Franziska Meifort: Ralf Dahrendorf. Eine Biographie (Rezension)

Angesichts der Qualität vieler zeitgenössischer Biographien ist nur noch schwer verständlich, dass dieses Genre seit den späten sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts als antiquiert und als letzte Bastion des unglückseligen deutschen Historismus galt. Sozial- und Strukturgeschichte dominierten die Szene. Mittlerweile hat die Biographie, angereichert mit immens weiterentwickeltem analytischem Instrumentarium, wieder ihren festen Platz auf dem Buchmarkt. Und auch Franziska Meiforts „Ralf Dahrendorf“ kommt als hervorragende Arbeit auf hohem Reflexionsniveau und Problembewusstsein daher: „Seine Biographie kann (…) zur Mentalitäts- und Erfahrungsgeschichte seiner Generation von Sozial- und Geisteswissenschaftlern und der intellektuelle Elite der Bundesrepublik und Großbritannien beitragen.“ Dies gilt auch und obwohl die Autorin in der Summe ihrem Untersuchungsgegenstand allzu sehr verfallen ist und über so manchen Widerspruch großzügig hinweggeht.

Promoviert mit 23, Soziologieprofessor mit 28, Bildungsreformer, FDP-Politiker, Mitglied des Bundestags, Parlamentarischer Staatssekretär im Auswärtigen Amt, EG-Kommissar, Direktor der London School of Economics, Rektor des St. Antony’s College der Universität von Oxford, 1982 durch Königin Elisabeth II. zum Knight of the Order of the British Empire geschlagen und damit Mitglied des britischen Oberhauses – und heute nahezu vergessen? Dahrendorfs Karriere macht immer noch Staunen und Meifort geht minutiös den einzelnen Stationen dieses wahlweise bewegten oder gehetzten Lebens nach. Dabei stützt sie sich neben zahlreichen unveröffentlichten Quellen und Gesprächen mit Zeitzeugen – wie etwa noch 2014 mit dem lebenslangen Freund Dahrendorfs Fritz Stern -, vornehmlich auf Dahrendorfs veröffentlichte und auch auf unveröffentlichten Memoiren. Gerade der Kontrast zwischen den beiden Letzteren erlaubt den Blick auf manch unterschiedliche Gewichtung und manch später revidiertes Urteil.

Woran mag es liegen, dass Dahrendorf trotz akademischer Weihen, einem dichten internationalen Netzwerk und einer immensen publizistischen Tätigkeit zumindest in der deutschen Soziologie keinen lang anhaltenden und bedeutenden Einfluss hatte? Die Habilitationsschrift „Soziale Klassen und Klassenkonflikt“, in der er sich nicht weniger als die „Überwindung“ von Marx vorgenommen hatte, und sich gleichzeitig kritisch mit dem seinerzeit bedeutendsten Vertreter der Soziologenzunft, mit Talcott Parsons, auseinandersetzte, verkaufte sich später laut Meifort in Deutschland keine 2.000 Mal, während das Buch in den angelsächsischen Ländern, aber auch in Italien, Spanien und Lateinamerika zu einem Standardwerk avancierte. Lag es daran, dass Dahrendorfs Ideen zu „westlich“ für Deutschland waren? Oder lag es, wie er selbst schrieb, am „neurotischen Verhältnis“ der Deutschen zu Karl Marx und an deren „Harmoniesucht“ oder auch am Ideal der „herrschaftsfreien Kommunikation“ Frankfurter Provenienz?

Womöglich liegt ein Teil der Wahrheit darin begründet, dass Dahrendorf in seiner Publikationswut manches nicht zu Ende dachte und mehr darauf bedacht war, den öffentlichen Diskurs mit schierer Masse zu bestimmen, als einen stimmigen Theorieentwurf vorzulegen, der das Zeug dazu gehabt hätte, die Zeiten zu überdauern. Selbst das heute noch einhellig als Klassiker der deutschen Soziologie geltende „Gesellschaft und Demokratie in Deutschland“ (1965) wird nicht mehr aufgelegt. So schrieb er 1958 in Homo Sociologicus einen Gegensatz zwischen individueller Freiheit und „der ärgerlichen Tatsache der Gesellschaft“ und deren Institutionen herbei. Später bekannte er: „Es ist leicht zu sehen, dass der ‚Homo-Sociologicus‘-Ansatz nicht nur zur Abkehr von Institutionen, sondern auch zu deren Bekämpfung führen kann.“ Institutionen wurden dann, so kann Meifort zeigen, zum festen Bestandteil Dahrendorfs Theorie einer liberalen Gesellschaft, für die er zudem „Ligaturen“, also Zugehörigkeiten und Bindungen, als unverzichtbar erklärte.

