Facebook-Posts der Macht. Ein paar Ideen für Historiker

Bismarcks Memoiren waren noch ein zeithistorisches Ereignis. Die ersten beiden Bände erschienen gleich nach seinem Tod im Jahre 1898. Sie im Wohnzimmerschrank stehen zu haben gehörte alsbald zur patriotischen Pflicht. Die Bücher trugen wesentlich zur Herausbildung des Bismarck-Mythos vom „Eisernen Kanzler“, der das Reich mit „Blut und Eisen“ geeint hatte, bei. Band drei erschien erst im Jahre 1921 und gegen den Willen der Familie Bismarck. Es handelte sich in den Worten von Theodor Heuss um eine „Racheschrift“ gegen Kaiser Wilhelm II., der den ersten Reichskanzler 1890 zum Rücktritt gedrängt hatte. Auch dieser Band war ein außerordentliches Ereignis und passte gut in die kaiserkritische Stimmung der frühen Weimarer Republik.

Memoiren zu verfassen gehörte einst zum guten Ton für Politiker, aber auch für Militärs und Diplomaten. Historiker können sich bei der Erforschung des Deutschen Reichs von 1871 bis 1945 neben anderen Quellenformaten auf etliche Regalkilometer an Memoirenliteratur stürzen. Selbst Aufzeichnungen aus der zweiten Reihe, wie die des Diplomaten Kurt Riezler, der im Ersten Weltkrieg in der Reichskanzlei tätig und wesentlich an der Abfassung des annexionistischen Septemberprogramms beteiligt war, konnten und können bis heute historische Kontroversen auslösen; in diesem Fall über die Ziele der Reichsleitung zu Beginn des Ersten Weltkriegs. Heerscharen von Historikern arbeiteten sich durch die Erinnerungen des österreichisch-ungarischen Generalstabschefs Franz Conrad von Hötzendorf, durch die vier Bände „Denkwürdigkeiten“ des ehemaligen Reichskanzlers Bernhard von Bülow oder durch die drei Bände „Correspondence“ des französischen Botschafters in London Paul Cambon.

Doch auch die „großen Staatsmänner“ schrieben weiter fleißig an ihrem Nachruhm: Winston Churchill hatte einen geradezu legendären Output und legte unter anderem nach sechs Bänden über den Ersten Weltkrieg und vier über einen Vorfahren, den Herzog von Marlborough, noch sechs Bände über den Zweiten Weltkrieg vor, die ihm schließlich den Literaturnobelpreis einbrachten. Auch Charles de Gaulle legte vier Bände Kriegsmemoiren, einen Band „Memoiren der Hoffnung“ sowie fünf Bände „Discours et Messages“ vor. Der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer brachte es immerhin auf vier Bände „Erinnerungen“. Helmut Kohl tat es ihm mit drei Bänden „Erinnerungen“ und einem Tagebuch gleich. Ein Meister der Autobiographie ist auch Henry Kissinger, der über seine vergleichsweise kurze Zeit in höheren Ämtern (1969-1977) über 3.000 Seiten dicht bedruckte Seiten Literatur hervorgebracht und damit künftigen Biografen wie jüngst Niall Ferguson einen ziemlichen Brocken vor die Füße gelegt hat.

Auf sozialdemokratischer Seite kommt die Willy-Brandt-Gesamtausgabe auf zehn dicke Bände plus mindestens vier Memoirenwerke. Helmut Schmidt hat zeit seines Lebens an die fünfzig Bücher und Publikationen auf den Markt geworfen, von denen gerade die letzten zu echten Bestsellern wurden und von denen mindestens zehn autobiographischen Charakter haben.

Der Bruch kam, man muss es leider so sagen, mit Gerhard Schröder. Dieser legte mit seinem 2006er Werk „Entscheidungen“ einen echten „Schnellschuss“ vor, wie es sein Biograf Gregor Schöllgen ausdrückte. Nicht nur hatte der Altkanzler im November 2005 die Nutzungsrechte an seinen Memoiren dem zweifelhaften Carsten Maschmeyer per Handschlag übertragen, das Werk an sich ist auch von einer quälenden Oberflächlichkeit und wird dem ereignisreichen politischen Leben des Mannes in keiner Weise gerecht. Und ironischerweise hat auch Schröders „Gegner“ George W. Bush seine ebenso oberflächlichen Memoiren mit „Decision Points“ betitelt. Zufall?

