Das gotische Italien II: Eroberung (489-493)

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Fortsetzung von: Das gotische Italien I: Vorabend (bis 489)

Theoderich wird König der Ostgoten

Sollte es der Plan gewesen sein, den jungen Theoderich durch Einführung in römische Lebensart zu assimilieren und zu einem fügsamen Klientelherrscher zu machen, so lässt sich sagen, dass dieser Plan vollständig gescheitert ist. 469 verließ er den kaiserlichen Hof, um zu seinen pannonischen Ostgoten zurückzukehren. Schnell etablierte er sich in Siegen gegen lokale Fürsten zum prospektiven Nachfolger seines Vaters. 471 wurde er zum Heerkönig erhoben und 474 trat er offiziell die Nachfolge von Thiudimir an. Bis 481 befand sich der gesamte Balkanraum in einem fragilen, immer wieder durch gewaltsame Auseinandersetzungen durchbrochenen, Machtgleichgewicht zwischen Theoderichs Goten, dem Kaiser in Byzanz sowie einer weiteren gotischen Gruppierung unter einem weiteren Theoderich (Beiname „Strabo“). Als dieser durch einen tragischen Unfall (Fall auf eine Lanze beim Abstieg vom Pferd) überraschend dahinschied, liefen seine Anhänger zu unserem Theoderich über, der somit seine Macht beträchtlich ausbauen konnte. Wie für die Spätantike üblich, versuchte der Kaiser den Warlord durch hohe Ämter und Titel sowie durch Subsidienzahlungen zu besänftigen und als Gefahr zu neutralisieren. Bereits 481 wurde er zum Heermeister ernannt, und 484 bekleidete der Gotenkönig sogar das Konsulat. Dennoch blieben Spannungen und es kam 486/87 wieder zu Kämpfen in Südosteuropa.

Der Auftrag

Odoaker war nun seit 476, also seit über zehn Jahren König von Italien, hatte sich anfangs folgsam gegenüber Ostrom gezeigt, war aber zuletzt – auch weil Byzanz hauptsächlich mit internen Wirren beschäftigt war und kaum Interesse am Westen zeigte – immer unabhängiger vorgegangen, insbesondere seit Julius Nepos 480 in Dalmatien gewaltsam zu Tode gebracht worden war. Zenon kombinierte nun zwei Problemkomplexe in ebenfalls für die Spätantike charakteristischer Art und Weise: Er bestätigte Theoderich 488 im Amt als Heermeister und entsandte ihn nach Italien, um Odoaker zu beseitigen und die Halbinsel für Ostrom zu erobern. Damit war der byzantinische Kaiser das Ostgoten-Problem vor der eigenen Haustür erstmal los. Sollte Theoderich in Italien Erfolg haben, und sich dort halten können – was unwahrscheinlich war – würde man weitersehen. Sollte er aber in Italien umkommen – umso besser.

Rabenschlacht

Im Jahre 489 zog Theoderich mit ca. 20.000 foederati und nochmal ca. 80.000 weiteren Kriegern (unter anderem vom Stamm der Rugier, die sich den Ostgoten angeschlossen hatten) gen Italien. Nach einem zunächst wechselhaften Kriegsverlauf gelang es in zwei großen Schlachten, 490 bei Verona und im Anschluss am Fluss Adda, Odoakers Truppen entscheidend zu schlagen. 491, als Kaiser Zenon in Konstantinopel verstarb, kontrollierte Theoderich bereits den Großteil Italiens. Odoaker hatte sich in das als uneinnehmbar geltende Ravenna zurückgezogen. Zwei Jahre belagerten Theoderichs Truppen die Stadt, konnten sie jedoch nicht einnehmen. Als die Ostgoten schließlich den Hafen blockierten und eine Hungersnot drohte, wagte Odoaker 493 einen Ausbruch in der später sogenannten, mythisch verklärten Rabenschlacht. Der Ausbruch misslang. Odoaker bot Friedensverhandlungen an – und Theoderich akzeptierte.

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Wenige Tage später kam es zu einem formellen Versöhnungsmahl in Ravenna. Dieses sollte sich jedoch als Blutbad erwiesen. Auf einen Fingerzeig hin wurden Odoaker, seine anwesenden Söhne sowie alle seine Gefolgsleute im Saal durch die Goten ermordet. Theoderich soll Odoaker sogar eigenhändig „halbiert“ und danach gespottet haben: „Kein Knochen war in diesem Schuft!“ Der Gotenkönig gab sich hier nochmal klar als Gewaltherrscher zu erkennen, der nicht zum ersten Mal einen gegnerischen Anführer eigenhändig getötet hatte. Er war nun de facto Herrscher Italiens. Doch auf welcher Grundlage sollte er herrschen? Als König, Warlord oder Stellvertreter des Kaisers? Wie konnten und sollten er und seine relativ kleine Kriegerschar mit den einheimischen Eliten zusammenarbeiten? Und wie sollte sich das Verhältnis zum neuen Kaiser in Konstantinopel, Anastasios I., gestalten? Würde dieser Theoderichs Stellung im Westen akzeptieren? Die Tatsache, dass der Gotenkönig bis zu seinem Tod im Jahre 526 unumschränkt über Italien herrschte, zeigt, dass er auf all diese Fragen ziemlich intelligente Antworten fand.

Weiter in: Das gotische Italien III: Herrschaft (493-526)

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