Die Pest des Antisemitismus – Kollegah und all die anderen

Genesis

Der Skandal um die Echopreisverleihung an Kollegah und Farid Bang sowie der Fall zweier Kippa tragender Männer in Berlin, die mit einem Gürtel attackiert wurden, hat es erneut gezeigt: Der Antisemitismus ist eine Pest, die sich nie ganz ausrotten lässt und die immer wieder in unterschiedlichen Intensitätsgraden ausbricht. Derart tief ist sie in unsere Kultur eingebrannt, dass die entsprechenden Sprachmuster, Denkweisen und Motivationslagen jederzeit abrufbar unter einem dünnen Firnis der Zivilisation zu lauern scheinen. Anknüpfend an den christlichen Antijudaismus, auf dem, wie David Nirenberg 2014 zeigen konnte, ein Großteil des westlichen Denkens, auch desjenigen der Aufklärung, fußt, speist sich der moderne Antisemitismusbegriff seit etwa 1800 aus Nationalismus, Sozialdarwinismus, Verschwörungstheorien und einer rassistisch begründete Judenfeindlichkeit. In der mittelalterlichen Bibelexegese bezeichneten die Semiten noch die Nachfahren des Sem, eines Sohns des Noah. Laut der Völkertafel in Genesis 10 gehen auf ihn und seine Brüder Ham und Jafet alle Völker der Erde zurück: Diejenigen Asiens auf die Semiten, diejenigen Europas auf die Jafetiten und diejenigen Afrikas auf die Hamiten. Den Begriff des Antisemitismus nur auf Juden zu beziehen ist somit widersinnig, hat sich jedoch derart durchgesetzt, dass mit dessen Überwindung kaum zu rechnen ist.

Wie jeder „Ismus“ tritt der Antisemitismus, wie eingangs bemerkt, in unterschiedlichen Intensitätsgraden auf. Der Holocaust als extremste Ausformung eines „eliminatorischen Antisemitismus“ wirkt hier in mehrerlei Hinsicht als Fanal: Die furchtbare Leidensgeschichte des jüdischen Volkes fand hier ihren Kulminationspunkt. So abschreckend, so grausam ist das, wie hier geschehen ist, dass die Art und Weise, wie wir heute über den Antisemitismus sprechen und denken, kaum ohne Bezug auf den Holocaust auskommt. Das hat unter anderem zur Folge, dass niemand sich offen zum Antisemitismus bekennt. Es handelt sich also immer um eine pejorative Fremdbezeichnung. Es hat aber auch zur Folge, dass eigener Antisemitismus oft nicht erkannt, anerkannt oder ein solcher weit von sich gewiesen wird. Bei manchen Akteuren ist diese „Aber-ich-doch-nicht“-Attitüde derart ausgeprägt, dass man meint, unterhalb eines Genozids gäbe es gar keinen Antisemitismus.

Die ewige Täter-Opfer-Umkehr

Dabei gibt es unterhalb des eliminatorischen Antisemitismus, der ja, wie gesagt, nur die extremste Ausformung ist, ein reich bestelltes Feld an Vorformen: Antisemitische Klischees, Codes und als „Israelkritik“ getarnte Judenfeindschaft bis hin zu Judenhass kommen in allen Ausprägungen und Spielarten vor. Schauen wir uns einige Fälle der letzten Jahre an:

1986 veröffentlichte der Historiker Andreas Hillgruber den Band „Zweierlei Untergang: Die Zerschlagung des Deutschen Reiches und das Ende des europäischen Judentums“. Mit der Parallelisierung dieser zwei „Vorgänge“ wandte er sich laut Klappentext „gegen die landläufige Meinung, wonach die Zerschlagung des deutschen Reiches eine Antwort auf die Untaten des NS-Regimes gewesen sei.“ Sprich: Beim Zweiten Weltkrieg handelte es sich im Grunde um eine Art Selbstverteidigung des Deutschen Reiches. Dessen Zerschlagung sei auch ohne Holocaust festes Ziel der westlichen Alliierten gewesen. Deutsche wie Juden sind im Grunde beides Opfer. Hillgruber hat sich um die deutsche Geschichtsforschung Verdienste erworben – hier hatte er sich, gelinde gesagt, vergaloppiert. Ausgerechnet Rudolf Augstein bezeichnete Hillgruber darauf hin als „konstitutionellen Nazi“. Dabei hatte Augstein selbst zum Judentum und zu Israel ein, ebenfalls gelinde gesagt, problematisches Verhältnis. Das spätere Grass-Gedicht nahm er bereits 1982 im Zuge des Libanon-Kriegs vorweg, als er sagte: „Denn wir täuschen uns, wenn wir uns trösten, der große, der Atomkrieg, werde nicht von den Eigendynamikern à la Arik Scharon inszeniert werden.“ Und lange vor Martin Walsers notorischer Paulskirchenrede und seinem Wort von der „Auschwitz-Keule“ mahnte Augstein im SPIEGEL (42/1990): „Es dürfen sich nun nicht dieselben Leute, die uns und denen, die nach uns kommen, die Erinnerung an die Rampe von Auschwitz für immer ins Gedächtnis brennen wollen […], den Palästinensern gegenüber als ,Herrenmenschen’ aufführen.“ Tja, die Israelis verhalten sich gegenüber den Palästinensern genauso, wie die Nazis gegenüber den Juden. Dabei müssten DIE es doch eigentlich besser wissen, oder? Dieser platte und unhistorische Vergleich, den man heute immer noch hört – er stammt auch vom großen Verleger.

