„Das konservative Manifest“ von Wolfram Weimer (Rezension)

Sollte konservative Politik heute darauf angelegt sein, sich kategorisch von Rechtspopulisten zu distanzieren, oder vielmehr darauf, deren Themen und Kritik zu übernehmen und gewissermaßen zu entschärfen? Wolfram Weimer steht immer schon für den letzteren Ansatz. Ob als Chefredakteur des Cicero oder des Focus, ob als Verleger des The European, oder als regelmäßiger Autor der Achse des Guten – stets meinungsstark im Auftritt, wendet er sich gegen die „Multi-Kulti-Lüge“, beschwört eine kulturelle Renaissance des Abendlands und spricht sich für eine „Rückkehr der Religion“ aus.

Zum 200. Geburtstag von Marx gibt es von Weimer nun statt eines „Kommunistischen“ ein „Konservatives Manifest“. Während es bei Marx heißt, „Ein Gespenst geht um in Europa“, steht hier eingangs: „Konservativsein wird wieder populär.“ Vor seiner mit vielen Zitaten aus der abendländischen Geistesgeschichte gespickten Tour d’Horizon durch „zehn Gebote der neuen Bürgerlichkeit“ überrascht Weimer gleich zu Beginn mit einer eigentümlichen Definition: „Konservativsein ist nicht ein Hängen an dem, was gestern war, sondern ein Leben aus dem, was immer gilt.“ Das geht beileibe nicht in die Richtung etwa eines Franz-Josef Strauss, der ja bekanntlich gesagt hatte: „Konservativ heißt, nicht nach hinten blicken, konservativ heißt, an der Spitze des Fortschritts marschieren.“ Es geht aber auch nicht in die Richtung, die der Begründer des modernen Konservatismus, Edmund Burke (1729-1897), vorgegeben hatte. Dem revolutionären Frankreich hatte er vorgeworfen, die historisch gewachsene Ordnung rücksichtslos zerstört zu haben: „Es ist besser und einfacher zu reformieren, als niederzureißen und hinterher aufzubauen.“

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Der Konservatismus hat es ja gegenüber dem von ihm bekämpften Rationalismus, aus dem sich dann Liberalismus und Sozialismus speisen, schwer. Was angeblich immer schon und instinktiv gilt, was natürlich gewachsen und unhinterfragbar richtig sein soll, muss in der Auseinandersetzung mit dem Rationalismus erst bewiesen und definiert werden, und wird damit ebenso programmatisch-theoriegebunden, wie sein Gegenspieler. Diese „Gleichursprünglichkeit“ von Konservatismus und Rationalismus hat der Politikwissenschaftler Martin Greiffenhagen 1971 in seinem „Dilemma des Konservatismus“ herausgearbeitet. Nicht umsonst war die Französische Revolution auch die Geburtsstunde des modernen Konservatismus. Und schon damals waren konservative Denker einem fast automatischen Sog in Richtung Liberalismus ausgesetzt. Ein Politiker wie Burke wäre im damaligen Österreich oder Preußen als Liberaler bezeichnet und mit Gefängnis bedroht worden. Ein Unternehmen wie die Metternisch’sche Restauration, die ja gerade die in der Romantik beschworene Poesie des vormodernen Lebens revitalisieren wollte, musste vor diesem Hintergrund bereits hoch reflektiert – sprich: rational – vorgehen und konnte so den avisierten „Zauber“ gar nicht mehr entfalten. Die Büchse der Pandora war geöffnet. Max Webers „Entzauberung der Welt“ hatte begonnen. Mochte Thomas Mann noch in seinen notorischen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (1918) gegen „die Verpestung des gesamten nationalen Lebens mit Politik“ zetern – Rationalismus in Wirtschaft und Gesellschaft, der Weg in den Parlamentarismus, sie waren nicht mehr zu stoppen.

