Johann Hinrich Claussen: Das Buch der Flucht. Die Bibel in 40 Stationen (Rezension)

Die großen Weisheitstexte der Menschheit, seien es Bibel, Koran oder Thora, seien es die Worte von Buddha und Lao-Tse, oder seien es die Veden des Hinduismus, sind nicht einfach so von vorne bis hinten durchlesbar. Es bedarf eines Eingangs, einer Frage, eines Anliegens. Und dann beginnen sie im Idealfall zu sprudeln, zu inspirieren und womöglich zu leiten. Der evangelisch-lutherische Theologe und Autor Johann Hinrich Claussen hat die Bibel neu entdeckt: Als Buch der Flucht. Diese Perspektive ist originell, frappant und erstaunlich ergiebig. Denn auf den vierzig Stationen, durch die das Buch geleitet, sind Flucht, Vertreibung, Exil, Verlust von und Sehnsucht nach Heimat die alles umspannenden Topoi.

Die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies sowie Kains nach dem Mord an Abel, die Zerstörung Israels, die Flucht nach Juda, das babylonische Exil, die Flucht vor der Sintflut, der Auszug aus Ägypten, die Verfolgung der Christen sowie die jüdische Diaspora resonieren angesichts des aktuell vorherrschenden Menschheitsthemas der Migration ganz ungemein mit der Gegenwart. Diese Geschichten gemahnen an den Umstand, dass das „Abendland aus dem Morgenland“ stammt und dass insbesondere die Bibel „als Grunddokument des vermeintlich Eigenen ein Buch der Fremden ist“.

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Claussens hermeneutisches Anliegen ist es, „Geschichten und Gedanken“ zu finden, „die dazu anstiften, eine eigene Balance aus Barmherzigkeit und Besonnenheit, Nüchternheit und Nächstenliebe zu finden“. Nach all den Jahrhunderten der Bibelexegese mit ihrer Vielfalt an Methoden, die sich im Laufe der Zeit immer mehr ausdifferenziert haben, ist das ein wohltuend bescheidener und für Menschen, die in dieser Hinsicht musikalisch sind, lohnender Ansatz. Es gibt ja eben in Deutschland auch Autoren, die einen der eingangs erwähnten Weisheitstexte „von vorne bis hinten“ durchlesen und dann meinen, einen exklusiven Durchblick zu haben. Bei Claussen hingegen überzeugen auch die eingestreuten Zwischengedanken, die anregen und einordnen; die gewählten Bibelzitate sind jedoch oft zu lang, teilweise über mehrere Seiten. Hier hätte eine Straffung gut getan.

Ergänzt wird der auch optisch ansprechende Band durch Fotografien von Geflüchteten, von Deportation und Exil, und von der Ankunft in der Fremde. Der gewählte Zeitraum von 1860-1950 ist der tagespolitischen Aktualität enthoben und verweist doch auf die „existentielle Grunderfahrung“ von Migration: Gestern, heute und morgen.

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