Wo ist eigentlich die jüdische Weltverschwörung, wenn man sie mal braucht?

Viel ist geschrieben worden über das Aufleben von Verschwörungstheorien im Zeitalter von Internet 2.0, alternativen Fakten und fake news. So richtig sicher kann man sich schließlich kaum mehr sein über – egal was. Denn jede noch so absurde Behauptung kann zumindest ein Quäntchen Restzweifel hinterlassen, wenn man einfach listig anfügt: „Kannst du das Gegenteil beweisen?“ Aus dem Treibgut von Millionen dieser Schrottquäntchen entstehen schließlich tragbare Müllteppiche auf dem Informationsstrom, auf denen – Referenz an die Unschlagbarkeit des Kapitalismus – einträgliche Geschäftsmodelle gedeihen, siehe KOPP-Verlag.

Die älteste und hartnäckigste aller Verschwörungstheorien ist natürlich diejenige der großen jüdischen Weltverschwörung in der aktuellen Version der „Protokolle der Weisen von Zion“ vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Dass diese nachweislich eine Fälschung sind, hält hart gesottene Gläubige natürlich nicht davon ab, an der Authentizität des Machwerks der zaristischen Geheimpolizei festzuhalten. Denn der Berner Prozess 1933-1935, in dem die Protokolle eindeutig als Fälschung entlarvt wurden, kann natürlich ebenso Teil der gigantischen Verschwörung gewesen sein. Zumindest ist es schwer, das Gegenteil zu beweisen… Und überhaupt – wer will das schon so genau wissen? Irgendwas wird schon dran sein, oder?

In diesen Zeiten der automatisierten Desinformation, der Bots und Trollfabriken gibt es kaum ein Ereignis, welches  nicht auf entsprechenden Seiten im Netz ein wenig in den Ruch des Abgründigen, Doppeldeutigen, eben Verschwörerischen gerückt werden könnte. Kurz nach Absturz des Germanwings-Flugs 9525 am 24. März 2015 konnte an einschlägiger Stelle nachgelesen werden, dass wahlweise die US-amerikanische, französische oder – natürlich – die israelische Luftwaffe das Flugzeug – warum auch immer – abgeschossen habe. Spielt man das einmal gedanklich durch, hätte das Ganze natürlich extrem schnell vertuscht werden müssen.

All die Politiker, die sich teil noch am selben Tag an der Unglückstelle einfanden (u. a. Frank-Walter Steinmeier, Alexander Dobrindt und Hannelore Kraft aus Deutschland sowie Francois Hollande und Bernard Cazeneuve aus Frankreich), hätten entsprechend gebrieft werden müssen. Oder auch nicht? Konnten die Lenker im Hintergrund auch sie täuschen? Keine Ahnung, wie sich Verschwörungstheoretiker solche Abläufe in der Praxis vorstellen.

Das schreckliche Jahr 2016 hat nun zwei Ereignisse hervorgebracht, zu denen Verschwörungstheoretiker bislang erstaunlich wenig zu sagen haben: Brexit und Trump. Beide passen so gar nicht in die entsprechenden Denkschablonen. Das Großkapital (ersetze wahlweise durch „Zionisten“, „jüdische Lobby“, „Ostküsten-Eliten“, etc.) hätte doch wirklich allen Grund gehabt, beide Ereignisse in gewohnter Manier zu verhindern. Wurde nicht schließlich die EU nur im Auftrag des US-amerikanischen Großkapitals geschaffen, um die Staaten Europas leichter kontrollieren zu können? Warum sollte man dann ausgerechnet einen angloamerikanischen key player wie Großbritannien ausscheren lassen? Und war nicht Hilary Clinton die „Kandidatin der Wall Street“ und „Kriegstreiberin“, und somit den sinistren Plänen der guten alten Weltverschwörung viel zuträglicher als Trump, der vermeintliche Isolationist und Protektionist? Oder aber – arbeitet „es“ in den Köpfen der Verschwörungstheoretiker sogleich weiter –, es geht darum, die „Völker“ zu entzweien und einen neuen Weltkrieg vorzubereiten. Diese Volte geht natürlich auch immer.

