Deutsche Historiker und wie sie den Staat sehen (1/2)

Zu Gabriele Metzlers: Der Staat der Historiker. Staatsvorstellungen deutscher Historiker seit 1945, 371 Seiten, Suhrkamp, Berlin 2018.

Die Berliner Historikerin Gabriele Metzler nennt ihre gehaltvolle Untersuchung der Staatsvorstellungen deutscher Historiker seit 1945 bescheiden einen „Essay“. Dabei ist eine gewisse teleologische Ausrichtung von Anfang an erkennbar: Der Fluchtpunkt ist das „moderne, westlich geprägte Staatswesen, das Demokratie, Rechts- und Sozialstaatlichkeit in sich vereinte“. Dass dies auch nach zwei angezettelten und verlorenen Weltkriegen keine Selbstverständlichkeit war – mitunter wurde von einem „Demokratiewunder“ gesprochen –, zeigt Metzler eindrücklich. Die fachlichen Grundlagen auf denen speziell die deutschen Historiker aufsetzten, waren für ein solches Unterfangen auch denkbar ungeeignet, wie bei der Lektüre des „Prägungen“ genannten Eingangskapitels deutlich wird. Sie bilden die Basis für die „Historiographiegeschichte in gesellschaftsgeschichtlicher Absicht“, um die es Metzler zu tun ist.

Da ist zunächst das unselige Erbe des Historismus mit seiner „schwerlich“ zu relativierenden Staatsfixiertheit: „Während die britische Geschichtsschreibung die Verfassung als zentralen Fluchtpunkt hatte und die französischen Historiker an das Erbe der Revolution von 1789 und den Republikanismus anknüpften, liefen die dominanten Deutungen der deutschen Geschichtswissenschaft auf den (National-)Staat zu.“ War schon das berühmte Historiker-Diktum des Leopold von Ranke (1795-1886), zu „zeigen, wie es eigentlich gewesen“ ist, eher Postulat denn Realität, so deuteten seine Nachfolger zur Zeit des Wilhelminismus das „Primat der Außenpolitik (…) in folgenschwerer Weise naturalistisch und sozialdarwinistisch“ um, zitiert Metzler einschlägige Forschung zum Thema. „Macht“, so Heinrich von Treitschke (1834-1896), sei als „Glacis des Staates, wie der Glaube das Princip der Kirche.“

Dass beim Kriegsausbruch 1914 auch die deutschen Gelehrten mobil machten, ist ja hinlänglich bekannt. Die Kriegsbegeisterung des „Augusterlebnisses“ ging auch an der Historikerzunft nicht vorbei. Und sie lieferten in ihrer großen Mehrheit auch die passende Ideologie: Die „Ideen von 1914“ wurden den „Ideen von 1789“ gegenüberstellt. Hierbei handelte es sich um die Vorstellung, „es gebe eine spezifisch deutsche Kultur und mit ihr eine spezifisch deutsche politische Tradition, die mit westlichen Leitvorstellungen nicht nur nichts gemein habe, sondern diesen entgegengesetzt, ja überlegen sei.“ „Idealistisches“ gegen „utilitaristisches“ Staatsdenken, „deutsche Freiheit“ gegen „materialistische Willkür“, „Helden“ gegen „Händler“ hießen die einschlägigen Formeln, die Thomas Mann dann in seinen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ ausformulierte und deren nicht allzu fernes Echo noch heute bei führenden AfD-Vertretern widerhallt.

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Dass der Weimarer Parlamentarismus im Mainstream der Historiker nicht wohl gelitten war, überrascht kaum: Vom bekannten „Vernunftrepublikaner“ Friedrich Meinecke abgesehen, überwog bei Weitem die Ablehnung des neuen „Systems“. Zu Anfang beteiligten sich viele am „Kampf der Akten“, der systematischen Auswertung der Korrespondenz des Auswärtigen Amts, mit der man den Kriegsschuldartikel des Versailler Vertrags zu entkräften suchte. Noch heute arbeiten sich Historiker an den 40 Bänden der „Großen Politik der europäischen Kabinette 1871-1914“ ab. Was damals entstand, wurde gelegentlich eine „Kriegsunschuldforschung“ genannt. Dass hierbei nicht unbedingt nur gezeigt werden sollte, „wie es eigentlich gewesen“ ist, wurde mittlerweile vielfach belegt. Gerhard Ritter, der später die bundesrepublikanische Geschichtswissenschaft der Nachkriegszeit prägen sollte, schrieb 1919, die deutsche Geschichte sei an ihrem Ende angelangt – „mit einer schlechten Parteikomödie“. Der „schwächliche Parteienstaat“, so die vielfach geübte Kritik, solle durch eine „stärkere Exekutive“ abgelöst werden, die Einführung der autoritären Präsidialregierung ab 1930 wurde fast einhellig als „Befreiung von der Vorherrschaft der Parlamente“ begrüßt.

