Kleopatra (Antike Gestalten, Teil 2)

Kleopatra VII. Philopator, die letzte Herrscherin aus dem Haus der Ptolemäer, hat bereits in der Antike die Phantasie der Menschen beflügelt. Die letzte Pharaonin, die ein niedergehendes Reich regierte, das immer mehr in den Windschatten des Römischen Imperiums geriet, ist bis heute ein fester Begriff der Gegenwartskultur. Ihre Affären mit den mächtigsten Männern ihrer Zeit, mit Julias Cäsar und später mit Marcus Antonius mitsamt ihrem Selbstmord unter mysteriösen Umständen – all das ist ein Stoff, der noch immer zu faszinieren vermag.

Doch wie so oft bei historischen Persönlichkeiten verstellt der Fokus auf eine bestimmte Phase, in der sich Weltgeschichte verdichtet, den Blick auf den gesamten Lebenslauf –­ und der hat es, insbesondere bei Kleopatra, bereits vor den Wirren des römischen Bürgerkriegs mehr als in sich. Doch zunächst zur historischen Ausgangslage:

Das uralte Reich der Ägypter hatte seine beste Zeit lange hinter sich: Besiedelt seit etwa 5.000 vor Christus, wurden Unter- und Oberägypten erstmals 2.950 durch Narmer vereint (Daten im Folgenden alle vor Christus). Der Gipfelpunkt des Pyramidenbaus wurde ca. 2.500 mit der Großen Pyramide von Gizeh erreicht. Dann versank das Alte Reich im Chaos, es gab ein Auf und Ab von Zersplitterung und Vereinigung, häufig wechselnde Dynastien, glänzende Siege und katastrophale Niederlagen, bis auch das Neue Reich am Ende der Bronzezeit um 1.100 unterging. Nacheinander musste sich Ägypten gegen Kuschiten, Assyrer und Babylonier erwehren und wurde immer wieder besetzt und fremdbeherrscht. 525 eroberten schließlich die Perser unter Dareios I. das Reich am Nil.

Dann kam Alexander der Große: Auf seinem epochalem Eroberungsfeldzug war er in den Jahren 332-331 auch durch Ägypten gezogen und war dort zum Pharao gekrönt worden. Nach dem frühen Tod Alexanders im Jahre 323 versank sein Riesenreich, das im Wesentlichen aus Makedonien, Altpersien und Ägypten bestand, in den Nachfolgekämpfen seiner Generäle, der Diadochen (Nachfolger). In Ägypten konnte sich schließlich Ptolemaios I., der Namensgeber der Dynastie, durchsetzen. Dieser hatte das alte Reich am Nil nach Alexanders Tod als Satrapie (Statthalterschaft) erhalten, nahm schon bald den griechischen Titel eines Basileus (König) an und untermauerte seinen weitergehenden Anspruch, in der Nachfolge Alexanders zu stehen, indem er wohl beabsichtigte, dessen Schwester Kleopatra (I.) zu ehelichen. Diese spielte eine wichtige Rolle in den Diadochenkriegen, galt doch eine Heirat mit ihr als ideale Gelegenheit, Teil der Alexander-Dynastie zu werden, wodurch sich ein Herrschaftsanspruch auf das Gesamtreich ableiten ließ. Zu der Hochzeit sollte es indes nicht kommen, da Kleopatra nach turbulenten Jahren, in denen zahlreiche Freier um ihre Hand angehalten hatten, auf dem Weg zu Ptolemaios von den Häschern rivalisierender Diadochen gefangengenommen und im Jahre 308 schließlich ermordet wurde.

Ptolemaios konnte auf kulturellem Gebiet bedeutende Leistungen vorweisen, zu denen der Bau der Bibliothek und des Leuchtturms von Alexandria, eines der Sieben Weltwunder der Antike, gehörten. In der Folge versank das Reich jedoch zunehmend in internen Machtkämpfen, was zu den Charakteristika der hellenistischen Reiche der damaligen Zeit gehört. Insbesondere die Ptolemäer trieben es dabei besonders heftig und so fielen zahlreiche kurzlebige Herrscher und Familienangehörige den Mordkomplotten und Verschwörungen am Hof zum Opfer. Diese Schwächung im Inneren bezahlte Ägypten im Äußeren mit Gebietsverlusten in Syrien und Kleinasien.