Doch gerade Donald J. Trump böte doch zumindest theoretisch die beste Möglichkeit, die ganzen „Wahrheiten“, die auch von hiesigen Rechtspopulisten so gerne verbreitet werden, endlich mal locker auf Twitter auszuplaudern. Das könnte ungefähr so aussehen: „Guys in dark suits entered oval office. Told me Democracy is all lies & that they call shots. Ask them to leave. Very Sad. Low Energy.” Nichts dergleichen ist geschehen. Hingegen hat sich die Gewaltenteilung bislang als erstaunlich wirksam erwiesen. Es ist doch beruhigend zu sehen, dass ein Twittertroll wie Trump nicht nach Belieben Schalten und Walten kann. Wer dahinter den „tiefen Staat“ vermutet, sollte sich hierzulande doch noch mal mit Materialien der Bundeszentrale für politische Bildung eindecken. Die sind sogar kostenlos.

Ein anderer Outsider, der jetzt gerade Memoiren vorgelegt hat, ist der ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis. Sein Buch „Adults in the room. My Battle with Europe’s Deep Establishment“ liest sich sehr spannend und bietet an vielen Stellen einen erhellenden Blick auf die jüngste europäische Zeitgeschichte. Zwar lässt die Formulierung „Deep Establishment“ Böses erahnen, doch ist bereits nach wenigen Seiten Aufatmen angesagt: Keine Verschwörung weit und breit. Wenn es überhaupt eine „Verschwörung“ gäbe, wären sich die Akteure dieser gar nicht bewusst. Vielmehr müsse man von Interessen, Dynamiken, Netzwerken und dergleichen mehr sprechen. Varoufakis führt auch den Begriff der „Super black boxes“ ein, deren Größe und Relevanz so gewaltig sind, dass nicht einmal diejenigen, die sie geschaffen haben und sie zu kontrollieren versuchen, ihre Wirkmechanismen vollständig verstehen; Beispiel: Finanzderivate.

Am Anfang seines Buches beschreibt Varoufakis ein nächtliches Treffen mit Lawrence „Larry“ Summers, dem ehemaligen US-Finanzminister und Weltbank-Ökonom, an einer Hotelbar in Washington. Es war der April 2015. Im Januar hatte Syriza die Wahl in Griechenland gewonnen. Summers erklärte also dem frisch gebackenen griechischen Finanzminister, dass es zwei Arten von Politikern gäbe: Die Insider und die Outsider. Den Outsidern sei es wichtig, stets die Wahrheit zu sagen. Dafür würden sie von den Insidern ausgegrenzt und nicht mit allen Informationen versorgt. Die Insider verfolgten eine eiserne Regel: Niemals einen anderen Insider zu verraten. Dafür bekämen sie Zugang zu Insider-Informationen und die Chance – aber keine Garantie – wesentliche Entscheidungsträger und Prozesse zu beeinflussen.

Jeder, der schon einmal in einem Büro gearbeitet hat, wird diese im Grunde banale Einsicht teilen können. Varoufakis entschied sich bekanntlich dafür, ein Outsider zu bleiben – mit bekannten Folgen für seine Karriere. Wer, wenn nicht er, hätte also das Beste Interesse daran, einmal so richtig „auszupacken“. Das tut er zwar, was seine Sicht auf die Dinge in Griechenland und Europa angeht, aber auch hier ist keine große Weltverschwörung in Sicht.

Verschwörungstheoretikern jeglicher Couleur müsste dieser Befund hart zusetzen. Doch es ist davon auszugehen, dass auch hier wieder selbstreferentielle Erklärungen gefunden werden. Das haben geschlossene Welterklärungssysteme so an sich. Und nichts ist schließlich härter, als in der ebenso banalen wie unendlich komplexen Realität zu leben.

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