Madeleine Albright: Faschismus. Eine Warnung (Rezension)

Viel ist geschrieben worden über die Parallelen zwischen dem aktuellen Aufstieg des Rechtspopulismus und der Zwischenkriegszeit der 1920er und 1930er Jahre. Doch noch niemand hat diese Parallelen so prägnant herausgearbeitet wie jetzt die ehemalige US-amerikanische Außenministerin. Dabei geht sie scheinbar nach dem alten Schreibmotto „Show, don’t tell“ vor.

Sie muss Trump gar nicht erwähnen, wenn sie Mussolinis angebliche Antikorruptionskampagne „drenare la palude“ („den Sumpf trockenlegen“) vom Beginn der 1920er Jahre vorstellt. Sie muss auch nicht Putin nennen, wenn sie die Angewohnheit des Duce erwähnt, sich zu Pferde, mit freiem Oberkörper oder am Steuer seines Sportwagens ablichten zu lassen. Und sie muss auch zunächst nicht an Orbans illiberales Credo erinnern, wenn sie Mussolinis Ansage zitiert, „niemals zuvor haben die Völker mehr nach Autorität, Lenkung und Ordnung gedürstet als heute.“ Und wer würde bei dieser Charakterisierung des Kommunistenjägers McCarthy nicht an den amtierenden US-Präsidenten denken: „Ob seine Anschuldigungen auf Resignation oder Empörung stießen, war ihm weniger wichtig als der Umstand, dass man über sie berichtete und dass sie wiederholt wurden. Je hetzerischer die Anschuldigung, desto mehr Presseecho erhielt sie.“

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Es geht Albright hier nicht um eine Gleichsetzung der Genannten. Es geht um das Erkennen von historischen Vorläufern, von frühen, vermeintlich noch harmlosen, oft auch sehr erfolgreichen, Entwicklungsstadien des Faschismus. Dieser Erfolg, ob wirtschaftlicher, sozialer oder politischer Natur, ist es auch, der Albright vor allzu viel Selbstgerechtigkeit warnen lässt. Die Anhänger des Faschismus waren (und sind) keineswegs allesamt „restlos verdorben oder geistesgestört“, sondern handelten oftmals aus ebenso zweckrationalen wie euphorischen Beweggründen. Sie räumt ein: Manche mögen den Titel des Buches für alarmistisch halten, und dass sei gut so.

Mussolini und Hitler machten sich die Nöte ihrer Bevölkerungen nach dem Ersten Weltkrieg zu Nutze, Kim Il-Sung schwang sich zum Diktator eines in Ruinen liegenden Landes auf, Milosevic und Putin beuteten nationalistische Affekte aus, Chavez und Erdogan profitierten von politischen und wirtschaftlichen Krisen, Orban und Kaczynski versprechen ihren Wählern, sie vor den Zumutungen ethnischer Vielfalt zu bewahren – doch was sind die Gemeinsamkeiten?

Gäbe es eine Ausbildungsstätte für Despoten, so Albright, wären folgende Seminarthemen denkbar: „Wie manipulieren ich eine Verfassungsabstimmung? Wie schüchtere ich die Medien ein? Wie schalte ich politische Gegner mithilfe konstruierter Vorwürfe und Falschmeldungen aus? Wie setze ich eine Menschenrechtskommission ein, die Menschenrechtsverletzungen deckt? Wie vereinnahme ich gesetzgebende Organe, und wie isoliere, unterdrücke und demoralisiere ich politische Opponenten dergestalt, dass sich niemand vorstellen kann, man könnte mich jemals entmachten?“

Die klassischen Themen des Faschismus sind laut dem Politologen Robert Paxton die Furcht vor Dekadenz und Verfall, das Streben nach Stärkung nationaler und kultureller Identität, die Warnung vor einer Bedrohung der der sozialen Ordnung durch nicht assimilierbare Fremde und das Bedürfnis nach größerer Autorität, um mit all diesen Problemen fertigzuwerden. Warum verfangen diese heute wieder verstärkt? Albright sieht gestiegene Ansprüche der Bürgerinnen und Bürger nach dem Kalten Krieg. Der Vergleich mit der wirtschaftlich und sozial offensichtlich nachhängenden Sowjetsphäre ist weggefallen: „Unsere Aufmerksamkeitsspanne ist kürzer, unsere Erwartungen sind höher geworden, und wir sind weniger geneigt, über Fehler hinwegzusehen, zumal sie offensichtlicher geworden sind.“

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