Hannes Leidinger seziert den Untergang der Habsburgermonarchie (Rezension)

Ein Buch mit dem Titel „Der Untergang der Habsburgermonarchie“ lädt zu einer deterministischen Betrachtungsweise ein. Dass aber das „Ende des Doppeladlers“ durchaus nicht alternativlos war, kann der österreichische Historiker Hannes Leidinger auf über 400 Seiten immer wieder zeigen. Was er hier schafft, ist durchaus speziell: Nicht rein chronologisch wird der Stoff vorgetragen, keine klassische Erzählung von Verfall und Untergang vorgelegt, kein „großformatiges Narrativ“ verfolgt. Vielmehr zeichnet Leidinger etliche 2-3-Seiten-Miniaturen, quasi Erzählsprints, in denen jeweils soziale, wirtschaftliche, kulturelle und politische Aspekte verdichtet werden. Aus diesen „Einzelheiten“ entsteht schließlich der „Tragbalken“ für spätere Versuche, dann wieder „ausgreifende ‚Erzählstränge‘ zu entwerfen“.

Natürlich lässt sich die Geschichte der Habsburgermonarchie als eine Geschichte des Verfalls erzählen: Angefangen vom Höhepunkt unter Karl V., in dessen Reich „die Sonne nicht unterging“, über die Aufspaltung in eine spanische und eine österreichische Linie, über die napoleonischen Kriege und dem Ende des Heiligen Römischen Reiches, bis zur Niederlage gegen Preußen bei Königgrätz 1866 und der Herausdrängung aus Deutschland. „Auf tönernen Füßen“ lebte dieses Imperium, und doch sah die Lage im Kriegsjahr 1916/17 gar nicht mal so schlecht aus: „Die Soldaten aller Völker schlugen sich (…) für ‚ihren Kaiser‘ mit bemerkenswertem Gehorsam. Uniformierte wie Zivilisten begehrten nicht gegen den Waffengang auf und lieferten – wenn auch in unterschiedlicher Intensität – Beispiele für ‚loyales Verhalten‘.“ Hinzu kam: „Serbien besiegt und besetzt, Rumänien ebenso. Russland zurückgedrängt und im Inneren geschwächt. Italien erfolgreich abgewehrt. Neue Gebiete hinzugewonnen und zukünftig möglicherweise unter dem Einfluss der habsburgischen Dynastie. Mit Karl ein junger Kaiser an der Macht, voll guten Willens und trotz geringer Erfahrungen auf dem Weg, den Völkern der Monarchie die Hand zu reichen.“

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Allein – es sollte anders kommen. Das Brodeln im „Völkergefängnis“ Österreich-Ungarn, das schon seit vielen Jahren die Innenpolitik bestimmt hatte, kam nicht zur Ruhe, sondern intensivierte sich noch. Vor allem, als aus den USA Präsident Wilsons Wort vom „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ über den Atlantik kam, das im dortigen State Department angesichts des erwartbaren Chaos in Mitteleuropa durchaus auf einige Skepsis stieß. Schon 1908 hatte der damalige k. k. Ministerpräsident von Beck geklagt: „Uns hat die Vorsehung ein Problem auf den Weg gegeben, wie keinem anderen Staate Europas. 8 Nationalitäten, 17 Länder, 20 parlamentarische Körperschaften, 27 parlamentarische Parteien, (…) verschiedene Weltanschauungen, ein kompliziertes Verhältnis zu Ungarn, die durch beiläufig achteinhalb Breiten- und etwa ebenso viele Längengrade gegebenen Kulturdistanzen – alles das auf einen Punkt zu vereinigen, aus alldem eine Resultierende zu ziehen, das ist notwendig, um in Österreich zu regieren!“

Der mit Elan gestartete Franz-Joseph-Nachfolger Karl kam schnell an seine Grenzen und verlor dann ganz das Heft des Handelns aus der Hand. Nachdem im Zuge der „Sixtus-Affäre“ Geheimschreiben publik geworden waren, in denen er mit Großbritannien und Frankreich Separatverhandlungen aufgenommen, und den Anspruch des Letzteren auf Elsass-Lothringen gebilligt hatte, musste er gegenüber dem deutschen Bündnispartner Buße tun und geriet schließlich vollends in dessen Abhängigkeit. Als schließlich auch der gemeinsame Ministerrat am 27. September 1918 die Zeichen der Zeit erkannte und von der „Notwendigkeit einer Rekonstruktion im Innern“ sprach, war es bereits viel zu spät. Auch ein als „Völkermanifest“ bezeichneter Reformversuch des Kaisers vom 15. Oktober zeigte keine Wirkung mehr, als ein Land und eine Region nach der anderen aus dem Reichsverband ausschied, sich für unabhängig erklärte (Ungarn), mit anderen zusammentat (Kroatien, Serbien, Slowenien) oder wiedergründete (Polen). Gefragt, ob das Militär nichts dagegen unternehmen solle, erklärte Karl resigniert: „Oh, es ist doch schon genug Blut geflossen.“ Am 12. November 1918 vermeldete die „Arbeiter-Zeitung“: „Habsburgs vieljahrhundertealtes Imperium ist aus dem Buch der Geschichte gestrichen.“

Welche Alternativen hätte es gegeben? Leidinger erzählt von geheimen Friedensgesprächen, die der südafrikanische General Jan Smuts in der Schweiz mit den Österreichern führte. Hierin offerierte er „Londons Beistand bei der Umwandlung der Donaumonarchie in ein ‚wirklich liberales Reich‘ und eine ‚wohlwollende Schutzmacht‘ nach britischem Vorbild.“ Ist die Europäische Union nicht auch auf diese Hoffnung eine Antwort?

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