„Von nun an ging‘s bergab“ sang einst die Knef. Die 260 Seiten von „Ein Sozialdemokrat“ aus der Feder Kurt Becks dürften die wenigsten gelesen haben. Franz Müntefering brachte es mit „Macht Politik!“ gerade mal auf einen Gesprächsband mit Tissy Bruns. Auch „Mein Deutschland“ von Frank-Walter Steinmeier ist wohl nur etwas für Kenner. Apropos Vizekanzler: Dass Phillip Rösler, immerhin auch einst ein solcher, (bislang) darauf verzichtet hat, Memoiren vorzulegen, darf beruhigen. Sonst könnte der geneigte Leser nochmals aus erster Hand erfahren, dass es bei Röslers auf der Hochzeit ein Menu aus „geeistem Gurkensüppchen, Hühnerbrust“ gab plus mitternächtlicher Bauchtänzerin, so wie man es in der bahnbrechenden Biografie von Michael Bröcker nachlesen kann.

Doch anderswo sieht es auch nicht besser aus: In Großbritannien warteten die Protagonisten von New Labour nach der Abwahl von Gordon Brown 2010 genau eine Minute, bis sie anhand ihrer Memoiren darlegten, wer der effektivste Anführer gewesen war. Spin Doctor Alastair Campbell hatte gar nicht erst gewartet, sondern war mit seinen zahlreichen Tagebuchbänden – ganz alte Schule – schon mal vorausgeprescht. Peter Mandelson, der „Dritte Mann“, führte den Erfolg von New Labour im Grunde auf sich selbst zurück. Tony Blair tat dies in „Mein Weg“ natürlich auch. Mandelson war ihm bloß zuvorgekommen, was wiederum Blair wirklich wütend machte. Und Gordon Brown erklärte im Nachhinein, warum es zur Wirtschafts- und Finanzkrise gekommen war und wie er Schlimmeres verhindert habe.

Vorläufiger Tiefpunkt politischer Memoirenliteratur ist aber wohl der Interviewband „Un président ne devrait pas dire ça“ („Ein Präsident sollte so etwas nicht sagen“) von Francois Hollande, in dem sich dieser buchstäblich um Kopf und Kragen redet. Immerhin: Sein hierin geäußerter Wunsch, die Sozialistische Partei müsste eigentlich „liquidiert“ werden, wurde mittlerweile erfüllt.

Offenkundig wird: Durch die mediale Dauerpräsenz der Regierenden entfällt die Aura, welche eine Beschäftigung mit einem Charakter überhaupt erst spannend macht. Und so wird es wohl so kommen, dass „Die Kunst des Erfolges“ von Donald J. Trump dereinst als Klassiker der Politikliteratur  gelten wird. Jüngst haben die Historiker Brendan Simms und Charlie Ladermann das außenpolitische Weltbild des amtierenden US-Präsidenten aus den letzten dreißig Jahren zusammengepuzzelt. Ihre Quellen: Interviews mit FOX News, aus Playboy und Vanity Fair sowie – wie sollte es anders sein – Twitter.

Das wiederum eröffnet doch ganz neue Möglichkeiten! Wozu noch die alten Schinken wälzen? Von Angela Merkel, die nun immerhin zwölf Jahre im Amt ist, liegt uns noch gar nichts Schriftliches vor. Dürfen wir also irgendwann auf mehrere Bände „Gesammelte SMS“ hoffen? Wer legt als erstes „Whatsapp-Nachrichten in bewegter Zeit“ vor? Oder „Tweets der Hoffnung und des Friedens“? Einen kompletten Ausdruck der Facebook-Timeline? „Ausgewählte Snapchats europäischer Staats- und Regierungschefs“? Die Historiker unter uns würden sich freuen.

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