Im Jahre 80 bestieg Ptolemaios XII. unter umstrittenen Umständen den Thron der Pharaonen. Da seine Herrschaft keineswegs gesichert war und er sich mit zahlreichen Rivalen auseinandersetzen musste, begann er sich in Rom, der westlichen Supermacht der antiken Welt, um Unterstützung umzusehen. Dabei drohte stets die Gefahr, dass das einstmals so stolze Ägypten mit seiner 5000-jährigen Geschichte zu einer bloßen Provinz degradiert werden konnte, galt es doch immerhin als Brotkorb des römischen Reiches. Bereits 146 hatte Griechenland seine Selbständigkeit verloren und soeben hatte der damals noch mit Cäsar verbündete Pompeius das diadochische Seleukidenreich zerschlagen und zur Provinz Syria gemacht. Ägypten war also als einziges Nachfolgereich Alexanders noch formal unabhängig. Bereits Ptolemaios X. hatte den Römern das Niltal testamentarisch in Aussicht gestellt und viele, darunter auch die beiden neben Pompeius weiteren Mitglieder des Ersten Triumvirats, Crassus und Cäsar, hätten gerne zugegriffen. Doch niemand geringeres als Cicero konnte dies im Jahre 65 noch einmal verhindern. Der Preis für Ptolemaios Hilfegesuch war also doppelt hoch: Fortan ging in der damaligen ägyptischen Hauptstadt erst recht nichts mehr gegen den Willen der jeweiligen Machthaber des Imperiums. Zudem musste der Pharao durch regelmäßige Tributzahlungen regelrecht „Schutzgeld“ für seine formale Unabhängigkeit zahlen.

Als Pompeius seinen Eroberungsfeldzug im Osten fortsetze und in das ewig unruhige Palästina einrückte, unterstützte ihn Ptolemaios mit achttausend Reitern. Dabei überdehnte er die Ausgaben der Krone derart, dass Steuererhöhungen und Einsparungen die Folge waren, die wiederum zu Aufständen und einer generell romfeindlichen Stimmung in der Bevölkerung führten. An der Seite Roms zu stehen und sich dessen Wohlwollen zu sichern hatte eine höhere Priorität. Eine solche Politik zu betreiben waren viele Herrscher und Lokalfürsten der damaligen Zeit gezwungen. In Ägypten hatte sie allerdings besonders heftige Auswirkungen. Es kamen verschiedene Demütigungen durch die Römer hinzu, bis es den stolzen Ägyptern reichte: Sie vertrieben ihren Pharao, der schließlich am Tiber Zuflucht suchte und von dort seine Rückkehr an die Macht plante.

Am ägyptischen Königshof herrschte während der zwei Jahre, die Ptolemaios im Exil verbrachte, mal wieder Mord und Totschlag: Zunächst herrschte seine Gemahlin alleine weiter, verstarb aber alsbald. Dann gelangte seine älteste Tochter Berenike auf den Thron, akzeptierte aber keinen Gemahl an ihrer Seite. Drei Bräutigame starben innerhalb kürzester Zeit auf gewaltsame Art und Weise. Währenddessen verschuldete sich Ptolemaios mit der phantastischen Summe von 10.000 Talenten (in etwa das gesamte Jahreseinkommen Ägyptens), um einen Kriegszug gegen Ägypten anzuzetteln, der ihn wieder an die Macht bringen sollte. Mit Hilfe des römischen Statthalters in Syrien, Gabinius, marschierte der Ex-Pharao im April 55 in Alexandria ein, tötete seine eigene Tochter Berenike und bestieg wieder den Thron – nunmehr vollends von seinen Gläubigern in Rom abhängig.

Kleopatra (VII.), die zweite Tochter des Ptolemaios, hatte im Jahr 69 das Licht der Welt erblickt und wurde seit ihrer Geburt als gottähnliches Wesen verehrt. Vieles spricht dafür, dass sie ihren Vater auf seinen Reisen ins Exil, über Rhodos und Ephesos nach Rom, begleitet hat. Wenn dem so war, wird sie hier viel für ihr späteres Leben gelernt haben. Nach seiner Rückkehr an die Macht versuchte Ptolemaios seine Dynastie durch allerlei bau- und religionspolitische Maßnahmen zu sichern. Seine Tochter Kleopatra setzte er im Jahr 53 offiziell zur Mitregentin ein. Als der Pharao im Jahr 51 starb wurde sie, gerade siebzehn Jahre alt, zur Herrscherin über Ägypten ausgerufen. Nach dem Willen ihres Vaters sollte sie sich die Macht allerdings mit dem älteren ihrer beiden Brüder, dem zehn Jahre alten Ptolemaios XIII., teilen. Zudem wurde Rom zum offiziellen Vormund bestellt. Damit war Ärger vorprogrammiert.

