Josef Joffe: Der gute Deutsche. Die Karriere einer moralischen Supermacht (Rezension)

Wäre das Buch des ZEIT-Herausgebers, sagen wir, 2009 herausgekommen, zum 60. Jubiläum der Bundesrepublik – es wäre ja noch angegangen. „Vom schuldbeladenen Paria zur moralischen Supermacht“ sei der „Bildungsroman“ verlaufen, als der die deutsche Zeitgeschichte gelesen werden könne; ein stabiles Gemeinwesen, „das sich die Extreme verbietet“, wo Wahlen die politischen Koordinaten allenfalls ein paar Grad nach mittelinks oder mitterechts verschieben; ein Land, das sich noch bei der WM 2006 als liberal und weltoffen zeigen konnte. Joffes Fazit: „‘Der Untertan‘, der hässliche Deutsche Diederich Heßling“, in Anlehnung an den Roman von Heinrich Mann, „ist nur noch Literatur“.

Nun ist das mit dem Ende der Geschichte bekanntlich so eine Sache. Auch Joffe schreibt, dass in der realen Welt das Lernen nie aufhört. Und so anempfiehlt er den Deutschen nach nun „zwei Generationen musterhafter Entwicklung und Vergangenheitsüberwindung“ einen „neuen republikanischen Patriotismus“. Deutschland, nach wie vor mit einem „Schuldkomplex“ beladen, benötige das unpassend gewordenen Büßergewand gar nicht mehr. Es gäbe mittlerweile genug republikanische Traditionsbestände, auf denen sich besagter Patriotismus aufbauen ließe.

Das vorliegende Manuskript scheint tatsächlich einige Jahre in der Schublade gelegen zu haben. Anders ist es überhaupt nicht zu erklären, dass der Begriff „Alternative für Deutschland“ nur gelegentlich am Rande auftaucht. Die Krise des Westens, der Aufstieg des Populismus, die autoritäre Welle in Europa? Fehlanzeige! Es steht ja viel Richtiges und auch Gelehrsames in diesem Bildungsroman: Der Mythos vom deutschen „Sonderweg“ wird als solcher dekonstruiert, die Adenauer-Restauration wird zu Recht ins Reich der Legende verwiesen (tatsächlich war die Hinwendung des deutschen Konservatismus nach dem Westen geradezu revolutionär), die verbreitete Doppelmoral in den Verhältnissen zu den USA und zu Israel wird luzide benannt. Aber welchen Wert können Handlungsempfehlungen haben, die dann auf einer derart lückenhaften Gegenwartsanalyse basieren?

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Der deutsch-amerikanische Historiker Konrad Jarausch war jedenfalls schon 2004 vorsichtiger, als er in seiner Studie „Die Umkehr. Deutsche Wandlungen 1945-1995“ bescheiden davon sprach, „dass Zivilisierung von Politik nur als ein immer wieder neu zu erstrebendes Ziel zu verstehen ist.“

Mittlerweile gibt es eine Partei in fast allen Landesparlamenten und im Deutschen Bundestag, deren führende Vertreter der deutschen Erinnerungskultur eine 180-Grad-Wende verordnen wollen, die den Holocaust als „Vogelschiss“ bagatellisieren, zugleich „stolz“ sein wollen auf die Leistungen deutscher Soldaten „in zwei Weltkriegen“ und die sich nicht davor scheuen, Seite an Seite mit Rechtsradikalen und Neonazis zu marschieren. In dem von verschiedenen Historikern herausgegebenen Band „Weimarer Verhältnisse“ hofft Andreas Wirsching, „dass ein Angriff populistischer Kräfte in Deutschland auf die Gemeinsamkeit der Demokraten und ihre geschlossene Front trifft“, gibt Horst Möller zu bedenken, dass sich „Inseln der Seligen“ kaum bewahren lassen, „wenn benachbarte Demokratien gefährdet sind oder gar einstürzen“ und warnt Jürgen W. Falter vor der latenten Gefahr, „dass im Gefolge einer langanhaltenden, tiefgreifenden Wirtschaftskrise wie der Großen Depression der Jahre nach 1929 eine Partei wie die AfD den Nukleus einer sich radikalisierenden, die liberaldemokratische Verfasstheit der Bundesrepublik gefährdenden Bewegung bilden könnte.“ Besagte Partei rangierte mittlerweile laut Umfragen als stärkste Partei in Ostdeutschland.

In dieser Lage locker-flockig einem neuen Patriotismus das Wort zu reden, ist bestenfalls frivol, schlimmstenfalls aber fahrlässig. Wenn (unausgesprochen) das Ziel sein sollte, die Deutschen mit ebendiesem Patriotismus besser gegen rechte Sirenenrufe zu imprägnieren, erscheint das als eine fragwürdige Rezeptur.

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