Joschka Fischer, Der Abstieg des Westens. Europa in der neuen Weltordnung des 21. Jahrhunderts (Rezension)

Joschka Fischers Anmerkungen zu den internationalen Beziehungen sind stets eine lohnende Lektüre, denn der ehemalige Bundesaußenminister dreht immer das ganz große Rad. In der Tradition von Ludwig Dehio geht es um das Spannungsverhältnis von Gleichgewicht und Hegemonie, ob bei der Rolle Deutschlands in Europa und in der Welt, ob im Kapitel „Wachablösung oder Duopol? Die USA und China“ oder im Binnenverhältnis dessen, was wir gemeinhin und immer noch „Der Westen“ nennen. Die Welt befindet sich im Übergang – wohin ist naturgemäß offen.  Konturen sind dennoch erkennbar: Fischer sieht eine „im wahrsten Sinne des Wortes global vernetzte“ Welt. Durch Internet und Mobiltelefone ist das Wissen darüber, wie es im reichen Norden aussieht, global verfügbar. Marktzugänge sind auch in ländlichen Regionen des Südens nunmehr niedrigschwelliger. Die Welt wird nicht mehr durch einen einzigen machtpolitischen und ideologischen Gegensatz entlang der West-Ost-Achse bestimmt, sondern durch eine Pluralität von Konflikten entlang der Nord-Süd-Achse. Statt zweier Supermächte haben wir bereits heute einen Flickenteppich großer und kleinerer Mächte mitsamt der damit einhergehenden regionalen und internationalen Instabilität. Zentrale Frage hierbei sei, wie „friedlich sich der Auf- und Abstieg neuer bzw. alter nuklearer Weltmächte im 21. Jahrhundert vollziehen wird“.

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Brexit und Trump, „das Jahr der großen Veränderung“ 2016-2017, bildet eine zentrale Zäsur in Fischers Überlegungen. Die Wahl Macrons sei Rettung und letzte Chance Europas gewesen. Doch: „Allzu oft wird sich ein solches Jahr in Europa nicht wiederholen dürfen, ohne dass es zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung kommt.“ Damit meint Fischer: Einen Sieg Le Pens, das Ende des Euro, das Ende der Europäischen Union, und den Abstieg in Nationalismus und Abschottung, mitsamt all der Folgen für das Zusammenleben der Völker, die uns aus dem 20. Jahrhundert nur allzu bekannt sind.

Was sind die Gründe für den „offensichtlichen Selbstzerstörungstrieb des Westens“? Denn „genau darum“ handele es sich bei dem neuen Nationalismus. Doch während der alte europäische Nationalismus expansiv und aggressiv nach außen gerichtet war, operiert der neue Nationalismus populistischer Prägung unter den Mottos „Grenzen zu“ und „Zugbrücken hoch“. Er blickt auf „überkommene Identitäten“, ist eher „angst- als aggressionsgetrieben“, zielt auf „Verlustängste“ und nicht auf „Eroberungsfantasien“ und er hat sehr viel mit der demografischen Entwicklung zu tun. Just in dem Moment, in dem die westliche Demokratie von innen heraus in Frage gestellt wird, erscheinen zudem illiberale und autoritäre Alternativen im Osten und eindeutig antidemokratische Modernisierungsmodelle wie dasjenige Chinas. All dies konstituiert eine äußerst beunruhigende Gemengelage.

Chinas Modell, „quasi eine ‚leninistische Moderne auf digitaler Grundlage‘“, erfährt dabei eine gründliche Betrachtung: „Ich kenne kein anderes Land der Gegenwart, das mit solcher Langfristigkeit seine angestrebten Ziele verfolgt und auch bereit ist, dafür über einen längeren Zeitraum hinweg Verluste hinzunehmen, deren Kosten zu tragen, und dennoch an der Umsetzung seiner Ziele unbeirrt festhält. Vermutlich ist eine solche Langfristigkeit nur unter der autoritären Herrschaft einer bürokratischen Elite möglich.“ Wer denkt dabei nicht an das hiesige „Fahren auf Sicht“, an die vielen improvisierten Kurswechsel, das Fehlen langfristiger Visionen und Programme, die plebiszitären Aufgeregtheiten, die vordergründig unpopuläre Entscheidungen zunehmend verunmöglichen?

Fischers Gedanken sind weder bahnbrechend neu, noch grundlegend originell. Er vermag es jedoch, wie zuvor auch in den Bänden „Die Rückkehr der Geschichte“ und „Scheitert Europa?“, Zustand und Trends der internationalen Beziehungen in elegant-essayistische Form zu packen und dabei eindringliche Warnungen zu formulieren. So auch zu Deutschland, dem Land in der Mitte Europas: „Das kollektive Gedächtnis von Teilen der heute lebenden Generationen scheint nach dem Ablauf von 72 Jahren seit 1945 nachzulassen, und es gilt wohl das alte deutsche Sprichwort, dass sich der Esel so wohlfühlt, dass er sich unter dem Vergessen aller gemachten Erfahrungen erneut zum Tanze aufs Eis begibt. Die Folgen dieser eistänzerischen Bemühungen (…) sind bekannt und historisch gesichert.“

1 Kommentar

  1. Mag sein, dass Joschka Fischer ein guter Essayist ist, aber seine Schwarzmalerei bringt Europa und Deutschland auch nicht weiter. Dass ein Einparteienstaat wie China, in dem das Staatsoberhaupt quasi universelle Macht hat sehr langfristig seine Ziele verfolgen kann, ist ja sehr logisch. Das ist in einer Demokratie anders, wo alle vier Jahre neue Regierungskonstellationen regieren und sich der eingeschlagene Weg verändert. Natürlich befindet sich unsere westliche Welt gerade sehr im Wandel. Dabei jedoch von einem „Selbstzerstörungstrieb“ zu sprechen, ist stark übertrieben. Man muss den Populisten und ihren Anhängern zeigen, dass sie falsch liegen. Man muss den Menschen zeigen, dass die einfachen Lösungen der Populisten in unserer komplexen Welt nicht die Lösung sind. Man muss die derzeitigen Probleme auf europäischer Ebene lösen, statt die Situation durch nationale Alleingänge zu verkomplizieren. Und man muss mit Vernunft und Augenmaß an einem gemeinsamen Europa arbeiten.

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