Kleopatra sah sich nicht an die Verfügungen ihres Vaters gebunden und ignorierte ihren Bruder in den ersten achtzehn Monaten einfach. Eine Reihe von Naturkatastrophen, Überschwemmungen und Ernteausfällen führte bei den gottesfürchtigen Ägyptern schnell dazu, dass die neue Pharaonin, der die Götter offensichtlich nicht wohlgesonnen waren, in Ungnade fiel. Hinzu kamen politische Fehlentscheidungen: Die Söhne des römischen Statthalters in Syrien waren kürzlich ermordet worden und die Mörder waren nach Ägypten geflüchtet. Kleopatra lieferte diese umstandslos an Rom und damit in den sicheren Tod aus, wodurch sich der Verdacht der Bevölkerung bestätigte, dass die neue Pharaonin ebenso Rom hörig war, wie ihr Vorgänger. Die Stimmung wandte sich gegen sie und zugunsten ihres Bruders.

Im Römischen Imperium herrschte indes Bürgerkrieg: Julius Cäsar stand gegen seinen ehemaligen Verbündeten Pompeius. Mit diesem verbündete sich Kleopatra nun, hatte doch Pompeius‘ Vertrauter Gabinius einst ihren Vater bei der Wiedererlangung des Throns geholfen. Doch das Volk ließ sich davon nicht beeindrucken. Im Jahr 48 wurde Kleopatra, ebenso wie zuvor ihr Vater, ins Exil gejagt. Doch anders als dieser ging sie nicht nach Rom, sondern hielt sich weiter in der Nähe ihres Reichs, in der loyalen Provinz Palästina auf.

Ptolemaios XIII. war von Rom bereits als alleiniger Pharao anerkannt worden, wurde jedoch schnell übermütig. Nachdem Pompeius durch Cäsar im Jahre 48 in Griechenland vernichtend geschlagen wurde, floh er nach Ägypten. Noch bevor er Land betrat, wurde er von einem seiner eigenen Offiziere im Auftrag des Ptolemaios erstochen. Wenn dieser gedacht haben sollte, den siegreichen Cäsar damit zu erfreuen, hatte er sich geirrt. Im Gegenteil: Als Cäsar, nunmehr in Ägypten angekommen, der in Alkohol eingelegte Kopf seines alten Freundes gebracht wurde, wurde er über diese Behandlung eines römischen Feldherrn sehr zornig und ließ Ptolemaios zu sich in dessen eigenen Königspalast rufen.

Kleopatra erkannte ihre Chance: Unerkannt gelangte sie in den Palast und traf dort, nunmehr einundzwanzig Jahre alt, auf den zweiundfünfzig Jahre alten Julius Cäsar. Es muss zwischen den beiden ziemlich gefunkt haben, denn Cäsar unterstützte nun Kleopatra gegen ihren Bruder, der den Palast sogleich belagern ließ. Zudem ließen seine Verbündeten in Alexandria die jüngere Schwester der Kleopatra, Arsinoë, zur Pharaonin ausrufen. Im März 47 trafen römische Entsatztruppen ein und befreiten die beiden Herrscher aus ihrem „Liebesnest“. Im Verlauf der Kämpfe wurde Ptolemaios XIII. im Nil ertränkt. Kleopatra bestieg – zusammen mit ihrem verbliebenen Bruder, einem weiteren Ptolemaios – wieder den Thron. Ihre Schwester Arsinoë wurde gefangen genommen und nach Italien deportiert. Später wurde sie auf Cäsars Triumphzug durch Rom zur Schau gestellt.

