„Ostelbien“ als deutsches Verhängnis? James Hawes‘ „Kürzeste Geschichte Deutschlands“ (Rezension)

Publizisten sind ja oft die besseren Historiker. Vor allem haben sie mehr Mut zur zugespitzten These. Hierzulande sind und waren etwa Sebastian Haffner, Joachim Fest oder Götz Aly gute Beispiele für diesen Umstand. Von der Wissenschaft argwöhnisch beäugt, legten sie allesamt prägende Werke zur deutschen Geschichte vor. Thesenstark kommt auch das Buch des britischen Schriftstellers James Hawes daher. Wenn Briten über Deutschland schreiben, ging es noch vor einigen Jahren vornehmlich um Pickelhauben und Hakenkreuze. Erst mit dem „Sommermärchen“ der Fußball-WM 2006 wich die Negativfaszination einer gewissen Bewunderung. Auf 330 Seiten schreibt Hawes nun „die kürzeste Geschichte Deutschlands“. Auf so knappem Raum kann das Geschehen zwischen Hermann dem Cherusker und Angela Merkel nur bewältigt werden, indem der Stoff anhand einer zentralen Fragestellung organisiert wird: „Wohin gehört dieses Land im Herzen Europas? Ist es eher dem Westen oder dem Osten zuzurechnen?“

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Es ist der Aufstieg der AfD, der den Autor umtreibt und historisch sehr weit ausgreifen lässt. Wie lassen sich ihre sehr guten Wahlergebnisse im Osten Deutschlands erklären? Ist es das autoritäre Erbe der DDR-Sozialisation? Ist es eine altdeutsch-reaktionäre Bürgerlichkeit, die unter der Haube des real existierenden Sozialismus überwintert hat und sich nun unumwunden Bahn bricht? Nein. Hawes geht viel weiter zurück, nämlich ungefähr 2.000 Jahre. Zum Schicksalsfluss der Deutschen stilisiert er dabei die Elbe. Rechts davon liegt, mit Max Weber gesprochen, „Ostelbien“ mit unklarer Abgrenzung in die Tiefen des Ostens. Links der Elbe, zwischen Rhein und Donau, liegt jener Teil, der rechtlich, religiös und diplomatisch an Rom orientiert war – mit Folgen bis heute. Während sich hier aus den Stammesherzogtümern des frühen Mittelalters die Territorialherzogtümer des Hochmittelalters herausbildeten, wurden unter Otto dem Großen nach 935 im Osten eroberte Gebiete in „Marken“ aufgeteilt. Hierbei handelte es sich um Grenzgebiete, in denen die Macht des Königs nur teilweise griff und in denen vergleichsweise unabhängige Markgrafen in seinem Namen mit harter Hand regierten. Dieser Umstand intensivierte sich nach dem gegen die Elbslawen gerichteten Wendenkreuzzug 1147. Trotz Ansiedlung vieler landhungriger Deutscher in der Folge hatte das Land fortan einen slawisch-deutsch gemischten Charakter. De facto handelte es sich um Kolonialgebiet; mit allen Ressentiments auf beiden Seiten, die so etwas zu allen Zeiten und an jedem Ort mit sich bringt.

Im weiteren Verlauf erleben wir hier den Aufstieg der Junker, jener ostelbischen Herrschaftskaste, die später verlässlich Offiziere für die preußische Armee bereitstellt und sich im Gegenzug ihre gutsherrliche Herrschaftsgewalt garantieren lässt. Überhaupt Preußen: Bei Hawes erscheint es als undeutsche „Subnation“, die die westlichen Teile Deutschlands schließlich in östliche Händel und Balkankonflikte hineinzog, mit denen sie gar nichts zu tun hatten. Von Luther („Reformation“) bis Bismarck („Kulturkampf“) wird vor allem die Loslösung vom römischen Erbe betrieben, was dann geradewegs in den Untergang in zwei Weltkriegen führt. Mit den Wahlergebnissen im Westen, so Hawes, wäre die NSDAP niemals stärkste Kraft geworden.

So weit, so grobschlächtig. Hawes monokausales Vorgehen schafft zwar erzählerisch Ordnung, führt jedoch auch zu groben Verzerrungen. Wenn das einzige Werkzeug im Kasten der Hammer ist, erscheint wohl jedes Problem als Nagel. Kein Wort wird beispielsweise über die „progressiven“ Aspekte Preußens verloren, die etwa bei einem Christopher Clark („Preußen 1600-1947“) starke Betonung fanden. Zu denken wäre hier an die religiöse Toleranz oder die Anfänge des modernen Rechtsstaats.

„In Ostelbien – das Wort war schon vor 1147 allgemein geläufig – hatten sich die Siedler das Land mit Gewalt genommen, während die ursprünglichen Bewohner noch immer dort waren und jederzeit rebellieren konnten. Unvermeidlich entstand eine abwehrend-aggressive, koloniale Weltsicht des ’sie gegen wir‘, nicht anders als zum Beispiel unter britischen Siedlern im halb eroberten Irland. Es ist typisch für solche Konstellationen, dass die niederrangigen Kolonisten eine starke, rücksichtslose Autorität in Gestalt ihrer eigenen nationalen Elite als Eckpfeiler jeglicher Politik ansehen.“

Hawes‘ Thesen sind nicht ganz von der Hand zu weisen, und erklären so manche letztlich auch mentalitätsgeschichtliche Gegebenheit des heutigen Deutschland. Es überrascht nicht, dass er die westliche Bundesrepublik (1949-1990) als idealste Form dessen identifiziert, was er sich als mental und politisch tief im Westen verwurzeltes Deutschland wünscht. Da er aber einen tiefen, seit der Wiedervereinigung wieder wirkmächtigen Zivilisationsbruch entlang der Elbe ausmacht, der auch nach tausend Jahren nicht überwunden ist, bleibt zu fragen, was denn sonst mit dem östlichen Teil geschehen sollte.

„Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß es nicht zu finden“, schrieben Goethe und Schiller bereits 1796. Eine Frage von unveränderter Aktualität, auf die jede Generation neue Antworten finden muss.

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