Emmanuel Carrère, Das Reich Gottes (Rezension)

Dies ist eines dieser Bücher die bleiben. Als ich letztes Jahr hörte, dass Emmanuel Carrère in Frankreich bereits 2012 eine Biografie des Apostels Paulus unter dem Titel „Le Royaume“ herausgebracht hatte, war sofort mein Interesse geweckt. Dass es ohne Paulus, der Jesus nie begegnet war, wohl kein Christentum geben würde, war mir schon länger bewusst. Doch wie das alles vonstatten gegangen war, wie es möglich war, dass aus einer unbedeutenden Sekte am Rande des römischen Imperiums eine Weltreligion werden konnte, wie Paulus konkret vorging, wer ihn unterstützte und begleitete, wie er auch mit den Jüngern Jesu in Konflikt geriet und ihnen, die ja schließlich dabei gewesen waren, dessen Botschaft neu erklären wollte – all dies schien ein überaus interessanter Stoff. Im März 2016 schaffte es die deutsche Übersetzung dann auch gleich auf die Titelseite der Literarischen WELT.

cover-9783957572264.jpg

Mit Recht – denn hier handelt es sich um etwas ganz Besonderes. Genregrenzen werden spielend überschritten: Es handelt sich um eine Autobiografie, um eine Paulus-Biografie, auch um eine Lukas-Biografie, aber auch um eine Geschichte des Frühchristentums. Garniert wird das alles immer wieder mit Zitaten des Science-Fiction-Autors Philipp K. Dick und mit Vergleichen zur Auseinandersetzung zwischen Stalin und Trotzki. Carrère bringt es zwischen seiner originellen und hypothesenreichen Nacherzählung der Apostelgeschichte fertig, eine kurzen Abriss historischer Mariendarstellungen mit Online-Porno-Erfahrungen in Zusammenhang zu bringen, dann von einem Bildungsurlaub mit einem buddhistischen Freund in der Türkei zu berichten, gefolgt von einer Tätigkeit als Jury-Mitglied bei den Filmfestspielen in Cannes.

Dabei kommt er vom Hundertsten ins Tausendste und man legt das Buch auch einmal eine Weile weg, nur um sich dann wieder staunend zu vertiefen in diese radikale, assoziationsreiche Auseinandersetzung mit Carrères Nicht-mehr-glauben-können-aber-irgendwie-doch-noch-wollen, in die Suche nach dem, was ihn einst derart überzeugt hat, dass er eine Zeit als sehr gläubiger Christ lebte. Carrère bezeichnet sich selbst als intelligent „im negativen Sinn“, „so unfähig zur Einfachheit, so verquält, haarspalterisch, Einwände vorbeugend, die keiner auch nur vorhatte, mir zu machen, nichts denken zu können, ohne gleichzeitig sein Gegenteil zu denken und dann das Gegenteil vom Gegenteil, und mich in diesem Gefühlkarussell sinnlos zu erschöpfen.“

Was ist es woran man glaubt, wenn man Christ ist? An die Bibel? An die Evangelien? An die Apostelgeschichte? Oder einfach nur an die wenigen überlieferten, wahrscheinlich echten Worte der historischen Person Jesus von Nazareth? Auch ohne das Aufkommen einer Amtskirche würden diese Worte, so Carrère, „ihren Platz neben den großen Weisheitstexten der Menschheit und den Worten von Buddha und Lao-tse finden.“ Die wahre Kopfnuss, an die der Autor nicht glauben kann, ist die Auferstehung. Wieder und wieder drehen sich seine Überlegungen um die kolossale Behauptung, Jesus wäre von den Toten auferstanden und in den Himmel aufgefahren. So schreibt er dann auch an zentraler Stelle: „Ich glaube nicht, dass ein Mensch von den Toten zurückgekehrt ist. Aber man kann es glauben, und dass ich es selbst geglaubt habe, weckt meine Neugier, fasziniert, verwirrt mich, wirft mich aus der Bahn (…) Ich schreibe dieses Buch, um mir nicht einzubilden, als Nichtmehrgläubiger mehr zu wissen als jene, die glauben, und als ich, da ich selbst noch glaubte. Ich schreibe dieses Buch, um mir selbst nicht zu sehr recht zu geben.“ Eine aufreibende Reise zu den Anfängen christlicher Religion, hypertextualisiert vor dem Hintergrund eines französischen Intellektuellenlebens im frühen 21. Jahrhundert. In punkto Gelehrsamkeit und Selbstreflexion Lichtjahre entfernt von jedweden Abendlandbeschwörern diesseits und jenseits des Rheins.

Emmanuel Carrère, Das Reich Gottes, Berlin 2016, 524 Seiten, 24,90€

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s