Stephen Greenblatt erkundet mit Shakespeare die Tyrannei (Rezension)

„Wie kann es sein, (…) dass jemand sich von einem Führer angezogen fühlt, der zum Regieren offensichtlich ungeeignet ist, der keine Selbstbeherrschung kennt, durch Hinterhältigkeit und Niedertracht brilliert oder sich nicht um die Wahrheit schert? Unter welchen Umständen wirken Zeichen von Verlogenheit, Rohheit oder Grausamkeit nicht abstoßend, sondern attraktiv, ja, erregen sogar glühende Bewunderung?“ Diese Fragen stellen sich nicht nur viele Zeitgenossen beim Anblick des amtierenden US-Präsidenten, diese Fragen stellte auch schon Shakespeare (1564-1616). Und niemand wäre eher berufen, eine „Machtkunde für das 21. Jahrhundert“ aus seinen Schriften zu destillieren, als der amerikanische Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt, der vor einigen Jahren mit „Will in der Welt“ (2005) eine viel gelobte Biografie des enigmatischen Dramatikers vorgelegt hat.

Shakespeare war fasziniert vom Wesen der Tyrannei. Das Wechselspiel zwischen der Verführung der Massen durch Demagogen, dem nachhaltigen Schaden, den diese anrichten sowie der anschließenden, für ihn notwendig sich ereignenden moralischen Gesundung, wenn der Tyrann erst einmal beseitigt ist, machte für ihn das Wesen der Politik an sich aus. So lautet dann auch der Untertitel der Originalausgabe: „Shakespeare on politics“. Dabei ging es ihm nicht um Tyrannenmord. Vielmehr zog er Zuversicht aus der „Unvorhersehbarkeit“, aus der Erkenntnis also, dass kein Tyrann die Masse dauerhaft kontrollieren könne. „Am Rande stehend“, so resümiert Greenblatt, „hegt man den Traum, wenn man nur nahe genug an diese oder jene Schlüsselfigur herankäme, dann wüsste man, was wirklich vor sich geht und was zu tun wäre, um sich selbst oder das Land zu retten. Doch dieser Traum ist eine Illusion.“

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Fast während der gesamten Lebenszeit Shakespeares saß Elisabeth I. auf dem Thron. Sie hielt er, nach allem, was wir wissen können, nicht für eine Tyrannin. Gleichwohl hegte er eine starke Aversion gegen die „Parolen der Obrigkeit“, gegen „reaktionäre Gemeinplätze“, gegen eben das, was Thomas Morus hundert Jahre zuvor in seiner „Utopia“ die „Verschwörung der Reichen“ genannt hatte. Deshalb ließ Shakespeare seine Titelfigur im „König Lear“ ausrufen: „Beschlag mit Gold die Sünde – Das starke Recht des Schwerts prallt harmlos ab / Umpanzer sie mit Lumpen – ein Strohhalm bohrt sie durch.“ Im elisabethanischen England herrschte freilich keine Meinungsfreiheit. Direkte Kritik an den Herrschenden konnte bestenfalls mit Zuchthaus, schlimmstenfalls mit grausamsten Hinrichtungsmethoden geahndet werden. So befleißigte sich Shakespeare einer „verborgenen Perspektive“, die Greenblatt minutiös und überzeugend dechiffriert.

Anhand von Schurken wie Richard III., Macbeth, Julius Cäsar, König Lear, Leontes oder Coriolan exemplifizierte er Machttechniken, psychologische Mechanismen und gesellschaftliche Dynamiken, die auch in Shakespeares Gegenwart resonierten. Und der heutige Leser sieht und merkt sogleich: Das tun sie auch heute noch ganz außerordentlich. Dazu Greenblatt: „Shakespeare ist nicht deshalb ein großer Dichter, weil er relevant ist; er ist relevant, weil er ein großer Dichter ist. Er ging den Dingen auf den Grund.“ Es ist nachgerade gespenstisch, wie in den Rosenkriegs-Dramen der „Klassenkrieg“ in den Dienst des „Parteienkriegs“ genommen wird, „Chaos“ erzeugt wird zur Vorbereitung der „Machtergreifung des Tyrannen“; wie der Populismus als „Betrug“ am Volk gedeutet wird, da der „Tyrann“ eigentlich nur Interesse am eigenen Wohlergehen hat; wie gezielte Angriffe auf Justiz und Bildung gefahren werden, die vorgeblich (und leider oft auch tatsächlich) primär die Interessen „der Reichen“ vertreten; wie dann auch noch Kontakt mit der traditionell feindlichen Macht – nicht Russland, hier war es noch Frankreich – aufgenommen wird, um den Machtwechsel extern unterstützen zu lassen.

Greenblatt ist hier kurz nach seinem grandiosen Adam-und-Eva-Buch erneut ein brillantes, beziehungsreiches und intellektuell reizvolles Werk gelungen, das den Leser gleichsam entmutigt zurücklassen kann: Lernt die Menschheit denn trotz allem Wissenszuwachs nicht hinzu? Die Hoffnung, schreibt er, Shakespeare paraphrasierend, liegt, damals wie heute, „im politischen Handeln gewöhnlicher Bürger“, denn: „Was ist die Stadt sonst als das Volk?“

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