Welten der Antike. Eine Geschichte von Ost und West (Rezension)

Michael Scott liegt mit seinen „Welten der Antike“ im Trend der Zeit. Globalgeschichte jenseits des eurozentrischen Weltbilds ist ein Gebot der Stunde. In unserer einen global vernetzten Welt wird täglich der Blick für das Grenzübergreifende, für globale Kausalitäten, für Austausch, Vernetzung und Integration sowie für Abgrenzung, Abschottung und Identitätsstiftungen geschärft. Anders im Geschichtsunterricht: Hier wird immer noch, wie von Scott zu Recht beklagt, jedes Thema einzeln und klar voneinander abgegrenzt behandelt. So auch die Antike, die im klassisch-europäischen Selbstverständnis gerade mal „Griechen“ und „Rom“ umfasst.

Tatsächlich ist ja die „eine Welt“ ein erdgeschichtlich brandneues Phänomen. Noch vor 1492 macht Yuval Noah Harari „viele Welten“ auf der Erde aus, die nichts voneinander wussten: Die mesoamerikanische Welt von Zentralamerika bis Nordmexiko, die Andenwelt entlang der Westküste von Südamerika, die australische Welt auf dem Kontinent Australien und die ozeanische Welt, zu der die Inseln des Südwestpazifik von Hawaii nach Neuseeland gehörten. Die fünfte Welt, die afro-eurasische, war freilich schon zu Zeiten unserer Antike ein gemeinsamer Raum, und hier setzt Scott an:

Die Männer und Frauen der Oberschicht in Rom und Karthago trugen im 1. Jahrhundert n. Chr. chinesische Seide. Und Rom exportierte kunstvoll gearbeitete Glaswaren, Silber, Gold und Edelsteine ins Reich der Mitte, die der chinesische Han-Kaiser durchaus zu schätzen wusste. Römische Händler fuhren per Schiff bis ins südliche Arabien und ins tamilische Indien. Als Bezahlung für kostbare Gewürze, Weihrauch und andere Luxusgüter flossen jährlich bis zu 50 Millionen Sesterzen nach Indien.

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Es sind diese Aspekte, die das Buch Scotts zu einer lesenswerten Lektüre machen. Leider hat er es jedoch mit zu viel Theorie überfrachtet. Anhand dreier „Momente“ soll die „Vernetztheit“ der Antike exemplifiziert werden: Das Jahr 508 v. Chr. und die Erfindung der Demokratie im Athen des Kleisthenes, das Jahr 218 v. Chr. mit der Alpenüberquerung Hannibals, und drittens das Jahr 312 n. Chr. mit der Schlacht an der Milvischen Brücke und dem Sieg Konstantins im Zeichen des Christentums. Im Sinne von Staatsorganisation, Krieg und Religion werden diesen Momenten jeweils Entwicklungen in China und Indien gegenübergestellt, die von ähnlichen „Themen“ geprägt gewesen seien. Das gelingt jedoch nur anhand eines derart hohen Abstraktionsniveaus, das sich die Frage nach der Fruchtbarkeit einer solchen Gegenüberstellung stellt. Michael Scott hält gegen Ian Morris, der gesagt hat, die einzig beobachtbare Einheit bestehe faktisch in der Vielfalt des Denkens im Osten und im Westen, an Karl Jaspers‘ Konzept einer „Achsenzeit“ von 800 bis 200 v. Chr. fest.

Das klingt dann so: Im Athen, Rom und im Staate Lu der chinesischen Zhou-Dynastie des 6. Jahrhunderts v. Chr. hätten die „Auswirkungen von Krieg, Tyrannei, administrativer Ineffizienz und gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Ungleichheit einen Wandel notwendig gemacht (…) Während ihrer allmählichen Weiterentwicklung in der jeweiligen Bevölkerung blieben alle diese Systeme noch auf Jahrzehnte hinaus brüchig und wandelbar.“ Es gibt wohl wenige Phasen der Weltgeschichte, auf die diese Charakterisierung nicht zutreffen würde.

Es ist zudem nicht ganz ersichtlich, warum Scott drei „westliche Momente“ gewählt hat, um seine Argumentation zu entfalten. Wird hier nicht versucht, östliche Entwicklungen in ein westliches Prokrustesbett zu zwängen und damit das eurozentrische Weltbild im Versuch es zu überwinden, im Gegenteil perpetuiert? In eine ähnliche Falle war Peter Frankopan in seinem Opus Magnum „Licht aus dem Osten“ getappt, als er auf Seite drei bereits bei den Griechen angelangt und das orientalisch geprägte Altertum mal eben übersprungen hatte.

Wie man jenseits theoretischer Überfrachtung die Vernetztheit und das Weltwissen der Antike darstellen kann, hat Raimund Schulz bereits 2016 mit seinem dazu noch packend geschriebenen „Abenteuer der Ferne“ gezeigt. Im direkten Vergleich ist es das weitaus bessere Buch.

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