James Romm, Seneca und der Tyrann. Die Kunst des Mordens an Neros Hof (Rezension)

Dass der New Yorker Altertumshistoriker James Romm packende historische Darstellungen zu verfassen vermag, konnte der deutsche Leser bereits 2016 mit „Der Geist auf dem Thron: Der Tod Alexanders des Großen und der mörderische Kampf um sein Erbe“ erleben. Die Zeit der Diadochen ist eine faszinierende, an einprägsamen Charakteren und unerwarteten Wendungen reiche Epoche. Doch bis Romm hatte es niemand vermocht, eine solch faszinierend-stringente erzählerische Linie in das Dickicht der handelnden Personen und Schauplätze zu bringen. Romm gelingt es mit dem Mord-Topos auch in diesem, im Original 2014 erschienenen Band, die Geschehnisse übersichtlich anzuordnen und abermals packend zu erzählen, wenn auch dieses Mal eher das Fachpublikum adressiert sein dürfte, und einiges von der erzählerischen Kraft zugunsten größerer Quellennähe auf der Strecke bleibt.

Nero, durch den der „Cäsarenwahn“ sprichwörtlich wurde und der lange als das Scheusal schlechthin galt, hat ja in der neueren Forschung eine partielle Neubewertung erfahren. Ebenso wie Aloys Winterling bei Neros Vorvorgänger Caligula hat zuletzt Holger Sonnabend in „Inszenierung der Macht“ ein facettenreicheres Bild des „Tyrannen“ und „Christenverfolgers“ gezeichnet, dessen Image im 20. Jahrhundert wesentlich durch die Darstellung des Leier spielenden Peter Ustinov geprägt wurde („Quo Vadis?“, 1951). Brutalität und Mord bleiben auch bei Romm unweigerlich Teile der Wahrheit, unterscheiden sich aber gar nicht mehr so sehr von anderen Kaisern, die in den Augen der Nachwelt günstigere Bewertungen erfahren haben. Bei Nero manifestiert sich heute das Bild eines Künstlers von Veranlagung und Gemüt, der durch seine überaus intrigante Mutter Agrippina in eine Position gebracht wurde, deren nicht zuletzt charakterliche Anforderungen seinen Talenten grundlegend widersprachen. Das Ergebnis war ein Desaster für die Institution des Prinzipats – wenn auch das Imperium selbst erstaunlich stabil blieb –, mündete in der gewaltsamen Beseitigung des Kaisers im Jahre 68 und in einem chaotischen Vierkaiserjahr 69.

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Drei Jahre zuvor hatte Nero seinen Erzieher und Berater Seneca bereits in den Selbstmord getrieben. Im Jahre 62 hatte der sich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen, um unter anderem die Schrift „Über die Muße“ zu verfassen. Zuletzt beschuldigte Nero seinen ehemaligen Weggefährten an der sogenannten Pisonischen Verschwörung gegen sein zunehmend despotisches Regiment beteiligt gewesen zu sein. Wenn auch in der Forschung von keiner direkten Beteiligung Senecas ausgegangen wird, kann er doch als „geistiger Wegbereiter“ gelten, so Manfred Fuhrmann, der bereits 1997 eine Doppelbiografie Neros und Senecas veröffentlicht hat. So heißt es in der Schrift „Über Wohltaten“ recht unmissverständlich: „Was immer ihn mit mir verbunden hatte, das hat die aufgehobene Gemeinsamkeit menschlicher Rechtsgrundsätze getrennt.“

Die Diskrepanz zwischen den stoischen Schriften des Seneca und seinem politischen Handeln unter anderem als Senator traf dabei schon bei den Zeitgenossen auf Kritik, galt doch der „Zurückhaltung“ und „Verzicht“ predigende Philosoph auch noch, nicht zuletzt durch großzügige Zuwendungen seines ehemaligen Schützlings Nero, als einer der reichsten Männer seiner Zeit. Ein zeitgenössischer Kritiker, der ehemalige Konsul Publius Suillius Rufus, sprach von Seneca als einem, der „seiner Raffgier auch noch ein philosophisches Mäntelchen der Bedürfnislosigkeit umhänge.“ Dieser rechtfertige sich in der Schrift „Vom glücklichen Leben“ folgendermaßen: „Hör also auf, den Philosophen das Geld zu verbieten! Niemand hat die Weisheit zur Armut verurteilt. Der Philosoph wird reiche Schätze besitzen, die aber niemandem entrissen sind, nicht von fremdem Blut triefen, erworben sind ohne Unrecht an irgendwem, ohne schmutzige Herkunft.“ Das überzeugte schon die Zeitgenossen nicht. Die Rücksichtslosigkeit mit der Seneca beispielsweise in Britannien Kredite eintreiben ließ (was laut Cassius Dio unter anderem zum Aufstand der Boudicca führte), ist jedenfalls kein gutes Beispiel für Geld, das „nicht von fremdem Blut“ trieft. Auch Senecas Schrift „De Clementia“, die er eigens für den späteren Kaiser verfasst hatte, und in der er darlegte, warum es für Herrscher weise sei, stets Milde walten zu lassen, hat ihr Ziel offenkundig nicht erreicht.

Romms Buch informiert umfassend – leider teilweise bis hin zur Redundanz – über Senecas Leben und Wirken. Redlich ist dabei das Eingeständnis gleich in der treffend „Die beiden Senecas“ benannten Einleitung, letztlich diesen „Problemfall“ nicht entschlüsseln zu können: „Nie, auch nicht im Endstadium der Arbeit an dem Buch, hatte ich das Gefühl, die zentralen Fragen, um die es ging, für mich selbst befriedigend beantwortet zu haben.“ Der krasse Gegensatz zwischen den hehren Idealen, die Seneca in seinen Schriften predigte und seinem mithin kaltblütigen öffentlichem Wirken, bleibt frappant. Herausgekommen ist, so Romm, ein Buch, „das teilweise Biografie, teilweise erzählte Geschichte und teilweise eine Exegese der Schriften Senecas ist, sowohl seiner Prosawerke als auch seiner Versdichtungen.“ Und das ist beileibe nicht wenig.

James Romm, Seneca und der Tyrann. Die Kunst des Mordens an Neros Hof, C. H. Beck Verlag, 320 Seiten, München 2018, 24,95€.

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