Abkehr von der Umkehr? Über sich wandelnde Narrative bundesrepublikanischer Geschichte

Historiker versuchen, in das Chaos des täglichen Geschehens im Nachhinein Ordnung zu bringen, Trends zu erkennen und Zäsuren zu setzen. Je weiter der Abstand, desto nachhaltiger in der Regel die Urteile. Laut Henry Kissinger antwortete der chinesische Premier Zhou Enlai auf die Frage nach den Auswirkungen der Französischen Revolution: „Es ist noch zu früh, darüber ein Urteil abzugeben.“ Selbst wenn das nicht stimmt, ist es immerhin gut ausgedacht. Ganz anders Heinrich-August Winkler, dessen Beststeller „Zerbricht der Westen“ zeitlich so nahe am Geschehen liegt, dass die Lektüre sich anfühlt wie Zeitunglesen. Da sei an die Warnung Walter Raleighs erinnert, „wer immer eine moderne Geschichte schreibt und der Wahrheit zu dicht auf den Fersen folgt, kann sich leicht die Zähne ausschlagen.“

Aus den vielfältigen, sich gegenseitig widersprechenden Entwicklungen und Ereignissen, aus den diagnostizierten Strukturen, Identitäten und Mentalitäten werden dann Erzählungen, werden Narrative. Wer solch ein Narrativ erfolgreich kreiert, gewinnt nicht nur eine Deutungshoheit über die Vergangenheit, sondern auch über die Zukunft, ist diese doch nichts anderes als die Fortsetzung bereits bestehender Trends, eine Extrapolation gesammelter Erfahrungen nach vorne. Stets richten Historiker ihre Arbeit an einer Grundthese aus und rücken dabei naturgemäß solche Aspekte in den Fokus, die auf diese These einzahlen. Ein heute weithin akzeptiertes Großnarrativ bundesrepublikanischer Geschichte liest sich ungefähr so:

Nach den physischen und moralischen Verheerungen des Nationalsozialismus zogen sich die Deutschen unter Adenauer ins Private zurück und wurden „skeptisch“ (Schelsky) gegenüber den öffentlichen Dingen. Die Folgen waren eine weitgehend ungebrochene autoritäre Tradition und der „Muff“ der Fünfzigerjahre, der einherging mit einem erstaunlichen, „Wunder“ genannten Wirtschaftsaufschwung. In dieser Zeit unternahm der erste Bundeskanzler, getarnt unter dem Slogan „Keine Experimente“, ein wegweisendes Experiment, in dem er den deutschen Konservatismus auf Westkurs brachte. In den Sechzigerjahren zog dann eine offenere, liberalere Zeit auf. Willy Brandt stand für einen nie gekannten demokratischen Aufbruch in Deutschland. Die Studenten thematisierten die Verbrechen der Eltern und Großeltern und rebellierten gegen Establishment, Kapitalismus, USA und BILD. Insgesamt reihte sich die Bundesrepublik in ein globales Phänomen jugendlichen Protests gegen althergebrachte Autoritäten ein. Das Ergebnis war, oftmals entgegen der eigentlichen Intentionen der Protestierenden, eine tiefgreifende Liberalisierung der Gesellschaft, die sich auf sämtliche Ebenen des öffentlichen und privaten Lebens auswirkte. Damit war Deutschland noch ein Stück weiter im Westen angekommen, hatten den „Kulturmuff“ hinter sich gelassen und sich in Richtung der „Zivilisation“ bewegt. Dieser Prozess wurde im Zuge der postmaterialistischen Wende zu Beginn der 1980er Jahre noch einmal intensiviert und fand seinen Abschluss in der glücklichen Wiedervereinigung in Frieden und Freiheit im Jahre 1990. „Der lange Weg nach Westen“ (Winkler) war zu Ende. Deutschland galt lange als „Musterbeispiel einer gelungenen Demokratisierung“, so Konrad Jarausch in seinem Buch „Die Umkehr“ von 2004. Dabei galt „Auschwitz“ in den Worten von Joschka Fischer als „negativer Gründungsmythos der Bundesrepublik“ – dass „Auschwitz nie wieder sei“ (Adorno) wurde zur Staatsräson.

Und heute? Unüberhörbar kracht es im Gebälk. Nicht nur das Parteiensystem sortiert sich neu, auch die alten Narrative geraten ins Wanken. Ein wirkmächtiges „Anti-68“ hat eingesetzt. Vielerorts entscheiden „Stimmungen“ (Heinz Bude) über richtig und falsch, nicht mehr Argumente. Inmitten einer „großen Gereiztheit“ (Bernhard Pörksen) werden scheinbar festgefügte Gewissheiten neu verhandelt. Droht also die Abkehr von der Umkehr?

