Peter Reichel: Der tragische Kanzler. Hermann Müller und die SPD in der Weimarer Republik (Rezension)

Fritz Stern schrieb einmal, dass in Weimar „sogar der Tod Antirepublikaner“ gewesen ist: Matthias Erzberger, Friedrich Ebert, Gustav Stresemann und Walter Rathenau – wer weiß, wie die Dinge sich entwickelt hätten, wenn diese Staatsmänner nicht durch Krankheit oder Mord vorzeitig aus dem Leben geschieden wären? Zu der Riege dieser Personen gehört auch der Protagonist der vorliegenden Studie, der SPD-Partei- und Fraktionsvorsitzende, Außenminister und zweimalige Reichskanzler Hermann Müller (1876-1931).

Der Politikwissenschaftler Peter Reichel, der bereits mit verschiedenen grundlegenden Werken zur deutschen Geschichte hervorgetreten ist, hat bei der Auswahl seines Sujets eine glückliche Hand gehabt: Bei Beginn der Arbeiten war wohl noch nicht absehbar, wie aktuell das Thema „Glanz und Elend Großer Koalitionen“ speziell für die SPD der Gegenwart wieder sein würde. Aus Sicht des ausgehenden Jahres 2018 lesen sich die diesbezüglichen Diskussionen im Parteivorstand erschreckend aktuell. Die Frage nach der Zusammenarbeit mit der bürgerlichen Rechten stellte sich ja zur Weimarer Zeit immer wieder: Sowohl 1923, im Jahr der Kanzlerschaft Gustav Stresemanns, als auch in den nachfolgenden Kabinetten. Besonders umstritten war dann die Große Koalition von 1928-1930, mit der der Name Hermann Müllers heute primär verbunden wird.

Ein weiterer, mit der Notwendigkeit zur Großen Koalition in direktem Zusammenhang stehender Gegenwartsbezug, ist die momentane Konjunktur der „populistischen und extremistischen Politikvereinfacher“, durch die die parlamentarische Demokratie heute nicht mehr ungefährdet scheint. Diesbezüglich vertritt Reichel eine klare Meinung: Durch die „Unfähigkeit zur Großen Koalition“ trage die SPD eine Mitschuld am Untergang des Weimarer Parlamentarismus. „Politischer Verrat“ der eigenen Partei sei es gewesen, die den letzten SPD-Reichskanzler zu Fall gebracht habe. Die hitzigen Diskussionen in Partei, Fraktion, Presse und Öffentlichkeit werden ausführlich referiert, doch der Standpunkt des Autors bleibt dabei nie verborgen.

Das gilt auch für die Einordnung Hermann Müllers selbst. Erklärtes Anliegen ist es, diesen Staatsmann endlich angemessen zu würdigen, nachdem dessen Leben „dreifach zerstört“ wurde: „Durch politischen Verrat, physischen Tod und öffentliches Vergessen.“ Doch gemessen an diesem Anspruch, bleibt sein Handeln selbst nach intensiver Lektüre seltsam unscharf. Zwar handelt es sich um eine „politische Lebensgeschichte“, doch durch den Verzicht auf jedwede Empathie mit dem Protagonisten, jedwede psychologische Spekulation und jedwedes Eingehen auf Motivationslagen, ist der Eindruck, den der Lesende gewinnt, ebenso flüchtig und austauschbar wie der Allerweltsname Müllers.

Die Gründe hierfür sind jedoch nicht nur beim Autor, sondern auch bei dem SPD-Politiker selbst zu suchen: Stets zur Stelle, wenn die Partei ihn brauchte, stets ausgleichend, die Wogen glättend, Kompromisse suchend, war er die ideale Besetzung für einen Kanzler einer Großen Koalition. Schon früh im Buch bekommt der Lesende den Eindruck, dass die Dinge eher unfreiwillig mit dem Protagonisten passieren, er sie nicht bewusst herbeiführt: Eine letzte Fahrt zu den französischen Genossen im Umfeld des Kriegsausbruchs 1914, die Unterschrift unter den Vertrag von Versailles (mit eigens mitgebrachtem Füllfederhalter), eine Übergangszeit als Reichskanzler von März bis Juni 1920 – es war meistens Friedrich-Ebert, der in der Frühphase Weimars Müllers Geschicke lenkte und der wiederum tat, wie ihm geheißen. Über den „inneren Menschen“, wie er es selbst einmal nennt, spricht er nicht gerne.

