Zu groß für Europa, zu klein für die Welt? Andreas Rödder wirft einen neuen Blick auf ein deutsches Problem (Rezension)

Nach dem vielbeachteten „21.0. Eine kurze Geschichte der Gegenwart” waren die Erwartungen an das Nachfolgewerk hoch. Andreas Rödder ist sicher einer der Historiker der Stunde; ein Denker, der mit originellen und prägnant-pragmatischen Thesen und Formulierungen durch die Geschichte pflügt und der keinerlei Berührungsängste gegenüber dem Politikbetrieb hegt. So war Rödder im Landtagswahlkampf 2016 Teil des Kompetenzteams der damaligen CDU-Kandidatin Julia Klöckner. Der ausgewogenen Urteilskraft des Historikers tut diese Parteinahme keinen Abbruch.

Im Sinne einer littérature engagée, die als Leitfaden konkreten politischen Handelns daherkommt, behandelt Rödder ein altbekanntes Problem: Deutschlands Rolle in Europa und der Welt. Traditioneller weise wird hier der Historiker Ludwig Dehio zitiert, der von einer „halbhegemonialen Stellung“ gesprochen hat: „Zu schwach, um den Kontinent wirklich zu beherrschen, aber zu stark, um sich einfach einzuordnen.“ Zeitgenössisch gewendet fasst Rödder das Dilemma so zusammen: „Einerseits wird erwartet, dass Deutschland Führung übernimmt. Doch wenn es dies tut, ist die Kritik an der deutschen Vormacht vorprogrammiert.“ Es gebe eine „Diskrepanz zwischen den Machtpotentialen Deutschlands und seiner in Europa akzeptierten Position.“ Emblematisch für den einen Teil dieses Spannungsverhältnis war die Aussage des damaligen polnischen Außenministers Radosław Sikorski aus dem Jahre 2011: „Deutsche Macht fürchte ich heute weniger als deutsche Untätigkeit“. Als Deutschland dann im September 2015 in der Flüchtlingskrise einen Alleingang wagte, hagelte es neben moralischer Anerkennung auch ebenso viel Kritik: Deutschland, fasst Rödder Stimmen beispielsweise aus der britischen Publizistik zusammen, habe sich in Europa wie ein „Bully“ und wie ein „Hippie-Staat“ verhalten.

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In seiner Tour d’horizon durch 200 Jahre Selbst- und Fremdwahrnehmung Deutschlands taucht viel Altbekanntes auf: Die Schwäche des Deutschen Bundes zur Austarierung der mitteleuropäischen Machtinteressen, die Reichsgründung 1871 mit britischer Skepsis und „Erbfeindschaft“ mit Frankreich, der anvisierte „Platz an der Sonne“, die Flottenrüstung, das Crowe-Memorandum, „Hunnen und Henker“ gegen „Dichter und Denker“, der Rapallo-Komplex – all dies wird gut lesbar und multiperspektivisch dargeboten. Fluchtpunkt ist dabei über weite Strecken die Rolle des Deutschen Reiches im Vorfeld und während des Ersten Weltkriegs, getreu dem Diktum von der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ (George F. Kennan).

Es sind die Echos der Gegenwart, die aus dem Buch ein zeitgemäßes Update einer Geschichte Deutschlands und seiner internationalen Beziehungen macht: Die Rolle der Massenpresse zum Ende des 19. Jahrhunderts, die eine ähnliche Dynamik entfaltete, wie heute die sozialen Medien; die Rolle deutscher Banken in den neuen, vom Osmanischen Reich unabhängig gewordenen Staaten des Balkans, wo strenge Schuldenauflagen als Eingriff in die nationale Souveränität empfunden wurden; die Rolle von (durchaus auch falschen) Wahrnehmungen als eigenständiger Faktor von Politik gestern wie heute – Geschichte wiederholt sich bekanntlich nicht, aber manchmal reimt sie sich, und unter Umständen gibt es dabei sogar etwas zu lernen.

Wirklich revolutionär ist es dann aber nicht, was Rödder am Ende in fünf Thesen den Deutschen als auch den anderen Europäern mit auf den Weg gibt: „Perspektivwechsel“, „Teufelskreis der Opfergeschichten durchbrechen“, „Selbstverantwortung ohne Doppelstandards und falsche Erwartungen“, „Gelassenheit, Rücksicht und europäisches Investment“. So weit, so gefühlig, was die Vorschläge nicht falsch macht. Im Gegenteil: Gerade die Europäische Union bietet doch noch am besten Gewähr, multiperspektivische Gesichtspunkte in praktische Politik zu gießen. Dass Rödder dabei in den zeitgenössischen Chor derjenigen einstimmt, die ein „flexibles“ Europa einer ever closer union vorziehen, sozusagen „mehr Europa“ durch „weniger Europa“ erreichen wollen, offenbart leider erneut die technokratische Utopie-Erlahmung, der weite Teile von Politik und Wissenschaft anheimgefallen sind. Dennoch: Eine Außenpolitik, die die Empfehlungen Rödders rezipiert, wäre sicher ein Gewinn. Teilweise ist sie es heute schon.

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