Das Römerreich und seine Germanen. Eine Erzählung von Herkunft und Ankunft (Rezension)

Das Jahr 2018 ist für Freunde der Antike eine Wonne. Hans-Ulrich Wiemers „Theoderich der Große“, Dominik Mascheks „Die römischen Bürgerkriege“ oder die deutsche Übersetzung von James Romms „Seneca am Hof von Nero“ bildeten frühe Highlights. Alexander Demandts „Marc Aurel“ verspricht im August ein weiteres zu werden.

Passend zu diesem erfreulichen Trend legt der österreichische Mediävist Herwig Wolfram, der auf dem Gebiet der frühmittelalterlichen Ethnogenese Weltruhm erlangt hat, nun die Summe seines Schaffens vor: Der Titel „Das Römerreich und seine Germanen“ ist klug gewählt, denn „Germanen“ gab es bekanntlich als Selbstbezeichnung gar nicht. Die „Germania“ war das, was römische Gelehrte, allen voran Tacitus, aber zuvor auch Julius Cäsar, aus ihr machten. In seinem grundlegenden Werk über die vorkarolingischen Merowinger hat der US-Historiker Patrick Geary bereits 1988 festgestellt, dass „die germanische Welt (…) vielleicht die großartigste und dauerhafteste Schöpfung des politischen und militärischen Genius der Römer“ war. Der deutsche Althistoriker Hans-Ulrich Wiemer stellt im „Theoderich“ unumwunden fest: „Die Vorstellung, die Germanen seien eine Abstammungsgemeinschaft mit unveränderlichen Wesensmerkmalen gewesen, die sich in eine Vielfalt von Stämmen aufgespalten habe, ist aufgegeben, die These von der germanischen Kontinuität überholt.“

In vielfacher Hinsicht kommt Wolframs Buch zur rechten Zeit, denn so große Fortschritte die Geschichtswissenschaft auf den Feldern der Identitätsforschung, der Ethnogenese und der Dekonstruktion von Meistererzählungen auch gemacht hat, so sehr verzeichnen Vorstellungen von Abstammungsgemeinschaften, identitären und möglichst nicht zu vermischenden Wesenskernen von Völkern, vom Bewusstsein für das jeweils „Eigene“, erneut Zulauf im politischen Raum; in Deutschland namentlich durch die Vertreter des Rechtspopulismus, deren Hysterievorstellung einer „Umvolkung“ des deutschen Volkes es bis in den Bundestag geschafft hat. Dabei ist der statische Substanzbegriff, der in dieser Denkschule gepflegt wird, erstaunlich unhistorisch für ein Milieu, welches sich auf seine bürgerliche Gelehrsamkeit und sein Traditionsbewusstsein so viel einbildet: Jedwede Ethnogenese ist ja immer notwendig etwas „Werdendes“, niemals Abgeschlossenes.

9783412507671

Diese Bezüge stellt auch der Journalist Marc Reichwein her. Anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Jan und Aleida Assmann liefert er in der Literarischen WELT vom 16. Juni 2018 einen Chrashkurs zum Thema kulturelles Gedächtnis. Unter Stichworten wie „Identität“, „Erinnern und Vergessen“ oder „Geschichtspolitik“ – Themen, zu denen die Assmanns grundlegende Werke vorgelegt haben – wird auf die momentanen Versuche nicht nur der AfD verwiesen, Vergangenheit umzudeuten, Kontinuitäten einer „1000-jährigen“, noch dazu „erfolgreichen“, deutschen Geschichte zu (re-)konstruieren oder den Holocaust als „Vogelschiss“ zu marginalisieren.

Vor diesen Hintergründen liest sich gerade der Einleitungsteil von Wolframs Werk, in dem er erstmal zentrale Begriffe problematisiert und operationalisiert, mit großem Gewinn. Am Germanen-Begriff hält er trotz allem fest, wenn auch nur als geographische Bezeichnung für beispielsweise Elb-, Rhein- oder Donaugermanen. „Ethnogenese“ als Volkswerdung, „ethnische Identität“, „Stamm oder Gens“, „Narrativ oder Meistererzählung“ – sie alle werden einer eingehenden Analyse unterzogen, bevor sich der Autor mit dem so gewonnenen sprachlichen Rüstzeug der „Erzählung“ widmet.

Von der „Germania“ des Tacitus im 1. Jahrhundert, von den Markomannenkriegen Marc Aurels im 2. Jahrhundert, über den Einbruch der Hunnen, dem Beginn der „Völkerwanderung“ und die Schlacht von Adrianopel 378, über die Reichsgründungen der West- und Ostgoten und der Vandalen, zu den Franken, Burgundern, Thüringern und Alemannen bis hin zum „langobardischen Epilog“ pflügt der Autor durch die römische Kaisergeschichte und das frühe Mittelalter.

Die „Völkerwanderung“ – ebenfalls ein problematischer Begriff – bildete gleichsam das Ende des Römerreichs und seiner Germanen. Sie ist eine Erzählung von Herkunft und Ankunft. Woher die Menschen kamen und wohin sie gingen, welche Mythen sie sich erzählten und welche Traditionen sie sich gaben, wie sie sich zusammensetzen, vermischten, verschwanden, neugründeten und im Laufe der Jahrhunderte entwickelten ist Gegenstand dieses großen Werkes von Herwig Wolfram, dem eine breite Leserschaft zu wünschen ist.

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