Es gab also einige inhaltliche Anknüpfungspunkte zum „Führerstaat“, wie er dann ab 1933 Gestalt annahm. Man wird, so kann Metzler zeigen, bei den meisten deutschen Historikern nicht von überzeugten Nationalsozialisten sprechen können. Widerstand ist gleichwohl kaum überliefert. Der Vertreibung der jüdischen Kollegen wurde mit „dröhnendem Schweigen“ begegnet, wie Hans-Ulrich Wehler bemerkt hat. Führende NS-Historiker wussten, welche Rolle ihre Wissenschaft von jetzt an zu spielen hatte. So schrieb der neue Herausgeber der Historischen Zeitschrift, Karl Alexander von Müller, 1936: „Vor andern ist sie heute verpflichtet, den neuen Geist, der in unserem Volk lebendig wird, auch auf der Walstatt der wissenschaftlichen Kämpfe voranzutragen, mitzubilden am Antlitz des Deutschtums für die kommende Zeit.“

Die Etablierung der Zeitgeschichte nach 1945, mit der die Untersuchung Metzlers einsetzt, bedeutete auch für die deutsche Geschichtswissenschaft keine „Stunde null“. Vielmehr zeichnete sie sich durch zahlreiche personelle, institutionelle und inhaltliche Kontinuitäten aus. Klaus-Dietmar Henke konnte diese jüngst in seiner Untersuchung über die „Organisation Gehlen“ (der Vorläuferin des Bundesnachrichtendiensts) nochmal eindrücklich zeigen. So hieß es in einem Brief des ersten Geschäftsführers des frisch gegründeten Münchener Instituts für Zeitgeschichte (IfZ), Gerhard Kroll, an Reinhard Gehlen, der als Generalmajor der Wehrmacht die Abteilung Fremde Heere Ost (FHO) im Generalstab des Heeres geleitet hatte: „Das Institut wird nichts herausgeben, was den Generalstab belasten könnte.“

Die unselige Machtstaatsfixierung, die herrschaftslegitimierende Funktion – all dies blieb über 1945 hinaus erhalten. Nur etwa 20 von den rund 110 Inhabern eines historischen Lehrstuhls an den deutschen und österreichischen Universitäten verloren dauerhaft ihre Professur, schätzt Metzler. Ein privates Schreiben des Göttinger Historikers Siegfried Kaehler vom Mai 1945 lässt in punkto Kontinuität keine Fragen offen: „Sollten Universitäten weiter bestehen bleiben, so bleibt uns die Aufgabe, die Überlieferungen des wahren und wirklichen Deutschland zu wahren und zu verteidigen gegen die bereits im Gang befindliche Verleumdung durch demokratisch-jüdische Propaganda und gegen die angelsächsische Selbstgerechtigkeit.“

„Antikommunismus“ und „Abendlandkonzept“ erlaubten es, in vielerlei Hinsicht dort weiterzumachen, wo man 1945 vorübergehend aufgehört hatte. Hitler und der Nationalsozialismus wurden in den Bereich der „Tragödie“ und des „Dämonischen“ abgeschoben, ja, sie wurden von Ritter & Co. jener Sphäre des „kulturnivellierten Massenmenschen“ zugerechnet, gegen die man ja seit jeher angeschrieben hatte. Überhaupt keine Rolle spielte der Holocaust für die deutsche Geschichtswissenschaft der Nachkriegszeit. Das Thema ging im „Getöse des Kalten Krieges“ (Ulrich Herbert) unter und wurde „kommunikativ beschwiegen“ (Hermann Lübbe). Und das erste große interdisziplinäre Forschungsvorhaben des IfZ widmete sich ausgerechnet der Vertreibung der Deutschen aus dem Osten, womit die verbreiteten Äußerungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, die sich auch im Zuge der Veröffentlichung von Günter Grass‘ Gustloff-Buch „Im Krebsgang“ einstellten, sich jetzt doch „endlich“ auch der Geschichte der Vertreibung widmen zu müssen, noch im Nachhinein Lügen gestraft werden.

Kurzum: Die „gründliche Revision“ des „herkömmlichen Geschichtsbilds“, die etwa Friedrich Meinecke in einem Brief an Hans Rothfels anmahnte – sie blieb vorerst Desiderat.

Hier geht es weiter: Deutsche Historiker und wie sie den Staat sehen (2/2)

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2 Kommentare

  1. Danke für die Besprechung mit teils gruseligen und ebenso erhellenden Zitaten.
    Das „Demokratiewunder“ lässt sich in verschiedener Hinsicht befragen. Daher nur als Rückfrage: die Autorin behandelt die Geschichtsschreibung der Bundesrepublik; hat sie auch einen Blick auf die DDR?
    Die eingangs benannte „Staatsfixiertheit“ in Deutschland hat wohl unter anderem auch mit Hegels Staatsdenken zu tun, das hierzulande zu einem Fach „Staatswissenschaft“ geführt hat, das es sonst um uns herum nicht gab, wo die Tradition des klassischen politischen Denkens stärker gepflegt wurde.
    Bin schon gespannt auf Teil II
    Viele Grüße

    1. Danke für den netten Kommentar! Hegel wird auch vielfach erwähnt, und auch die DDR, wo es ja gleich wieder zu einer „Indienstnahme“ der Geschichtswissenschaft kam. Dazu mehr demnächst!

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