Doch zunächst segelten die beiden Verliebten den Nil hinauf, um ihren Sieg zu feiern. Das Volk hatte weniger Grund zur Freude: Die römischen Legionen, die nun dauerhaft am Nil stationiert waren, zeugten von den neuen machtpolitischen Realitäten. Im Sommer 47, Cäsar war bereits wieder abgereist, um seinen Feldzug fortzusetzen, brachte Kleopatra ihren gemeinsamen Sohn zur Welt. Mit ihm hatte sie Großes vor, wovon der Name des Jungen zeugte: Ptolemaios Cäsarion. Kleopatra förderte nun immer mehr den Kult der Isis, der göttlichen Mutter und Beschützerin des Horus. Die Parallelen zur ägyptischen Götterwelt waren gewollt: Die Göttlichkeit der Pharaonin und ihres Sohnes wurden nun weithin akzeptiert. Obwohl sie nun also fester im Sattel saß, muss die Sehnsucht nach Cäsar groß gewesen sein. Denn im Jahr 46 reiste sie als sein Gast nach Rom und verbrachte dort zwei Jahre auf dem Landsitz des Diktators jenseits des Tibers.

Die Beziehung der beiden gab Anlass zu Klatsch und Tratsch: Als Cäsar, der immerhin seit 59 mit Calpurnia, einer Tochter des Senators Piso, verheiratet war, im Senat nach einem Gesetz zur Legitimation einer weiteren Ehe mit einer ausländischen Frau nachsuchte und der Kleopatra eine Goldstatue im römischen Heiligtum der Venus Genetrix weihte, wurden viele Römer misstrauisch. Nahm ihr größter Feldherr unter dem Einfluss einer orientalischen Königin „östliche“ Sitten und Gebräuche an? Die Ermordung Cäsars an den Iden des März 44 ließ solche Befürchtungen zu Makulatur werden. Innerhalb eines Monats reiste Kleopatra ab und kehrte an den Nil zurück. Dort verstarb ihr Bruder und Mitregent Ptolemaios XIV. nach kurzer Zeit. An seiner Stelle erhob Kleopatra den Cäsarion als Ptolemaios XV. auf den Thron. Die Vergöttlichung ging weiter: Cäsar war ebenso wie Osiris ermordet worden, sein Sohn und Erbe Cäsarion war der neue Horus. Und Kleopatra nunmehr die unumstrittene Inkarnation der Isis.

Erneut hatte die Königin mit Seuchen und Hungersnöten zu kämpfen, während Ägypten im Äußeren in den wieder ausbrechenden römischen Bürgerkrieg verwickelt wurde. Auf der einen Seite standen die Cäsarmörder um Brutus und Cassius, die sich schnell in den Osten flüchteten. Dagegen standen Marcus Antonius, amtierender Konsul und erfahrener Feldherr Cäsars, und Cäsars achtzehnjähriger Adoptivsohn Octavius, von kränkelnder Konstitution, gänzlich unerfahren auf dem politischen und militärischen Parkett, aber kühl und erfolgreich kalkulierend und nunmehr mit dem Namen Cäsars ausgestattet (Cäsar Octavian, später: Augustus). Antonius unterschätzte Octavius, den er lediglich als kleinen Störfaktor auf dem Weg zur Cäsar-Nachfolge wahrnahm, und es kam von Anfang an zu schweren Spannungen zwischen den beiden Cäsarianern. Zunächst jedoch verbündeten sie sich zusammen mit Lepidus zum Zweiten Triumvirat, und arbeiteten gemeinsam an der Beseitigung der Cäsarmörder.

Kleopatra schlug sich aufgrund ihrer Geschichte auf die Seite der Cäsarianer, wurde jedoch vom Cäsarmörder Cassius mit Forderungen nach militärischer Unterstützung konfrontiert. Stattdessen unterstützte sie den Anführer der Cäsarianer im Osten, Dolabella, und schickte ihm die vier im Land stationierten Legionen als Unterstützung. Diese liefen jedoch zu Cassius über, wodurch Dolabella in Syrien in eine aussichtslose Lage geriet und Selbstmord verübte. Mit Hinweis auf die Hungersnöte im eigenen Land kam Kleopatra den wiederholten Forderungen nach der Übersendung von Schiffen und Proviant nicht nach, woraufhin Cassius eine Invasion Ägyptens ins Auge fasste. Er wurde jedoch von Brutus, der seine Hilfe benötigte, nach Kleinasien gerufen, wo es zur finalen Auseinandersetzung der beiden Parteien kommen sollte. Nun fuhr Kleopatra persönlich mit ihrer Flotte los, um die Cäsarianer zu unterstützen. Heftige Stürme und eine Erkrankung der Königin führten jedoch zu ihrer baldigen Rückkehr, ohne überhaupt am Ziel angekommen zu sein. In der entscheidenden Schlacht von Philippi 42 siegten Antonius und Octavius also ohne ägyptische Unterstützung. Brutus und Cassius fanden den Tod.

