Yuval Noah Harari: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert (Rezension)

Nun liegt er vor: Der dritte Streich nach der Wandlung vom Militärhistoriker zum Welterklärer. Nach der „Geschichte der Menschheit“ (Was bisher geschah) und „Homo Deus“ (Wie es weitergehen könnte) nun das Substrat mit 21 konkreten „Lektionen“ für das 21. Jahrhundert. Harari bietet erneut „Big History“ und ist stets in schwindelerregender Flughöhe unterwegs. Den Grundtenor seiner Überlegungen hat er bereits 2014 formuliert: „Ob wir ein Ziel der Geschichte erkennen oder nicht, hängt von der Perspektive ab. Wenn wir die Geschichte aus der Höhe einer Regenwolke betrachten und nur ein paar Jahrhunderte weit zurückblicken, ist es schwer zu beurteilen, ob sie auf Einheit oder Vielfalt zusteuert. Aber wenn wir die Wolken unter uns zurücklassen, aus der Sicht eines Spionagesatelliten auf die Geschichte schauen und ganze Jahrhunderte überblicken, dann ist glasklar, dass sich die Geschichte unaufhaltsam in Richtung Einheit entwickelt.“

 getimage

Aus dieser Sicht handelt es sich bei Trump, Brexit, AfD und Nationalismus vor allem um eines: Zeitverschwendung. Viel wichtiger wäre es, sich um die Zukunftsthemen zu kümmern, um Biotechnologie, Klimawandel und künstliche Intelligenz. Denn: Die Menschheit bildet eine globale Zivilisation, was Physik, Medizin, Ingenieurskunst und Wirtschaft betrifft – zerfällt aber in zerstrittene ideologische Gruppen, deren Rivalität die Abwendung der allen drohenden Umweltkatastrophe blockiert. Unklar bleibt bei Harari oft, woraus die Menschen in der von ihm so gründlich dekonstruierten Welt noch Motivation und Hoffnung schöpfen sollen. Religion als solche verkommt bei ihm zu rein zweckrationaler Sinnstiftung, wo ehedem nur Leere vorherrscht. Der Liberalismus, der ja das autonome, mit einem freien Willen gesegnete Subjekt zum Kern hat, erweist sich dort, wo dieser Wille nichts Weiteres als ein biochemisch determinierter Algorithmus ist, als reine Fiktion. Überhaupt die großen Mythen, Erzählungen, politischen Ordnungen: Bei Harari sind sie nichts weiter als „nützliche Lügen“, an die zu glauben es menschlichen Großgruppen erlaubt, sich zu organisieren und ohne einander persönlich zu kennen einen Grundkonsens herzustellen, nach dem ein Zusammenleben funktionieren kann.

Wenn dann in drohend naher Zukunft die Autonomie der Subjekte zunehmend in Frage gestellt wird, wenn der Algorithmus bessere Entscheidungen über mein Leben trifft, als ich selbst das vermag, wenn dann auch noch Roboter, Maschinen und künstliche Intelligenz einen Großteil der repetitiven (und selbst nicht-repetitiven) Arbeit verrichten können – dann wird die eigentlich drängende Frage, so Harari, nicht die nach der Ausbeutung der Massen sein, sondern nach deren „Überflüssigkeit“. So weit, so düster.

Dass der Autor trotz dieser wenig erbaulichen Szenarien einen beschwingten Fortschrittsoptimismus an den Tag legt, muss erstaunen. Der Menschheit legt er für die kommenden Stürme eine säkulare Haltung ans Herz, die aus der Suche nach Wahrheit und dem Mitgefühl für das Leiden der Anderen besteht. Ob jedoch ausgerechnet diese beiden Aspekte, die ja nun auch nicht wirklich neu sind und im Laufe der Jahrhunderte weitaus wortreicher ausdifferenziert wurden, ausreichen, ist doch sehr fraglich.

In einem überraschend persönlichen Abschlusskapitel bestätigt sich, was in der „Geschichte der Menschheit“ bereits durchschimmerte. Harari selbst findet Halt im Buddhismus, genauer: in der Leere des Vipassana, die das Einüben von Achtsamkeit und weniger das Erlangen von Einsicht zum Ziel hat. Darin muss, um seine Bücher mit Gewinn zu lesen, ihm niemand folgen. Zum Verständnis der enormen Gelassenheit, die der Autor im Angesicht seiner wahrhaft bilderstürmerischen Thesen an den Tag legt, hilft diese Information dennoch ungemein.

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