Einen blinden Fleck hatte die Erzählung vom langen Weg nach Westen von Anfang an: Die gesellschaftlichen Entwicklungen im östlichen Teil Deutschlands, der DDR. Hier konnten altkonservative Russlandsehnsucht und real existierender Sozialismus eine unheilvolle Symbiose eingehen. Sinnbildlich hierfür steht Walter Ulbrichts notorisches Diktum: „Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, nu kopieren müssen?“ Was hinter der sozialistischen Fassade an altdeutscher Bürgerlichkeit überwintern konnte, erkennt ein Alexander Gauland heute als fruchtbares Potential für sein Projekt eines rechtspopulistischen Umbaus der Bundesrepublik mithilfe der AfD.

Solche Nischen fanden sich freilich auch in der alten BRD: Ob die Erfolge der NPD in den späten Sechzigerjahren, der Republikaner zu Beginn der Neunzigerjahre – bereits zweimal vor Aufkommen der AfD geriet die Union aus CDU/CSU von rechts unter Beschuss und sah sich mit dem Vorwurf konfrontiert, ihr konservatives Profil verloren zu haben. Restbestände illiberalen Denkens finden sich heute aber auch noch bei allen staatstragenden Parteien, sei es in Form unseliger programmatischer Traditionen, vertreten durch Einzelpersonen, sei es durch problematische Parteifamilienmitglieder auf internationaler Ebene. Insgesamt jedoch möchten weder Union, SPD und FDP, schon gar nicht Grüne oder Linke hinter den aktuellen Stand an Gleichstellung, Antidiskriminierung und Freiheit in der Gesellschaft zurück. Und dieser Konsens gerät jetzt, da er mit dem weltoffen-fröhlichen Patriotismus der Fußball-WM 2006 seinen Scheitelpunkt überschritten zu haben scheint, massiv unter Beschuss.

Es war womöglich Botho Strauß, der vor 25 Jahren mit seinem SPIEGEL-Essay „Anschwellender Bocksgesang“ die Abkehr von der Umkehr einleitete. Hier findet sich alles, was auch heute noch rechte Herzen bewegt: Die Diffamierung der Demokratie als „Demokratismus“, als ein „politisch-technischer Selbstüberwachungsverein“ durch linke Diskurshoheiten in Bildung, Forschung und Kultur; der zwingend kommende Krieg „zwischen den Kräften des Hergebrachten und denen des ständiges Fortbringens, Abservierens und Auslöschens“; der Appell an die Bereitschaft, „Blutopfer“ zu bringen, um das „Sittengesetz“ eines Volkes zu beschützen; links-liberale Toleranz gegenüber Ausländern als deutscher „Selbsthass“ mit dem eigentlichen Ziel, Deutschland zu „zerstören“, samt der Abrechnung, dass „links“ ja seit jeher als „Synonym als das Fehlgehende“ gilt. Erstaunlich, dass Iris Radisch in der ZEIT zum Thema „Was bleibt von Botho Strauß’ ‚Anschwellendem Bocksgesang‘?“, keinen dieser Bezüge herstellt. Vielmehr gibt sie vor dem Hintergrund der politischen Lage im Jahre 2018 ziemlich vorschnell Entwarnung: „Seine untergangslüsternen Prophezeiungen sind in Deutschland nicht wahr geworden. Sein politischer Existenzialismus blieb ein Erdbeben im Feuilleton, Sonderabteilung wehmütige Männerblütenträume aus dem Frakturzeitalter.“

Es musste freilich noch mehr zusammenkommen, um die tektonischen Verschiebungen in der Erinnerungskultur zu bewirken, derer wir jetzt gewahr werden. Als Günter Grass 2002 „Im Krebsgang“ veröffentlichte, das den Untergang der Wilhelm Gustloff, jenes durch und durch mit Nazi-Symbolik durchtränkte Ereignis, thematisierte, fungierte das quasi als Startschuss: Endlich, so vernahm man vielerorts, konnte auch über das Schicksal der deutschen Heimatvertriebenen gesprochen werden, ja, aus demokratischer Sicht wurde dies nun nachgerade zum Gebot, um das Thema nicht den „Rechten“ zu überlassen. Dass immer schon hierüber gesprochen worden war und hätte gesprochen werden können, dass hier mit gehörig viel Gratismut sperrangelweit offene Türen eingerannt wurden, tat nichts zur Sache. In den Regalen der Buchhandlungen bestand die Rubrik „Nationalsozialismus“ bald zur Hälfte aus Werken zu „Flucht“ und „Vertreibung“. Nachdem solcherart die Proportionen des Gedenkens an die Verbrechen des Nationalsozialismus neu geordnet wurden, musste das unsägliche Israel-Gedicht „Was gesagt werden muss“ (2012) nicht mehr verwundern: Israel ist hier nicht mehr die Nation, der Deutschland auf ewig verpflichtet ist, sondern eine Gefahr für den Weltfrieden. Doch Vorsicht: „…das Verdikt ‚Antisemitismus‘ ist geläufig.“ – so sprach es aus dem Großdichter heraus.

