Aus der Geschichte lernen?

Damit ist es laut Reinhard Koselleck (1923-2006), dem großen Historiker der Begriffe, vorbei, seit sich die Gesellschaft gegen Ende des 18. Jahrhunderts einer Kultur der Modernisierung verschrieben und damit auf Innovation und Wandel umgestellt hat.

Aber auch, wenn sich Geschichte nicht wiederholt, reimt sie sich nicht wenigstens manchmal, wie bekanntlich Mark Twain (1835-1910) vermerkte? Nun, zunächst mal ist sie verdammt gefährlich. Es war der französische Lyriker und Philosoph Paul Valéry, der 1931 warnte: „Die Geschichte ist das gefährlichste Elaborat, das die Chemie des Intellekts produziert hat.“ Die Geschichte „rechtfertigt alles, was man will. Sie lehrt überhaupt nichts, denn sie enthält alles und gibt Beispiele für alles.“ Dem gegenüber erklärte die große Ingeborg Bachmann (1926-1973): „Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler.“

Es ist verständlich: Nach dem Zivilisationsbruch des Holocaust war der Glaube an den Fortschritt durch ein Lernen aus der Geschichte erstmal erschüttert. Scheinbar hatte sich doch der alte Griesgram Nietzsche durchgesetzt, der erklärt hatte: „Soweit es Gesetze in der Geschichte gibt, sind die Gesetze nichts wert und ist die Geschichte nichts wert.“ Aber stimmt nicht auch die Kalenderwahrheit des spanischen Philosophen George Santayana (1863-1952), wonach derjenige, der sich seiner Vergangenheit nicht erinnert, dazu verdammt ist, sie zu wiederholen? Zweifelsohne sind viele staatsrechtliche Gegebenheiten der heutigen Bundesrepublik oder etwa die Existenz einer Europäischen Union einem erfolgreichen Lernen aus der Geschichte geschuldet.

Schon Cicero hatte erklärt, „nicht zu wissen, was vor der eigenen Geburt geschehen ist, heißt, immer ein Kind zu bleiben“. Und Goethe hatte das in seinem West-Östlichen Divan in folgende zeitlose Form gebracht: „Wer nicht von dreitausend Jahren / sich weiß Rechenschaft zu geben, / bleibt im Dunkeln unerfahren, / mag von Tag zu Tage leben.“ Im aufklärerischen Überschwang hatte davor Kant den Sinn von Weltgeschichte darin erblickt, Verbesserungen in der Vergangenheit aufzuzeigen, um der Gegenwart Mut zu machen, in diesem Sinne fortzufahren. Und in seiner Jenaer Antrittsvorlesung hatte Schiller im Mai 1789, wenige Wochen vor dem Sturm auf die Bastille, die Geschichte „eine unsterbliche Bürgerin aller Nationen und Zeiten“ genannt, im Gegensatz zum Menschen, der sich „verwandelt“ und „von der Bühne (…) flieht; seine Meinungen fliehen und verwandeln sich mit ihm.“ Damit nicht genug. Seinen künftigen Studenten versprach er überdies folgendes: „Sie wird Ihren Geist von der gemeinen und kleinlichen Ansicht moralischer Dinge entwöhnen, und indem sie vor Ihren Augen das große Gemälde der Zeiten und Völker auseinander breitet, wird sie die vorschnellen Entscheidungen des Augenblicks und die beschränkten Urteile der Selbstsucht verbessern.“

Mit solcherart Optimismus ist es, wie gesagt, vorbei. Einen bescheideneren, ohne Probleme gangbaren Weg hat der polnische Dichter Zbigniew Herbert (1924-1998) aufgezeigt: „Denn wenn wir uneingefroren auf eine Reise in die Zeit ausziehen, mit dem ganzen Gepäck unserer Erfahrung, wenn wir die Mythen, Symbole und Legenden prüfen, um für uns aus ihnen das, was gültig ist, herauszufinden – dann kann man dieser Mühe kaum ihr tätiges Verhalten absprechen.“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s