In Entsprechung der publizistischen Sprunghaftigkeit suchte sich Dahrendorf in kurzer Folge immer neue Aufgabenfelder, teils ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen. Ist das, wie Meifort teils bewundernd schreibt, wirklich „Grenzgängertum“ gewesen, oder doch auch ein Weglaufen sobald es anstrengend wurde, sich die Mühen der Ebene einstellten? Intellektuelle seines Kalibers sucht man heute in der kompromisslosen Lindner-FDP vergebens, doch so richtig passte der „Star-Professor“ auch von Anfang an nicht in die Parteipolitik, auch wenn er sobald öffentlich durchblicken ließ, durchaus Außenminister oder Bundeskanzler werden zu können und auch zu wollen. Hier gilt immer noch das Urteil aus Arnulf Barings Klassiker „Machtwechsel“ (1983), wonach Dahrendorf zwar ein „brillanter, ambitionierter, reformorientierter, unruhestiftender Geist“ gewesen sei. Schon in der Kulisse des berühmten FDP-Parteitags von 1968 habe man jedoch hören können, „ihm fehlten Ausdauer, Stehvermögen, Geduld und Bescheidenheit im Umgang, vor allem Beliebtheit in der Partei, fehlten loyale Mitarbeiter, verlässliche Anhänger, eine feste Hausmacht.“

Diesen Parteitag und die berühmte Szene, in der Dahrendorf mit dem Wortführer der außerparlamentarischen Opposition Rudi Dutschke auf dem Dach eines Übertragungswagens sitzt und diskutiert, und die auch das Umschlagcover ziert, macht Meifort geschickt zum Aufhänger ihrer Biographie: Hier verdichtet sich die Rolle des „öffentlichen Intellektuellen“ Dahrendorf, der sich stets eines „exoterischen“, also eines an die breite Öffentlichkeit gerichteten Schreibstils, befleißigte, in exemplarischer Weise.

Als „doppelt gebranntes Kind des Totalitarismus“ waren dem 1929 in Hamburg geborenen Ralf Dahrendorf sowohl Rechts- als auch Linksextreme ein Graus. Als Sohn des sozialdemokratischen Reichtagsabgeordneten Gustav Dahrendorf kam er schon früh in den Kontakt mit der Politik und bereits als 14-jähriger beteiligte er sich am Verfassen von Flugblättern gegen den Nationalsozialismus. Als sein Vater im Zuge des 20. Juli 1944 inhaftiert wurde, flog die Tätigkeit auf und der junge Ralf wurde ins Arbeitserziehungslager bei Schwetig verbracht – laut eigener Aussage ein Hintergrund für sein lebenslanges Streben nach Freiheit. Später, als sich Gustav Dahrendorf in Berlin gegen die Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED wandte, holten Mitarbeiter des sowjetischen Geheimdienst NKWD den jungen Ralf von der Schule ab und versuchten, ihn als Spitzel gegen seinen Vater zu gewinnen. „Tiefsitzender Ekel, fast Widerwille“ gegen den Kommunismus waren das Ergebnis.

Über die am 20. Juli beteiligten Sozialdemokraten schrieb Dahrendorf später: „Für sie waren Vaterland, Recht und Sozialismus untrennbar (…) Zudem, und zum Unterschied von den anderen Gruppen waren sie Demokraten. Ich bin politisch andere Wege gegangen, westlichere, liberalere, aber bis heute ist für mich die Welt meines Vaters der Inbegriff des Guten in der deutschen Tradition.“ Die Begegnung mit Liberalen wie Milton Friedman in den USA  habe ihm dann den „aus Europa mitgebrachten milden Sozialdemokratismus“ ausgetrieben. Doch mit den oben erwähnten „Ligaturen“, oder seiner Skepsis gegen „manche Ideen Friedmans wie etwa Gewerbefreiheit in der Medizin oder ein privatwirtschaftliches Bildungswesen“ finden sich nach wie vor Anknüpfungspunkte.

Wenn auch viele seiner soziologischen Schriften heute nicht mehr verlegt werden, bleiben eine ganze Reihe erstklassiger Essay-Bände, deren Lektüre nach wie vor lohnt. Und auch zur rechtspopulistischen, „Wahrheiten“ proklamierenden Hetze unserer Tage, in denen das Heil wieder in der Nestwärme der „Volksgemeinschaft“ gesucht wird, hätte Dahrendorf klare Worte gefunden. So heißt es 1961 in „Pfade aus Utopia“:

„Wer den Konflikt als eine Krankheit betrachtet, missversteht die Eigenart geschichtlicher Gesellschaften zutiefst; wer ihn in erster Linie ‚den anderen‘ zuschreibt und damit andeutet, dass er konfliktlose Gesellschaften für möglich hält, liefert die Wirklichkeit und ihre Analyse utopischen Träumereien aus. Jede ‚gesunde‘, selbstgewisse und dynamische Gesellschaft kennt und anerkennt Konflikte in ihrer Struktur; denn deren Leugnung  hat ebenso schwerwiegende Folgen für die Gesellschaft wie die Verdrängung seelischer Konflikte für den Einzelnen: Nicht wer vom Konflikt spricht, sondern wer ihn zu verschweigen versucht, ist in Gefahr, durch ihn seine Sicherheit zu verlieren.“

Meiforts Biographie kann als Standardwerk und Pionierarbeit gelten, die hilft, das Gedächtnis an einen großen Liberalen wachzuhalten; in einer Zeit, in der sich der „Illiberalismus“ weltweit formiert und die Friedensordnung nach 1945 auf vielfältige Art und Weise bedroht.

Franziska Meifort: Ralf Dahrendorf. Eine Biographie, C. H. Beck, München 2017, 477 Seiten, 38€.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s