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Wie beschrieben, ähnelt die Große Koalition, die Deutschland von 1928-1930 regierte, und die sich als die letzte parlamentarisch getragene Regierung Weimars erweisen sollte, was ihr motivationsarmes Zustandekommen, ihre Instabilität und die ängstlichen Profilierungsbemühungen der einzelnen Parteien angeht, in vielem der aktuellen Großen Koalition aus CDU/CSU und SPD.

Gleich zu Beginn geriet die Koalition aus SPD, Zentrum, links-liberaler DDP und rechts-liberaler DVP sowie der BVP in schweres Fahrwasser, als es galt, die erste Zahlungsrate für das schon von der Vorgängerregierung verabschiedete Marineprestigeprojekt „Panzerschiff A“ zu bewilligen. Unter dem seltsam vertrauten Verweis, wegen dieses Themas nicht die gerade erst gebildete Koalition platzen lassen zu wollen, stimmten Müller und die SPD-Minister für den Bau, obwohl SPD und KPD zuvor mit der Parole „Kinderspeisung statt Panzerkreuzer“ Wahlkampf gemacht hatten. Dem daraufhin in Partei und Bevölkerung ausbrechenden „Shitstorm“ begegnete die Reichstagsfraktion, in dem sie gegen die Regierungsvorlage stimmte. Aufgrund der heiligen Fraktionsdisziplin stimmten auch die SPD-Minister gegen den eigenen Beschluss; ein Misstrauensvotum gegen sich selbst.

Bei der strittigen Frage der staatlichen Bezuschussung der Arbeitslosenversicherung konnte dann selbst ein so sehr auf Ausgleich bemühter Politiker wie Müller keinen Konsens mehr herstellen. Allerdings hätte das wohl niemand geschafft: Reichel verurteilt wortstark eine zweifelsohne vorhandene Oppositions- und Profilierungssehnsucht bei der SPD, betont jedoch weniger, dass im Umfeld von Reichspräsident Hindenburg längst jene Figuren den Ton angaben, die an einer Überwindung des Parlamentarismus arbeiteten. Sprich: Die Koalition sollte scheitern und die SPD – wieder so eine Parallele zur Gegenwart – den Schwarzen Peter zugespielt bekommen.

Neben den großen Krisen Weimars, die ja hinlänglich bekannt sind, bietet Reichel auch eine spannende Detailstudie zum Innenleben der SPD: Behandelt werden Müllers Arbeit als Parteisekretär während des Ersten Weltkriegs, die Verwicklungen mit dem sich damals noch rebellisch gerierenden Parteiorgan Vorwärts, das ein ums andere Mal schrieb, was der Parteivorstand nicht sehen wollte, aber auch die politischen Verhältnisse in Müllers badischer Heimat, wo schon im Kaiserreich eine Zusammenarbeit der Partei mit den bürgerlichen Kräften im sogenannten „Großen Block“ stattfand. Eine Zusammenarbeit, die der Partei vor Ort nicht schlecht bekam, die jedoch vom Parteivorstand harsch kritisiert wurde. Auch hier musste Müller ein ums andere Mal die Wogen glätten.

Für den südwestdeutschen Reformismus der SPD stand insbesondere der Rechtsanwalt und Reichstagsabgeordnete Ludwig Frank, der Wunschnachfolger August Bebels, der jedoch, nachdem er sich bei Kriegsbeginn freiwillig zum Dienst an der Waffe gemeldet hatte, bereits nach einem Monat in Frankreich fiel. Frank ist auch einer jener eingangs erwähnten Personen, bei der Reichel die Frage nach dem „Was wäre wenn?“ stellt. Noch vor Müller wäre er prädestiniert gewesen, die Partei zu führen.