Nach zwei Jahren hatten die Cäsarianer gewonnen. Octavian herrschte im Rahmen des Triumvirats über den Westen des Reiches, inklusive Italiens, während Antonius den Osten zugesprochen bekam. Antonius galt neben seiner Eigenschaft als Feldherr auch als Lebemann, als Frauenheld, er sprach gutem Essen und gutem Wein zu, und man sagt, er sei in seiner Zeit im Osten ziemlich auseinandergegangen. Das prächtige Thronzeremoniell östlicher Herrscher faszinierte ihn und bald führte er sich selbst auf wie ein wiedergeborener Dionysos. Kleopatra, die sich mit den neuen Realitäten arrangieren musste, erkannte erneut ihre Chance. Sie könnte Antonius bereits 55 kennengelernt haben, als er als junger Gardeoffizier mit Gabinius’ Herr nach Ägypten kam. Auch wird sie Antonius während ihrer zwei Jahre in Cäsars Haus in Rom mit Sicherheit kennengelernt haben. Wie dem auch sei: Als Antonius in der Folge des Sieges gegen die Cäsarmörder einen Feldzug gegen die östliche Supermacht der Parther plante, um sich militärischen Ruhm zu erwerben, ließ er Kleopatra im Sommer 41 zu sich nach Tarsos in Südostanatolien kommen. Ägypten sollte seine Basis im östlichen Mittelmeerraum werden. Mit vollendeten Selbstdarstellungskünsten, die der antike Chronist Plutarch anschaulich überliefert hat, kam die Königin auf einem prachtvoll geschmückten Schiff und im Gewand der Isis, die ihren göttlichen Geliebten Dionysos besucht. Wie zuvor Cäsar konnte Kleopatra, die mit ihrer Adlernase und ihrem spitzen Kinn nach heutigen Maßstäben nicht besonders schön erscheinen mag, auch Marcus Antonius verführen und erobern. Er wurde ihr neuer Schutzherr und die Schicksale der beiden waren fortan miteinander verbunden.

Gegen Ende des Jahres kehrten Kleopatra und Antonius nach Alexandria zurück. Neun Monate später wurden ihre Zwillinge geboren: Alexander Helios und Kleopatra Selene. Kurz danach verabschiedete sich Antonius in Richtung Rom. Nachdem die gemeinsamen Feinde besiegt waren, traten die alten Spannungen zwischen Octavian und Antonius wieder auf, konnten aber nochmal, auch auf Druck der beiden Heere, die genug vom Bürgerkrieg hatten, beigelegt werden. Zur Besiegelung ihres erneuerten Bündnisses heiratete Antonius die Schwester des Octavian, Octavia, und ließ Kleopatra kurzerhand fallen. Ägypten erlebte indes eine Phase relativer Ruhe im Vergleich zu den dynastischen Wirren und Intrigen der vorherigen Jahrzehnte. Und auch wenn die Nilschwelle wieder ihre gewöhnte Höhe erreichte, was reiche Ernten ermöglichte, war das Land doch praktisch pleite – eine Spätfolge der Politik Ptolemaios XII. Ein Großteil der Einnahmen ging direkt in römische Truhen.

