Ehrenrettung für Chamberlain? Robert Harris‘ „München“ (Rezension)

Auf Robert Harris ist Verlass: Wer eines seiner Bücher zur Hand nimmt, wird schwerlich wieder davon loskommen. „Unputdownable“ – so ein oft gehörtes, schwer übersetzbares Adjektiv, das immer wieder in Zusammenhang mit dem Werk des Briten zu hören ist. Dabei bedient Harris einen zeitgenössischen Voyeurismus, und gibt dem Leser das Gefühl, intime Einblicke in das Innere der Macht zu erhalten. Egal, ob wir Ciceros Leben aus der Sicht seines Schreibers Tiro erzählt bekommen, der römischen Elite im Pompeij über die Schulter schauen, einen britischen Ex-Premier beim Verfassen seiner explosiven Memoiren beobachten, die Machenschaften und Winkelzüge im Zusammenhang mit der Dreyfus-Affäre verfolgen oder das katholische Kardinalskollegium mit in die Konklave begleiten – es sind die Hinterzimmer, deren Existenz immer weniger akzeptiert wird, die uns gleichsam faszinieren und neugierig machen. Und Harris stillt diese Neugier verlässlich; stets spannend, dialogreich und mit spärlich, aber prägnant gezeichneten Charakteren.

Mit München kehrt Harris gewissermaßen an den Anfang seiner Karriere zurück. Sein Roman-Erstling Fatherland erschien im Original 1992 und wurde sogleich ein international gefeierter Bestseller. In ihm entwarf Harris eine Welt, in der die Nazis den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben. Mit dem jetzt vorliegenden Werk präsentiert Harris auf 400 Seiten eine dichte Romanhandlung, die lediglich vier Tage umfasst. Wir befinden uns im ereignisgeschichtlichen Rahmen des Münchner Abkommens vom 29. September 1938, am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Mit dem Abkommen konnte die sogenannte „Sudetenkrise“ auf Kosten der Tschechoslowakei beigelegt werden.

In diese Szenerie konstruiert Harris zwei untergeordnete Mitarbeiter als Protagonisten: Einer in der Londoner Downing Street, einer im Berliner Auswärtigen Amt, die gleichsam im direkten Umfeld der großen Akteure dieses Dramas wirken. Während Chamberlain, Hitler, Mussolini und Daladier beraten, versucht Paul von Hartmann, der lose auf der historischen Figur des Adam von Trott basiert, seinen alten Freund und Oxforder Kommilitonen Hugh Legat davon zu überzeugen, dass Hitler auf jeden Fall gestoppt werden müsse. Womöglich etwas zu hellsichtig raunt von Hartmann an einer Stelle Chamberlain zu: „Ich glaube, was hier geschieht, wird eines Tages als schändlich bezeichnet werden.“

Muenchen von Robert Harris
Muenchen von Robert Harris

Wir sprechen heute vom „Vorabend“ des Zweiten Weltkriegs. Das war jedoch für die Teilnehmer von britischer Seite keineswegs ausgemacht. Es geht Harris auch um eine Ehrenrettung für Chamberlain, mit dessen Namen sich wohl für alle Zeiten die heute weitgehend als zumindest falsch bezeichnete „Appeasement“-Politik verbinden wird. Die moralische Überlegenheit, die Großbritannien 1940 als letzter Gegner der Nazis in Europa hatte, wäre ohne den Versuch von 1938, „Frieden für unsere Zeit“ zu schaffen, nicht gegeben gewesen, so Harris.

Darüber hinaus verbindet Legat und Hartmann ein dunkles Geheimnis aus der gemeinsamen Studentenzeit, das nach und nach, im Zuge der dramatischen Zuspitzung der Münchner Ereignisse, ans Licht kommt. Dabei werden die beiden Figuren derart parallel konstruiert, dass sie insbesondere zu Beginn leicht verwechselt werden können. Ein ums andere Mal fragt man sich, auf welcher Seite des Ärmelkanals jetzt gerade mit welcher Sekretärin geflirtet wird. Hier hätten etwas mehr unterscheidende Charakteristika durchaus geholfen.

München ist aber auch ein Buch, das, 2017 veröffentlicht, mit zahlreichen zeitgenössischen Bezügen aufwartet. Der Vorwurf, Appeasement zu betreiben, ist heute schnell zur Hand; egal, ob 2003 im Umfeld des Irak-Kriegs oder 2014 im Zuge der Krim-Krise. Immer steht die Frage im Raum, ab wann nicht mehr verhandelt werden sollte, wann ein potentieller Aggressor definitiv gestoppt werden muss, bevor es zu spät ist. Trotz der enorm weitgehenden Konzessionen Großbritanniens und Frankreichs im Münchner Abkommen kam es bereits im März 1939 zur „Zerschlagung der Resttschechei“, womit Hitler seine kriegerischen Absichten unverhüllt zur Schau stellte. Bei dem neuen aggressiven Stil, dessen sich die Diplomaten der Wilhelmstraße nach der Machtergreifung der Nazis befleißigen mussten, fällt es schwer, nicht an Donald Trumps Twitter-Tiraden zu denken. Auch die zentrale Einsicht von Goebbels, „die Leute glauben sowieso, was sie wollen. Wahrheit ist irrelevant“, bekommt im Zeitalter von Fake News und Alternativen Fakten eine erneute Relevanz. Der zentrale Irrtum der konservativen Eliten, partiell mit Hitler zusammenarbeiten zu können, wo die gemeinsamen revisionistischen Interessen es nahelegen, die ebenfalls angekündigten Gräuel und Gewalttaten aber schon zu verhindern zu wissen,  wird von Harris prägnant herausgearbeitet. Auch hier muss der Rezensent an so manchen sich konservativ gebenden Zeitgenossen denken, der die rechtsextreme Basis der Rechtspopulisten gerne ausblendet.

Aber auch als Kommentar zum Brexit will der Autor sein Buch verstanden wissen. In bemerkenswerter Klarheit formuliert er im Interview: „Ich finde, dass Volksabstimmungen ein fürchterliches Mittel sind und einer repräsentativen Demokratie letztendlich schaden. Hitler beispielsweise hat immer wieder, auch 1940, solche Volksabstimmungen, solche Referenden für seine Politik genutzt. Nun will ich auf keinen Fall die Hitler-Regierung mit der britischen Regierung vergleichen, aber letztendlich sind solche Volksabstimmungen Werkzeuge von Diktatoren. Das sind nicht Werkzeuge von parlamentarischen Demokratien.“

Harris ist einer der wenigen Autoren historischer Romane, die sogar eine Bibliografie anfügen. Dabei wird der Einfluss von Albert Speer und seines Biografen Joachim Fest deutlich. Eigentlich sollten diese spätestens seit der großen Speer-Biografie von Magnus Brechtken (2017), die Harris freilich nicht mehr rezipieren konnte, nur noch mit äußerster Vorsicht herangezogen werden. Immer noch bestimmen sie unser Bild vom „Dritten Reich“ viel zu sehr. Allein die lächerliche Charakterisierung Hermann Görings, der auch hier mehrmals am Tag seine Fantasieuniformen wechselt, ist deutlich von Speer geprägt und geschichtswissenschaftlich mittlerweile überholt.

Der Lesefreude und Spannung tut dies freilich keinen Abbruch. Wer Harris liest, weiß schließlich, was er bekommt.

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