Ein spannendes Gedankenspiel betrifft auch den mit Müller gleichaltrigen Konrad Adenauer, der ja in mittleren Weimarer Jahren vom Zentrum wiederholt als Reichskanzler gehandelt wurde. Hätte eine Große Koalition Adenauer/Müller mehr Glück in der Verteidigung des Parlamentarismus gehabt?

Schwachstellen weist das Buch im Umfeld des Weltkrieges, insbesondere bei dessen Anfang auf. Im Sommer 1914 habe die SPD den Ernst der Lage verkannt, da sie sich nicht genug mit militärischen Dingen und auswärtiger Politik beschäftigt und es zudem „versäumt“ habe, sich rechtzeitig vom Marxismus zu verabschieden. Das klingt dann doch recht wohlfeil, insbesondere da hinlänglich bekannt ist, dass niemand zur Zeit der Julikrise damit rechnete, was kommen würde. Für die Zeitgenossen und für die meisten politischen und militärischen Entscheider handelte es sich lediglich um eine weitere „Balkankrise“, wie es sie bereits mehrfach gegeben hatte und wie sie auch immer wieder eingedämmt worden war.

Die SPD hat, den Umständen von 1930 zum Trotz, mit ihrer Fähigkeit zum Kompromiss die Verankerung demokratischer Spielregeln in der politischen Kultur Deutschlands verankert hat wie keine zweite Partei. Sie hat es sich nie leicht gemacht hat in der Abwägung zwischen den Erfordernissen des Augenblicks und der langfristigen Perspektive. Sie hat unter dem im Kaiserreich verpassten Stigma der „vaterlandslosen Gesellen“ derart gelitten, dass sie da ein ums andere Mal meinte, überkompensieren zu müssen – bis zum heutigen Tag. Das große Pathos, das Martin Schulz vor einem Jahr an den Tag legte, als es darum ging, mal wieder „in die Bresche“ zu springen, steht im angenehmen Gegensatz zur Ego-Shooter-Rhetorik eines Christian Lindner (FDP), wonach es besser sei, „nicht zu regieren, als falsch zu regieren“.

Souverän platzieren sich die Sozialdemokraten dabei immer wieder zwischen allen Stühlen. Und die Fragen, die sich in dieser Lage jeweils stellen, sind zwischen 1928 und 2018 erstaunlich ähnlich: Revolution oder Reform? Reine Lehre oder Kompromiss? Regieren oder Opponieren? Mitgestalten oder außen vor bleiben? Vom bewussten Nichtregieren, um nicht noch mehr enttäuschte Wählerinnen und Wähler an die KPD zu verlieren Mitte der 1920er Jahre bis hin zu Franz Münteferings „Opposition ist Mist“ des Jahres 2004. Vom Vorwurf, durch das „Mitmachen“ weiterreichende Fortschritte hin zu einer gerechteren Gesellschaft zu verhindern, den Kapitalismus im Gegenteil dadurch noch zu stärken und zu konservieren, bis hin zur Gegenrede, dass die Gesellschaft eben durch dieses beharrliche Bohren dicker Bretter in kleinen Schritten gerechter wird und der Kapitalismus dergestalt gezähmt und entschärft wird, denn: Die von Marx prognostizierte Massenverelendung hat nicht stattgefunden. Und wenn dann jeweils mitregiert wird: Welcher Anlass ist groß genug, um eine Koalition platzen zu lassen? Wäre das nicht unverantwortlich? Fahnenflucht?

Ein „tragischer Kanzler“ wurde Hermann Müller, weil er „schuldlos“, so Reichel, in den Untergang des Parlamentarismus verstrickt war. Sein Andenken, das starken Gegenwartsbezug aufweist, wird durch dieses Buch geehrt, bleibt aber dennoch blass.

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