Hohmann

Am 3. Oktober 2003 hielt der damalige CDU-Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann im hessischen Neuhof eine Rede zum Tag der Deutschen Einheit. Deutschland ging es damals wirtschaftlich bekanntlich nicht so gut und er hatte da eine Idee, wie Geld eingespart werden könnte, nämlich indem die Zahlungen an die EU sowie die Entschädigungszahlungen an ehemalige Zwangsarbeiter während des NS-Regimes und an die jüdischen Opfer des Holocaust zu verringern. In einer verquasten, mit haarsträubender Logik garnierten Rede, schwurbelte er dann von Deutschen und Juden, die man „mit einer gewissen Berechtigung“ beide als „Tätervölker“ bezeichnen könnte. Für „die Juden“ leitete er diesen Titel, Henry Ford zitierend, aus dem Umstand ab, dass überdurchschnittlich viele Bolschewisten der ersten Phase der russischen Revolution Juden gewesen seien. Ein öffentlicher Skandal, Fraktions- und Parteiausschluss aus der CDU waren schließlich die Folge. Heute sitzt Hohmann wieder im Bundestag – für die AfD.

Hohmann hatte damals einen Nerv getroffen. Dabei ging es kaum um historische Feinheiten der russischen Revolution. Nein, es ging auf einem ganz elementaren Level darum, dass einer von UNS es DENEN mal zeigte; ein Appell also, an die tiefsitzende Wut über diese Minderheit, die den Deutschen angeblich heute noch das Leben schwer macht. Diese Opfer-Täter-Umkehr ist wahrlich bemerkenswert und verdichtet sich in dem berühmten Diktum von Zvi Rix: „Auschwitz werden uns die Deutschen niemals verzeihen!“

„Ich doch nicht!“

Weitere Beispiele sind Legion: Die Möllemann-Affäre 2002/2003; die bereits erwähnte Paulskirchenrede von Martin Walser (1998); das ebenfalls bereits erwähnte Israel-Gedicht von Günter Grass; die wiederholten sprachlichen Entgleisungen des Jakob Augstein – immer geht es um diese vermaledeite Opfer-Täter-Umkehr; irgendetwas arbeitet in diesen Menschen unablässig. Sie machen dabei Parolen salonfähig, die ebenso schlicht wie unwahr, aber wirkmächtig sind: Israel darf „man“ als Deutscher nicht kritisieren – das ist so einer dieser Leitsätze. Dass Israel tagtäglich, allerorts, wiederholt und immer wieder und oft auch zu Recht kritisiert wird – diese Tatsache wird gekonnt ausgeblendet. Warum sich all diese Kritiker ausgerechnet die einzige Demokratie des Nahen Ostens zum Ziel ihrer Bemühungen nehmen, und nicht etwa den Südsudan, Nordkorea oder Venezuela – warum ist das wohl so? Antisemitischer Code ist in all diesen Diskussionen und Diskursen weit verbreitet und wird von den Teilnehmenden selten gesehen – das basiert auch auf einer heute weit verbreiteten Haltung, die meinungsstark aber kenntnisarm daherkommt. So pauschal wird sich selbst von jedwedem Antisemitismus distanziert, dass sich eine Beschäftigung mit den historischen Quellen, Ausprägungen und Denkmustern gar nicht erst zu lohnen scheint; nach dem Motto: „Wozu sollte ich mich damit beschäftigen, ich hab doch gar nichts gegen Juden?“ Gegen solche Denkbarrieren anzuargumentieren, ist nicht nur extrem mühsam, es stellt sich auch schnell ein kognitives Ohnmachtsgefühl ein. Xavier Naidoo singt davon, dass „Baron Totschild“ die Welt regiert? Wo ist das bitte schön antisemitisch? DIE haben ja schließlich auch sehr viel Einfluss. Vor allem in den USA! Auf den ach so linken „Nachdenkseiten“ steht ein Artikel über den schnellen Aufstieg des Emanuel Macron. Es wird gemutmaßt, dieser könne ja damit zusammenhängen, dass er früher mal für eine Rothschild-Bank gearbeitet hat. Antisemitisch? Ja woher denn? Darf man denn gar nicht mehr fragen? Nein, wer hier Antisemitismus vermutet, hat im Gegenteil „Denkblockaden“, ist „gehirngewaschen“ durch all die Jahre der „Umerziehung“, und hat immer noch nicht den „Judenknax“ überwunden, um dieses furchtbare Wort des Linksterroristen Dieter Kunzelmann einmal zu bemühen.

