Sigmar Gabriel: Zeitenwende in der Weltpolitik (Rezension)

Das Vorgängerwerk „Neuvermessungen” vom Mai 2017 konnte noch als Bewerbungsschreiben für eine Fortsetzung des Außenministeramts gelesen werden. Internationale Herausforderungen von Trump bis Brexit, von Putin bis Erdogan, und nationale Problemstellungen von Sarrazin bis AfD, von Digitalisierung bis Investitionsstau bildeten hier das Tableau, auf dem der ehemalige SPD-Vorsitzende jeweils neu Maß nahm. Bekanntlich kam es dann nach der Bundestagswahl im September anders.

Das nun vorliegende „Zeitenwende in der Weltpolitik“ ist das Werk eines Politikers im Unruhestand. Ist es eine Vorbereitung auf die Tätigkeit als Gastdozent in Harvard? Ist es ein Signal an Land und Partei: „Ich bin noch da und habe noch was vor“? Oder möchte Gabriel sich in die Helmut-Schmidt-Liga der Weltdeuter schreiben? Letzteres könnte irgendwann gelingen, denn beliebt sind SPD-Politiker ja vor allem dann, wenn sie real kaum mehr politische Gestaltungskraft besitzen und sich nicht mehr mit den Sachzwängen der Tagespolitik abgeben müssen.

Gabriels Einlassungen können immer dann überzeugen, wenn er aus seinem geballten Erfahrungsschatz als Umwelt-, Wirtschafts- und Außenminister schöpfen und neben treffenden Analysen auch anschauliche Anekdoten und Erlebnisse einstreuen kann. Gelegentlich beigesteuertes Autobiographisches trägt zum Verständnis mancher Motivationslage bei. Einige Anbiederungen an den rechtspopulistischen Zeitgeist sind dennoch waschechte Ärgernisse, zumal der Autor hier sein altes „Zick-Zack“-Image nachgerade kultivieren zu wollen scheint.

zeitenwende-in-der-weltpolitik-mehr-verantwortung-in-ungewissen-zeiten-978-3-451-38328-1-56359

Beispiel Flüchtlingskrise: Einerseits seien „jede Menge Fehler“ gemacht worden, sei die damalige Politik der Bundesregierung „naiv“, „jugendhaft“, „inspirierend“, „hoffnungsvoll“, aber eben auch „unpolitisch“ gewesen. Andererseits habe es „keine wirklich vertretbare Alternative zur Grenzöffnung“ gegeben. Beispiel Rechtspopulismus: Einerseits gäbe es „perfide Kampfansagen“ von den „Rattenfängern populistischer Parteien“, die „Vielfalt und Individualität, Gleichstellung und Inklusion“ als „Ausdruck übertriebener politischer Korrektheit“ diffamierten, andererseits rät er „den liberalen Eliten der westlichen Demokratien“, in ihren „selbstbezogenen Diskursen“ ein gesellschaftliches Bedürfnis nach „Klarheit und Ordnung“ nicht zu unterschätzen. Kurz davor geißelt er die Beschäftigung der Bundesregierung mit der korrekten Bezeichnung des dritten Geschlechts als eine Art Zeitverschwendung angesichts der „Stürme und Orkane“ um uns herum. Abschließend rät er: „Mehr Materialismus und weniger postmodernen Idealismus“.

Die dichotomische Deklination von „Moderne“ und „Postmoderne“ gerät dabei zu einem Zerrbild der Bedeutungen beider Begriffe. Vieles, was hier unter einem postmodernen „Anything goes“ subsummiert wird, ist in Wirklichkeit klassische Moderne, wenn nicht gar klassische Aufklärung (Gleichberechtigung, Antidiskriminierung, Inklusion).

Ein naheliegender Einwand gegen zeitgeschichtliche Betrachtungen, die quasi noch qualmen, und noch dazu von einem Protagonisten angestellt werden, lautet, warum diese Einsichten nicht bereits in der „aktiven“ Zeit zum Tragen gekommen sind. Der Einwand ist nicht ganz fair. Denn die Ex-Post-Urteilskraft ist immer eine andere, als diejenige des Handelnden, der ohne zeitlichen und räumlichen Abstand mitten im Geschehen steht. Dennoch sind einige Plattitüden, die im Buch verwandt werden, einfach nur wohlfeil: „Wenn wir die Summe der Veränderungen in der Welt wirklich verstehen wollen, müssen wir zunächst unsere Messinstrumente justieren. Denn diese sind zu großen Teilen noch auf Wunschdenken geeicht und nicht auf die Wirklichkeit.“ Wer wollte dem widersprechen? Im Sinne des politischen Framings gelingen Gabriel hingegen schöne Bilder, wenn er vom „Kurzspielpass“ der Bundesregierung spricht oder von „Steueroasen“ als eigentlichen „Gerechtigkeitswüsten“.

„Zeitenwende in der Weltpolitik“ ist aber primär ein Schnellschuss, dem ein ordentliches Lektorat gut zu Gesicht gestanden hätte. Sätze enden im Nirgendwo, Zitate erscheinen in kurzer Folge gleich doppelt, einige Sprachbilder missglücken. Ein Buch, das nicht unbedingt sein musste; zu lesen eher als autobiographisch-zeitgeschichtliches Dokument, weniger als aktueller Wasserstand zur Rolle Deutschlands in der internationalen Politik.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s