Antonius Heirat mit Octavia konnte den Gegensatz zwischen ihm und Octavian nicht beheben. So plante er seinen lange ins Auge gefassten Feldzug gegen die Parther ab 37 ohne dessen Unterstützung. Erneut hatte er dabei Ägypten als Verbündeten im Auge. Und erneut ließ er Kleopatra zu sich, dieses mal nach Antiochia kommen. Ihren verständlichen Groll suchte der treulose Feldherr mit zahlreichen Geschenken, unter anderem 200.000 Büchern aus der Großen Bibliothek der Könige von Pergamon, sowie mit Ländereien und Wirtschaftsanteilen rund um das östliche Mittelmeer zu besänftigen. In der Tat konnte sich Kleopatra so ihrem Volk gegenüber als Königin, die Ägyptens Interessen vertritt und Territorium mehrt, in Szene setzen. Im Gegenzug forderte Antonius natürlich Soldaten und Vorräte. Der Feldzug gegen die Parther geriet aufgrund schlechter Vorbereitung und des übersteigerten Selbstbewusstseins des Antonius zum Desaster. Innerhalb weniger Monate verlor er ein Drittel seiner Truppen und fast die Hälfte der Reiterei. In Ägypten zeitigte der Gipfel von Tarsos eine neunmonatige Spätfolge: Kleopatra brachte ihren dritten Sohn von Antonius, Ptolemaios Philadelphos, zur Welt. Im Jahr 34 zog sie gemeinsam mit Antonius in einen erneuten Partherfeldzug. Und auch wenn gegen den entschlossenen und gut organisierten Gegner erneut kaum etwas ausgerichtet werden konnte, gelang ein Sieg über das kleine Armenien. Dieser läppische Sieg wurde propagandistisch voll ausgeschlachtet: Vor einer gewaltigen Menschenmenge in Alexandria präsentierten sich die beiden gemeinsam auf goldenen Thronen sitzend, sie als Inkarnation der Isis, er als römischer Imperator.

An dieser Stelle gehen die Bewertungen des Antonius in der Forschung weit auseinander: Hatte er in der Tat die „Bodenhaftung“ verloren? Den Kontakt zu römischen Basis? Oder stellte er sich den Gegebenheiten und Erwartungen, wie sie im Osten nun einmal waren? Wie dem auch sei: Er forderte nun, dass seine Kinder, und auch Cäsarion, Kleopatras Sohn von Cäsar, dereinst den gesamten Osten beherrschen sollten. Die Römer, die sich als höhere Zivilisation sahen, und mit dem orientalischen Gebaren ihrer Klientelherrscher im Osten wenig bis gar nichts anfangen konnten, schüttelten zunehmend den Kopf über ihren einstigen Helden, der im Osten offensichtlich auf die schiefe Bahn geraten war. Octavian machte sich das zu Nutze und unterstützte den Eindruck der öffentlichen Meinung vom „unrömischen“ Verhalten des Antonius nach Kräften.

Kleopatra hatte, wenn man so will, auf das falsche Pferd gesetzt. Dabei hätten die zehn Jahre, die sie mit Unterbrechungen an Antonius Seite verbrachte, durchaus auch eine Renaissance für Ägypten bedeuten können. Die Landgewinne, die Antonius versprach, fielen zwar nicht so groß aus, wie gewünscht, doch konnte sie überhaupt als erste Pharaonin seit langem das Reich vergrößern. In typischer Tradition ptolemäischer „Familienpolitik“ ließ sie im Jahr 41 ihre Schwester Arsinoë, der man ein Exil im Tempel der Artemis in Ephesus gewährt hatte, hinrichten. Nichts sollte Cäsarions Weg zur Macht im Weg stehen. Ihre weitergehenden territorialen Pläne blieben jedoch Wunschträume: Unter Scheschonq I. hatte Ägypten 945 erstmals Judäa erobert. Auch zu Kleopatras Lebezeiten galt ihr der Nahe Osten als Ziel ägyptischer Expansionsgelüste. Dass in Jerusalem ein anderer bedeutender römischer Klientelkönig, nämlich Herodes, herrschte, war ihr stets ein Dorn im Auge. Herodes war in seinem Land und sogar in seiner eigenen Familie sehr umstritten und so versuchte Kleopatra immer wieder, letztlich vergebens, ihn zu beseitigen.