Echos

Es gehört zu den traurigsten Aspekten der an traurigen Aspekten reichen Geschichte um die Echo-Preisverleihung an die Rapper Kollegah und Farid Bang, dass immer wieder nur die Textzeile „Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen“ als Beleg für etwaigen Antisemitismus zitiert wurde – und das von fast allen Medien immer und immer wieder. Diese Zeile an sich ist aber gar nicht antisemitisch. Sie ist einfach nur geschmacklos. Das führt dann auch dazu, dass viele Menschen meinen, hier würde ein Popanz aufgebaut. Tatsächlich handelt es sich aber nur um die Spitze des Eisbergs, wie Leon Dische Becker, in – ja – Jakob Augsteins FREITAG dankenswerter Weise gezeigt hat. So ist etwa der Song „Armageddon“ eine wahre „Ode an den Antisemitismus“: „Der Song will satanistische Mächte enthüllen, deren Einfluss sich von Babylon über König Salomon hin zu den Illuminaten zieht, und macht dabei speziell 13 Familien aus, die die gesamte Erde beherrschen, um dann eine Linie zu Banken zu ziehen, Ausbeutung, Waffendeals, Entvölkerung und schließlich der Apokalypse. Am Ende steht ein Kampf zwischen Kollegah und dem Teufel um die Seele des Planeten, der in Jerusalem stattfindet. Danach geben sich alle Religionen (fast alle: „Buddhisten, Muslime und Christen“ zählt er auf) die Hand und bauen die Welt wieder auf.“ Antisemitisch? Nein, so ganz und gar nicht! Nur ein bisschen Provokation, oder?

Letztendlich liegt in all diesen Fällen eine bemerkenswerte Diskursverweigerung von Seiten derer vor, die an solchen Zeilen und Themen nichts Antisemitisches entdecken können, während sich auf der anderen Seite fortwährend bemüht wird, Kontinuitäten, Codes und Parallelen aufzuzeigen – meist erfolglos. Die mit diesen Motiven einhergehende Stigmatisierung „der Juden“ wird scheinbar nicht einmal gesehen. Oder ist es doch so, dass ein Denken, wie das des amerikanischen Neurowissenschaftlers Sam Harris insgeheim weiter verbreitet ist, als gedacht?: „Die Schrecklichkeit des jüdischen Leidens durch die Jahrhunderte, das im Holocaust kulminierte, macht es beinahe unmöglich, auch nur zu mutmaßen, die Juden könnten ihr Unglück auf sich selbst herabbeschworen haben“, schreibt er. Der Grund des jüdischen Leidens sei nämlich „ihre Weigerung, sich zu assimilieren, ihre Insularität und das Bekenntnis zur Überlegenheit ihrer religiösen Kultur — also der Inhalt ihres eigenen sektiererischen Glaubens“. Mit anderen Worten: Sie sind selbst schuld. Es ist dies der Kern des Antisemitismus. Harris kommt verständnisvoll daher, um ES dann umso konsequenter aus sich heraussprechen zu lassen.

Wie dem begegnen? Die Wirkmächtigkeit antisemitischer Klischees und Denkmuster gegen jede Evidenz ist angsteinflößend. Ob Aufklärung gegen derart geschlossene, selbstreferentielle Denksysteme wirklich eine Chance hat, ist fraglich. Dagegen halten, nicht durchgehen lassen, wachsam sein, den Finger immer wieder in die Wunden legen – das scheinen noch die besten Mittel in der Auseinandersetzung mit dieser Pest zu sein.

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