Diese Dynamik ist in Deutschland immer wieder zum Zug gekommen: So ist die konservative Partei der Bundesrepublik Deutschland, die Christlich-Demokratische Union, von Anfang an eben eine „Union“ gewesen, die sich aus sozialen, liberalen und konservativen Quellen speist. Die Transformation von der Honoratioren- zur Programm- und Organisationspartei geschah erst in den 1970er Jahren unter dem Druck des damaligen Erfolgs der SPD, die diesen Charakter bereits seit ihrer Gründung gehabt hatte. „1968“, jenes mythisch verklärte Rebellionsjahr, steht nicht nur für den Beginn (oder die Beschleunigung) einer gesamtgesellschaftlichen Liberalisierung, sondern auch für den Beginn der „Neuen Rechten“, einer „Anti-1968“-Bewegung, die gleichwohl viel von den damaligen Aktions- und Denkformen übernommen hat, und Lenin und Gramsci nun von rechts rezipiert. In diesem Lager wird sich zwar auch auf den Konservatismus berufen, die Übergänge zum Reaktionärstum und zum Rechtsradikalismus sind jedoch fließend: „Die Kritik am Westen wird schrill, der Antikartesianismus durchgängig, und Humanität gilt als schwächlich“ (Greiffenhagen).

Andererseits ist der Konservatismus, wie der Soziologe Karl Mannheim gezeigt hat, nicht etwa nur ein „unbewusster Agent der Aufklärung“. Seine zentralen Kennzeichnen sind nicht „abstrakte Einheiten, Ideen oder gar Normen“, sondern „die Hinwendung zu konkreten lebensweltlichen Einheiten.“ Und in diesem Sinne schreibt auch Weimer in seinem Manifest, dass der Konservative dem „Sein näher als der Möglichkeit“, dem „Leben näher als der Theorie“, dem „Einzelnen näher als der Gesellschaft“ steht. Zentrales Instrument hierbei: Der „gesunde Menschenverstand.“ Ob das reicht?

„Person würdigen, „Familie lieben“, „Heimat leben“, „Nation ehren“ (ohne Nationalist zu sein!), „Kulturkreis kennen“, „Tradition hegen“, „Recht und Ordnung respektieren“, „Eigentum und Wohlfahrt stärken“, „Tugend pflegen“ und „Gott achten“ sind die Stationen dieser Reise. Oftmals schießt Weimer dabei über das Ziel hinaus; „die Linken“ erscheinen eher als klischeebeladenes Zerrbild. Viele „Verfehlungen“ der 1968er, die ja oft nur Versuche waren, angesichts der Monstrosität der Nazi-Verbrechen einen radikalen Bruch zu vollziehen, sind längst passé. Hier rennt der Autor offene Türen ein. „Heimat“ ist als politische Vokabel längst links der Mitte angekommen, und Traditionen wollten seit jeher nur ganz Radikale abschaffen. Die regelmäßige Hysterie über angebliche Umbenennungen von „Martinsumzügen“ in „Laternenumzüge“, von „Osterhasen“ in „Traditionshasen“ oder von „Weihnachtsmärkten“ in „Wintermärkte“ sind ja doch ein Popanz, mit dem Rechtspopulisten in den sozialen Medien Stimmungen erzeugen, um Narrative zu verfestigen, die sich im wahren Leben kaum widerspiegeln.

Überhaupt – die AfD. Sie kommt bei Weimar namentlich nicht vor, steht aber stets mit im Raum. Bereits früh hatte er sich eindeutig gegen sie positioniert. Sollte ein revitalisierter Konservatismus, wie ihm Weimer vorschwebt, dazu beitragen, dieses Krisenphänomen zurückzudrängen, sei ihm Erfolg gewünscht. Doch die Grenze zwischen konservativer Einhegung der Rechtspopulisten und der Kompromittierung durch rechtsextremes und nationalistisches Gedankengut ist naturgemäß fließend. Nicht nur der von Weimer verlegte European verkommt seit Jahren zum Hetzblatt, in dem sich halbgare Verschwörungstheorien mit alarmistischen Untergangsgesängen abwechseln. Besonders „tugendhaft“ im Sinne des Konservativen Manifests ist das nicht.

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