Nun, im Jahr 31, kam es zur finalen Auseinandersetzung zwischen Antonius und Octavian: Mit über zweihundert ägyptischen Schiffen fuhren Antonius und Kleopatra über Ephesos und Samos zunächst nach Athen, wo Antonius seine Noch-Ehefrau Octavia offiziell verstieß. Doch stellte sich ziemlich schnell heraus, das die römisch-ägyptischen Truppen in Westgriechenland eingekesselt waren. Octavian hatte seinen Gegnern, unterstützt durch seinen Freund Agrippa und durch viele erfahrene Strategen aus dem Heer Julius Cäsars, eine Falle gestellt. Eine versuchte Flucht zur See unter feindlichem Feuer wurde zum Desaster und zu dem, was wir heute „Seeschlacht von Actium“ nennen. Antonius und Kleopatra kamen mit dem Leben und mit sechzig ihrer Schiffe davon. Er floh nach Libyen, sie nach Alexandria. Kleopatra, die wusste, dass das Volk erfolglose Herrscher gewöhnlich nicht lange toleriert, gab sich alle Mühe, ihre Rückkehr so aussehen zu lassen, als hätte ihre Seite gewonnen. Als auch Antonius wieder im Königpalast ankam, wurde zunächst Cäsarions Volljährigkeit mit einem großen Spektakel gefeiert. „Brot und Spiele“ und „business as usual“ sollten die Tatsache verdecken, dass den beiden das Wasser bis zum Hals stand und ein Angriff Octavians eine Frage der Zeit war. Kleopatra plante indes die Flucht ihres ältesten Sohnes (und auch ihre eigene?) nach Indien. Über Land ließ sie ihre restlichen Schiffe vom Nil zum Roten Meer ziehen. Doch die nabatäischen Araber verbrannten die Schiffe und somit jede Hoffnung darauf, Octavian doch noch zu entkommen.

Dessen Truppen näherten sich von Syrien und von der Kyrenaika her. Kleopatra schickte ihm eine verzweifelte Botschaft, in der sie ihren Thronverzicht zugunsten ihrer Kinder anbot. Octavian antwortete nicht. In Alexandria muss eine gespenstische Stimmung geherrscht haben. Am 29. Juli 30 starb auch noch der Hohepriester des Ptah, eine zentrale religiöse Figur des alten Ägypten, durch ein Attentat und ohne einen Nachfolger zu hinterlassen. Damit kam eine weitere alte Tradition des Nilreiches zu ihrem Ende. Drei Tage später, am 1. August, fiel das alte Ägypten endgültig an Rom und wurde fortan als Provinz regiert. Antonius hatte noch versucht, sein Heer in ein letztes Gefecht vor der Stadt zu führen, scheiterte jedoch, ausgebrannt und desillusioniert. Was danach kam, wird wohl für immer der Stoff für Legenden sein. Genaueres wissen wir nicht. Eine in der Antike beliebte Version lautet so: Als Augustus in die Stadt einrückte, flüchtete Kleopatra in ihr befestigtes Schatzhaus, das auch ihr Mausoleum werden sollte. Da Antonius annahm, dass seine Geliebte sich bereits das Leben genommen hatte, stürzte er sich in sein Schwert. Auf Kleopatras Drängen wurde der fast schon leblose Körper an einem Seil in ihre Gemächer gehievt, wo er an ihrer Seite sein Leben aushauchte.

Nach zehn weiteren Tagen folgte die letzte Pharaonin ihrem Geliebten ins Grab. Sie hatte dies einem Leben in Gefangenschaft oder der Möglichkeit, gelyncht zu werden, vorgezogen. Auch musste sie sich so nicht der Schmach eines Triumphzugs des Octavian aussetzen, auf dem sie den Römern als Gefangene zur Schau gestellt worden wäre. Ob es eine in einem Feigenkorb versteckte Viper oder ein vergifteter Kamm war – wir wissen es nicht. Auf dem Triumphzug wurden schließlich die verbliebenen Kinder der Königin ausgestellt und ein Bildnis der Königin – mit zwei Vipern, die ihren Tod andeuten sollten. Vor allem anderen hatte Kleopatra sich immer eine Zukunft für ihre Dynastie gewünscht. Dabei musste sie sich, wie andere hellenistische Herrscher ihrer Zeit, mit dem Römischen Imperium auseinandersetzen. Sie tat dies mit den Waffen einer Frau, durchaus mit einigen Erfolgen – doch am Ende scheiterte sie. Nur wenige Tage nach dem Fall Alexandrias wurde Cäsarion auf Befehl des Augustus getötet. Die anderen Kinder der Kleopatra und des Antonius wurden verschont und von der Schwester des Augustus, Octavia, mit deren eigenen Kindern großgezogen. Kleopatra Selene wurde später an der Seite von Juba II. Königin von Mauretanien. Die Spur ihrer beiden Brüder Alexander Helios und Ptolemaios Philadelphos verläuft sich. Die Zeit der Ptolemäer und der Pharaonen insgesamt war nun zu Ende. Doch in unserer Vorstellung blieb Kleopatra VII. Philopator lebendig, bis zum heutigen Tag.

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