenschaft“ (1960er Jahre), als „polarisierte Wissenschaft“ (1970er Jahre), als „pluralistische Wissenschaft“ (1980er Jahre), als „Konsenswissenschaft“ (Wendezeit und 1990er Jahre) und schließlich als „suchende Wissenschaft“ (Gegenwart).

Historiographische Charakteristika der letzten zwanzig Jahre, etwa eine gewisse „Theorieaversion“ oder auch ein fehlendes Interesse, sich in tagespolitische Auseinandersetzungen einzubringen, scheinen sich gegenwärtig zu wandeln. Zeitgeschichte wieder als Streitgeschichte – wer würde bestreiten, dass es im zeithistorischen Gebälk mächtig kracht? Der Ausgang ist wie immer ungewiss. Dank der verdienstvollen Studie Gabriele Metzlers wissen wir aber immerhin, wie wir hier hingekommen sind.

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