Nicht weiter die Rede sein soll von Tilo Sarazzin, dessen „Deutschland schafft sich ab“ zu den meistgekauften Sachbüchern der bundesrepublikanischen Geschichte gehört. Das Benennen von Integrationsproblemen muslimischer Einwanderer – geschenkt. Doch dass sich hier ausgerechnet ein Sozialdemokrat in biologistischer Manier an Vererbungslehre und de facto Eugenik versuchte, beschrieb einen veritablen Tabubruch, und eine weitere Eskalationsstufe auf dem hier beschriebenen Weg.

Neben der Kompartmentalisierung der nationalsozialistischen Vergangenheit, der zwar aufrichtig gedacht, die aber gleichsam immer sorgfältiger entschärft wurde, weitete sich der Revisionsblick: Der Erste Weltkrieg als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ (George F. Kennan) wurde neu verhandelt. Seit der Fischer-Kontroverse der 1960er Jahre galt die Hauptschuld des Deutschen Reichs am Ausbruch des Großen Krieges – bei aller notwendigen und angezeigten Differenzierung – als ausgemacht. Es blieb einem freundlichen australischen Historiker, der auch noch Deutsch spricht, – List der Geschichte! – vorbehalten, ein Buch zu veröffentlichen, welches das Deutsche Reich gleichsam exkulpierte und zurück zum Diktum des britischen Premiers Lloyd Georges kehrte, wonach die Großmächte allesamt in den Krieg „hineingeschlittert“ seien. Christopher Clark konnte das mit seinem Werk „Die Schlafwandler“ (deutsch: 2013) lediglich tun, weil er wesentliche Erkenntnisse der Forschung insbesondere zur Politik der Reichsregierung vor 1914 schlicht ignorierte.  So wurde das Buch in der Geschichtswissenschaft weithin abgelehnt und auch im Ausland kein großer Erfolg – lediglich in Deutschland avancierte es – warum nur? – zum Bestseller, der in kaum einem bürgerlichen Haushalt fehlen darf. Es passt in diesen Zusammenhang, dass ein grundlegender Mythos der politischen Rechten in Deutschland, die „Dolchstoßlegende“, jetzt durch den renommierten Historiker Gerd Krumeich neue Nahrung bekommt. War die Reichswehr also doch „im Felde unbesiegt“ geblieben und von der Heimatfront hinterrücks erdolcht worden? Die Weimarer Demokratie also ein Irrtum der Geschichte? Die Annahme des „Schandfriedens“ von Versailles ein unnötiger Akt der Unterwerfung unter die Justiz der Sieger, die nicht Sieger hätten sein müssen?

Soweit muss man nicht gehen; und diese Schlussfolgerungen sind auch nicht von Krumeich intendiert. Doch entstehen gerade aus all diesen Mosaiksteinchen neue Narrative: Arram Mattiolis „Verlorene Welten. Eine Geschichte der Indianer Nordamerikas 1700-1910“ liegt seit Wochen in den Sachbuchcharts weit vorne. Mag neben der Faszination für die amerikanischen Ureinwohner ein Interesse an den „Genoziden der anderen“ dabei eine Rolle spielen? Dazu kommt jetzt James Q. Whitmans „Hitlers amerikanisches Vorbild: Wie die USA die Rassengesetze der Nationalsozialisten inspirierten.“ Auch dieses Werk verkauft sich überdurchschnittlich gut für ein Sachbuch. Die Bestandteile liegen bereit, um eine andere Version der Geschichte der Bundesrepublik zu erzählen; eine, die im langen Weg nach Westen einen Irrweg erblickt; eine, die eine „180-Grad-Wende“ in der Erinnerungskultur fordert; und eine, die die Abkehr von der Umkehr bedeuten würde, mitsamt all der schrecklichen Folgen, die wir aus der Vergangenheit kennen und die in einem solchen Fall wieder zu erwarten wären.

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