Die Vermächtnis-Trilogie des Tony Judt

Dafür, dass der 2010 verstorbene Tony Judt in einem der hier besprochenen Bücher Skepsis gegenüber Autobiographien von Historikern äußerte, hat er ein durchaus umfassendes autobiographisches Oeuvre hinterlassen: Seine drei letzten Bücher ergeben – ungewollt – das Vermächtnis des großen Historikers politischer Ideen im 20. Jahrhundert.

2008 wurde bei Judt Amyotrophe Lateralsklerose (ALC) diagnostiziert, eine degenerative Nervenerkrankung, die mit einer zunehmenden Muskelschwäche einhergeht. Die Diagnose der Krankheit, die nicht heilbar ist, führte bei Judt zu einem beachtlichen Produktivitätsschub. Noch kurz vor seinem Tod im August 2010 schrieb der Guardian, Judt sei einer der „lebhaftesten Geister in New York“. In durchwachten Nächten entwickelte der Historiker, schon nicht mehr fähig zu schreiben, die „Chalet-der-Erinnerungen“-Methode: Mit dieser Erinnerungstechnik strukturierte er sein Wissen anhand der Räume eines Schweizer Chalets, einer Urlaubserinnerung aus der Kindheit. Am nächsten Morgen diktierte er dann einem Assistenten seine Gedanken. Das Ergebnis ist der gleichnamige, posthum erschienene Memoirenband von 2010. In ihm findet der Leser  locker aneinandergefügte Miniaturen, in denen anhand persönlicher Erfahrungen Judts der Bezug zu historischen und politischen Rahmenbedingungen hergestellt wird. Eine Betrachtung über Buslinien in London und die Geschichte der Eisenbahn wird so schnell zu einem Pamphlet gegen die Privatisierungen in Großbritannien seit Margret Thatcher, zur Auseinandersetzung mit der Chicagoer Schule der Wirtschaftswissenschaften und ein Appell an Gemeinsinn und Kommunitarismus. Judts Erfahrungen als Universitätsprofessor in New York entwickeln sich zu lebhaften Beschreibungen des intellektuellen Klimas in der Stadt nach 09/11 und zu einer Abrechnung mit Kollegen, die sich wider besseres Wissen für den Irak-Krieg 2003 ausgesprochen haben.

1948 als Sohn osteuropäischer Juden in London geboren, studierte Judt in Oxford  und befasste sich in seinen ersten Büchern in den 1990ern mit französischen Intellektuellen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, insbesondere mit Albert Camus, Raymond Aron und Leon Blum. Um die Jahrtausendwende zog Judt nach New York und wurde Leiter des Erich-Maria-Remarque-Instituts. Den eigentlichen Durchbruch als public intellectual feierte er aber erst 2005 mit Postwar, einer „Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart“ (so der Titel der deutschen Ausgabe). Das Besondere an diesem Standardwerk ist, das hier erstmals eine umfassende Sicht auf den gesamten Kontinent, inklusive des 1945 in Jalta geschaffenen Ostteils, eingenommen wurde. Dies geschah nicht, wie bis dahin üblich, in summarischen Auflistungen, und ging weit über die Darstellung der Standarddaten 1953 (Aufstand in der DDR), 1956 (Aufstand in Ungarn), 1968 (Prager Frühling) und 1980 (Solidarność in Polen) hinaus. Frustriert von den sozialgeschichtlichen Trends der Geschichtswissenschaft – von ihm verächtlich „Bundestrichdisziplinen“ genannt –  und auf der Suche nach neuer Betätigung lernte Judt in den 1990er Jahren tschechisch und fand so Zugang zu Mitteleuropa. Folglich liest man in seinen neueren Büchern Namen wie Czesław Miłosz, Milan Kundera, Mihail Sebastian oder Heda Kovály ebenso häufig  wie George Orwell, Antonio Gramsci, Jean-Paul Sartre oder Jürgen Habermas.

Eine Reihe brillanter Essays über politische Intellektuelle, gleichsam ein Nebenprodukt von „Postwar“, erschien 2008 unter dem Titel „Das vergessene 20. Jahrhundert. Die Rückkehr des politischen  Intellektuellen“. Hier kamen unter anderem Hannah Arendt, Leszek Kołakowski, Manès Sperber und Arthur Koestler zu den Ehren biographischer Skizzen, in denen ihr Wirken und ihr Einfluss auf das politische Denken im 20. Jahrhundert beleuchtet wurde. Überhaupt taucht der Name Arthur Koestler in allen Schriften Tony Judts immer wieder auf, was kein Zufall ist: Die Desillusionierung mit der Sowjetunion bekam der junge Tony von seinem Vater in die Wiege gelegt. Das erste Geschichtswerk, das er geschenkt bekam, war die Trotzki-Trilogie von Isaac Deutscher. Von hier war es nicht mehr weit zu den klassischen Renegaten wie Koestler, Victor Serge, Wolfgang Leonhard und André Gide. Zu Recht erklärte Judt Koestlers „Sonnenfinsternis“ – neben Orwells „1984“ – zum größten politischen Roman des 20. Jahrhunderts. Dabei distanzierte sich Judt in seiner Karriere immer weiter vom Kommunismus. Spätestens nach der Lektüre von Kołakowskis „Hauptströmungen des Marxismus“ sah er die Fehlentwicklungen des real existierenden Sozialismus bereits im Marxismus angelegt und plädierte für eine liberale Sozialdemokratie mit stark wohlfahrtsstaatlicher Komponente. Dabei wendet sich Judt zugleich gegen eine Gleichsetzung der Verbrechen des Kommunismus und denen des Nationalsozialismus. Während der Kommunismus eine universelle Ideologie per se war, die zumindest in der Theorie eine Verbesserung des Schicksals der gesamten Menschheit zum Ziel hatte, so war der Nationalsozialismus einzig und allein auf das deutsche Volk gemünzt. Während man also noch heute kommunistische Intellektuelle mit Gewinn lesen kann, sieht Judt keinen einzigen Nazi-Ideologen, der uns heute irgendetwas Sinnvolles mitzuteilen hätte. Der Unterschied liegt nach Judt im aufklärerischen Gedanken begründet, Teil einer staatenübergreifenden Konversation über Themen wie Politik, den Ursprung der Menschheit und die Bedeutung des Fortschritts zu sein, der auf die Nazis einfach nicht zutraf.

