Rosa Luxemburg. Ein Leben (Rezension)

Eine Geschichte Rosa Luxemburgs ist immer auch Teil der Geschichte der SPD. Und es ist ein schmerzhafter Teil. Das Festhalten am links-revolutionären Kurs in der Revisionismusdebatte, die Agitation gegen „Kriegskredite“ und „Burgfrieden“ im Ersten Weltkrieg und schließlich die Ermordung durch Freikorps-Soldaten am 15. Januar 1919, für die letztlich der Reichsinnenminister Gustav Noske (SPD) zumindest die politische Verantwortung trug – all das gemahnt an den Konflikt zwischen Reform und Revolution, welcher der Sozialdemokratie bis heute eingeschrieben ist. Politisch missbraucht, verklärt, geheiligt und verdammt wurde Rosa Luxemburg von vielen Seiten. Bis heute fungiert sie als Symbol für einen Sozialismus, den es nie gegeben hat; für ein Festhalten an einem Traum, der sich nicht erfüllt hat. Eine gewaltsame Revolution von oben, Zentralismus und Parteidiktatur lehnte die 1871 in Polen geborene Sozialistin ab, was sie keineswegs zur Liberalen, sondern zu einer Art „sozialistischen Pluralistin“ machte, falls es so etwas geben kann. Jedenfalls brachte ihr Kurs sie schon früh in Konflikt mit Lenin. Der oft zitierte Spruch „Die Revolution ist großartig, alles andere ist Quark“, bezog sich noch auf die russische Revolution von 1905, die in einer Parlamentarisierung des Zarenreichs mündete. Für Stalin war ihr Denken jedenfalls eine „Syphilis der Arbeiterbewegung“.

Dass noch heute alljährlich die Nachfahren der SED und zahlreiche Altkommunisten zur Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde pilgern, um Luxemburg und des ebenfalls ermordeten Karl Liebknechts zu gedenken, und dort immer wieder die Konterfeis von Lenin und Stalin gezeigt werden, ist ein weiterer Missbrauch. Gerade in der DDR durften ihre Schriften ja erst 1971 erscheinen. Das oft zitierte „Freiheit ist immer Freiheit des Andersdenkenden“ galt ja weiß Gott nicht im „Arbeiter- und Bauernstaat“ und avancierte in den 1980er Jahren vielmehr zur Dissidentenparole. Gleichwohl attestierte ihr der Verfassungsschutz bis vor kurzem einen „hohen Symbolwert für den Linksextremismus“. Der Historiker Heinrich-August Winkler urteilt, dass sie und Liebknecht „im hohem Maße die Verantwortung für das Blut, das in den Januarkämpfen (1919) vergossen wurde (…) trugen.“ Und sein Kollege Eckhard Jesse geht davon aus, dass, wäre sie nicht ermordet wurden, „wohl kaum jene geradezu panegyrische Verehrung eingesetzt (…) hätte.“

Ohne Frage: Rosa Luxemburg polarisiert. Das zeigt sich auch an den zahlreichen Besprechungen der neuen Biografie, die der Historiker und Verleger Ernst Piper jetzt vorgelegt hat. Eine vorbehaltslose Beurteilung der Vita einer Frau, nach der auch noch die Parteistiftung der Linken benannt ist, scheint kaum möglich. Egal, ob die Rezensentin der FAZ ihr die „charismatische Wirkung“ abspricht und dem Autor attestiert, letztlich doch ein eher „rosiges“ Bild zu zeichnen, oder sich der Rezensent in der WELT vorsorglich distanziert („Man kann Rosa Luxemburg als Mensch faszinierend und tragisch finden und muss deswegen noch lange nicht die Diktatur des Proletariats gutheißen“) –  Person und Wirkung bei einer „so eindeutig von linker bis linksdoktrinärer Biografik gekaperte(n) Persönlichkeit zu trennen“, muss ein Kraftakt gewesen sein, der Ernst Piper allerdings mit diesem Mammutwerk geglückt ist.

Es ist ja an diesem Leben, das dann doch immer wieder auf das Ende und das Nachleben reduziert wird, so vieles interessant und berichtenswert: Das Wirken der polnischen Jüdin zunächst in der polnisch-litauischen und später der deutschen Sozialdemokratie, das vielseitige Studium in Zürich, wo Männer und Frauen einzig im deutschen Sprachraum gleichberechtigt studieren konnten, ihre Rolle als Wortführerin des linken Parteiflügels, ihre berührende Stilistik als Briefschreiberin, insbesondere während der Gefangenschaft im Ersten Weltkrieg, ihre rege publizistische Tätigkeit sowie auch ihre Kinderlosigkeit – all diesen Aspekten geht Piper in seiner quellengesättigten Biografie, die lange Zeit maßgeblich bleiben wird, nach.

Und auch zur Aktualität Luxemburgs hat Piper Überzeugendes zu bieten: „Sie sagt: Wir müssen das Zeitalter der Nationalstaaten überwinden, wir wollen ja eine proletarische Weltrevolution. Wir wollen nicht Nationalstaaten restituieren, wo dann wieder die Bourgeoisie an der Macht ist, sondern wir wollen die Arbeiterklasse emanzipieren. Und das ist natürlich gerade in der heutigen Zeit aktueller denn je: Es gibt keine Alternative dazu, sich internationaler zu organisieren. Der Kapitalismus tut das sowieso. Dieser Globalisierungsprozess hat ja längst stattgefunden. Und wenn man dem etwas entgegensetzen will, dann geht das natürlich nicht, wenn einzelne Nationalstaaten agieren.“

Rosa Luxemburg von Ernst Piper

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