„Earthly Powers“ von Phillip Boa & The Voodooclub (Review)

Nun liegt er vor: Der Geniestreich Nummer neunzehn in dreiunddreißig Jahren Bandkarriere. Man könnte auch sagen: Nummer zwanzig, aber das beiläufige „Fresco“ aus dem Jahre 2016 wollte der Meister ja nur als „Collection of Songs“ verstanden wissen. Fazit nach einigen Durchläufen: Er hat es wieder geschafft. Das sollte eigentlich nicht mehr überraschen, tut es aber dennoch immer wieder. Denn wie oft kann eine extrem hohe Messlatte, was Verzauberung, Ideenreichtum und Vielfalt angeht, denn noch überschritten werden? Das ist das eigentliche Wunder, das dieser Ewig-Unangepasste, dieser Ruhrpott- und Weltbürgerquerulant immer wieder aufs Neue vollbringt.

Es gibt natürlich einerseits diesen unverwechselbaren Boa-Sound. Niemand, der auch nur einen Song von ihm liebt, kann sich dieser Magie vollends entziehen. Und es gibt auch, nach all der Zeit, die Kunst des Selbstzitats ohne bloße Wiederholung: Die unerwartete Wendung; lautmalerisch-metaphorische Texte; das subtil-brillante Arrangement; die bezaubernd-eingängige Melodie zu störrischem Sprechgesang. All das ist auf „Earthly Powers“ wieder vorhanden. Und doch ist einiges anders: Der Anteil der female vocals wurde zurückgefahren. Womöglich ist das konsequent, denn Pia Lund konnte eh nicht wirklich ersetzt werden. Gastsängerinnen kommen nun zum pointierteren Einsatz. Einige Songs bestreitet Boa, wie zuletzt 1998 auf „Lord Garbage“, alleine. Die stilistische Breite des Albums ist enorm. Es klingt trotzdem, nicht zuletzt dank der Produktion von Ian Grimble, der für seine Arbeit mit den Manic Street Preachers oder Mumford & Sons bekannt ist, wie aus einem Guss.

Dem Up-Tempo-Post-Punk wird bei „A Crown for the Wonderboy“, „The Wrong Generation“ und „Chas and Billie Ray“ gehuldigt. Magische Sonnen gehen auf bei „Cowboy on the Beach“, „Drown my Heart in Moonshine“ und „Strange Days after the Rain“. „Moonlit”, „Cruising” und „Dirty Raincoat Brigade” sind expressionistische Großstadt-Traumtänze, Musik gewordene Literatur, getreu der namensgebenden Roman-Vorlage des Albums: „Earthly Powers“ von Anthony Burgess (1980). Wer all dies zu genießen weiß, ist ein glücklicher Mensch: Denn mit dem 11-Track-Bonus-Album der De-Luxe-Version gibt es das alles nochmal. Und zwar hoch zwei. Volle Punktzahl – egal in welchem Wertungssystem.

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