Udo Lindenberg zum 70. – eine Verbeugung

"Stark wie Zwei" - Foto von Tine Acke

Lieber Udo,

nun begleitest du mich schon seit 30 Jahren. Ich war sieben Jahre alt, als mich die Klänge von „Horizont“ zum ersten Mal bezauberten. Damals hatte ich natürlich keine Ahnung, dass du den Song deiner Begleiterin Gabi Blitz gewidmet hast, die an einer Überdosis Drogen gestorben war. Auch ohnedies hatte „Horizont“ alles, was mich heute noch an deinen Liedern anspricht: Schönheit, Magie, Traurigkeit, Melancholie und das feste Gefühl, dass du das Herz am richtigen Fleck hast. Die Beschwörung von Freundschaft und Liebe, die Gewissheit, zusammen stärker zu sein als allein, das Zelebrieren des Füreinander Daseins und der Appell durchzuhalten, auch in „den schweren Zeiten“ – diese Themen machen viele deiner Songs bis zum heutigen Tag aus, und geben buchstäblich Millionen von Menschen Halt und Kraft in ihrem Alltag. Was kann man mehr erreichen?

Auch politisch hast du mich geprägt und wenn ich mir heute manche Songs aus den Achtzigern und Neunzigern wieder anhöre, sind sie aktueller denn je:

Die Deutschen jenseits der Mauer hattest du stets im Blick und stelltest mit deinem Song „Sonderzug nach Pankow“ und dem darin geäußerten Wunsch, im Osten auftreten zu dürfen, die miefig-piefige DDR-Funktionärselite bloß. Im Oktober 1983 durftest du tatsächlich im Palast der Republik singen und deine Stasi-Akte hierzu kann man heute im Internet nachlesen.

Wie kann man die Absurdität und ja, auch die Unterlegenheit, eines Staates, der seine Bürgerinnen und Bürger einsperrt, besser aufzeigen als mit der Panik (!), die dein Besuch bei den hohen Herren auslöste? Die bereits geplante DDR-Tour 1984 wurde dann auch unter fadenscheinigen Gründen abgesagt.

Unübertroffen ist die Genialität der Umwidmung von „BRD“ in „Bunte Republik Deutschland“. Pünktlich zum Mauerfall schriebst du den vereinten Deutschen ins Stammbuch:

Bunte Republik Deutschland,
ganze Jumbos voller Eskimos,
wie in New York City – richtig schwer was los.
Wir steh’n am Bahnsteig und begrüßen jeden Zug,
denn graue deutsche Mäuse, die haben wir schon genug.

Am Bahnsteig standen viele Deutsche tatsächlich – allerdings 26 Jahre später, im Herbst 2015. Ein Quatschwort wie „Willkommenskultur“ wäre dir, der du an kreativen Wortschöpfungen nicht arm bist, allerdings nicht über die Lippen gekommen. Und neben der damals noch udopischen Offenheit hattest du früh die traurige Realität im Blick. Bereits 1984 textetest du in unmissverständlicher Deutlichkeit:

Nein, sie brauchen keinen Führer
nein, sie können’s jetzt auch alleine
nein, sie brauchen ihn nicht mehr
diese neuen Nazi-Schweine
und keine braune Uniform
die Klamotten sind jetzt bunt
doch die gleiche kalte Kotze
schwappt ihnen wieder aus dem Mund
sie marschieren nicht in der Reihe
doch die Front steht wie ein Mann
ja, früher waren’s die Juden
und heute sind die Türken dran

Und 1992, als Asylantenheime unter dem Jubel von Anwohnern brannten und sich das neuerlich vereinte Deutschland von seiner allerhässlichsten Seite zeigte, sprachst du dich im Song „Panik Panther“ – damals sehr kontrovers diskutiert – dafür aus, sich den Nazis nicht nur mit Worten entgegenzustellen:

Und wir haun mit den Tatzen
den Skins auf die Glatzen,
das eizige, was die verstehn.
Also Faschos verpißt euch,
keiner vermißt euch.
Wir wolln euch nur noch von hinten sehn.

Das Elend der Geflüchteten besangst du, auch bereits 1992, unübertroffen traurig in „Er wollte nach Deutschland“:

Er wollte nach Deutschland, wo nicht überall geschossen wird.
Er wollte nach Deutschland, wo niemand vor Hunger stirbt.
Er wollte nach Deutschland, wo man ’n bißchen Zukunft hat
und es da bringen in so ‘ner schönen großen Stadt.
Er ist fünfzehn und war noch nie weg von zu Hause.
Jetzt sitzt er im Knast und weiß nicht mal wofür.
Gleich hinter der Grenze war sein Traum vorbei,
sie sperrten ihn ein und seitdem sitzt er hier.

Ich könnte noch lange so weiter machen, auf deinen mittlerweile über 30 Alben finden sich etliche dieser Perlen. Und es gab sie schon immer, die Kritiker, die in zeitlosen Zeilen wie „Keiner will sterben / Das ist doch klar / Wozu sind denn dann Kriege da?“ Naivität oder – böses Schimpfwort – „Gutmenschentum“ erkennen. Und damals wie heute fällt diese Kritik auf die Kritiker zurück. Während viele sogenannte Intellektuelle ihre ganze Bildung und Belesenheit darauf verwenden, um angesichts des Elends der Geflüchteten von einer bedrohten deutschen Identität zu faseln, besingst du eine radikale Menschlichkeit in einem wahrhaft bunten und offenen Deutschland.

Dafür gebührt dir Dank und mindestens all das, was du dir im neuen Song „Wenn die Nachtigall verstummt“ dereinst wünschst.

PS: Das Beitragsbild, liebe Mitleser, ist natürlich, wie die meisten großen Udo-Bilder, von Tine Acke

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s