Das letzte Buch, das Judt noch zu Lebzeiten veröffentlichte, war „Dem Land geht es schlecht“. Hierin entwickelte er seine Vision einer erneuerten Sozialdemokratie weiter und sprach sich für eine Rückkehr zum Sozialkontrakt aus, der die Nachkriegszeit bestimmt hatte. Während damals Sicherheit, Stabilität und Fairness garantiert wurden, führte der Aufstieg der neoliberalen Ökonomen und ihrer politischen Counterparts unter Thatcher und Reagan zu einem weitgehend uneingeschränkten Kapitalismus, der  auch nach der globalen Finanzkrise seit 2007 nicht gebändigt werden konnte. Das Buch löste weltweit Debatten über die Zukunft der Sozialdemokratie aus und hat insofern sein Ziel, die Leser zur Diskussion der Frage „Was kommt als nächstes?“ zu motivieren, erreicht. Die Kritiken waren dennoch – zu Recht – eher durchschnittlich. Denn Judt kapriziert sich sehr stark auf die trentes glorieueses nach dem Zweiten Weltkrieg, also jene dreißig Jahre zwischen Kriegsende und dem ersten Ölschock von 1973, als Idealbild, zu dem es zurückzukehren gilt. Einmal, in „Thinking the 20th Century“, geht Judt auf die Kritik ein, dass der Nachkriegskonsens sehr stark als Gegenentwurf auf die vorhergehende Weltkriegsepoche angelegt war und sich die weltpolitischen Koordinaten seither grundlegend gewandelt haben, die damaligen Verhältnisse also auf heute nicht eins zu eins replizierbar sind. Doch er tut dies eher in Form eines starren Festhaltens statt einer Argumentation, wie man sie sonst von ihm erwarten würde. Als Zustandsbeschreibung und Handlungsappell an Sozialdemokraten und liberals diesseits und jenseits des Atlantiks liest sich „Dem Land geht es schlecht“ mit Gewinn, als Programm für eine sozialdemokratische Politik links der Mitte im 21. Jahrhundert reicht der Rückgriff auf die 1950er Jahre nicht.

Bisher nur in Englisch liegt der dritte Teil dieser Vermächtnis-Trilogie vor: „Thinking the 20th Century“, ein Gesprächsband mit dem Osteuropahistoriker Timothy Snyder. Nach der Lektüre von „Das Chalet der Erinnerungen“ könnte man beim Blick auf das Inhaltsverzeichnis von „Thinking the 20th Century“  meinen, es handele sich lediglich um eine umfassendere Version der Memoiren Tony Judts. Das ist jedoch mitnichten der Fall. Die Themen sind alle wieder da, doch wir der Fokus, nicht zuletzt durch das engagierte, eigene originelle Gedanken einbringende, Fragen von Snyder enorm erweitert. Der Anspruch, das gesamte Jahrhundert „zu denken“ wird in dem Werk für die Geschichte politischer Ideen weithin eingelöst. Die am Ende dankbarerweise beigefügte Liste besprochener Werke macht unmittelbar Lust zum Weiterlesen. Doch auch ohnedies hat man das Gefühl, 40 Bücher in einem zu lesen, während man den beiden Historikern lesend zuhört: Abschnitte über die britische Literatur der Zwischenkriegszeit wechseln sich ab mit wunderbar originellen Passagen über die moralische Rolle des Historikers. Judt fängt die meisten Kapitel mit launischen Abrissen einer neuen Lebensphase an (European Historian, American Moralist, East European Liberal, etc.), bis Snyder an irgendeinem Punkt kritisch nachfragt, Themen vertieft oder auch das Gespräch in eine andere Richtung lenkt.

Wer besser verstehen möchte warum eine immer stärker zusammenwachsende Europäische Union in Großbritannien Ressentiments vor einer deutschen Vorherrschaft über den Kontinent hervorruft, dem wird von Judt vergegenwärtigt, dass während des Krieges „Europa“ ein „deutsches“ Projekt war. In einer Denkschrift der „Gesellschaft für europäische Wirtschaftsplanung und Großraumwirtschaft“ aus dem Jahre 1940 heißt es, das neue Europa solle „sämtliche Völker des Festlandes von Gibraltar bis zum Ural und vom Nordkap bis zur Insel Zypern mit ihren natürlichen kolonisatorischen Ausstrahlungen in den sibirischen Raum und über das Mittelmeer nach Afrika hinein“ umfassen. Man solle stets nur von „Europa“ sprechen, denn „die deutsche Führung ergibt sich ganz von selbst“. Sicher – es gab auch eine ganze Reihe demokratischer und wirkungsmächtigerer Europapläne bereits vor dem Zweiten Weltkrieg, und Churchill selbst forderte in seiner Zürcher Rede 1946 die Schaffung der „Vereinigten Staaten von Europa“ – wohlgemerkt ohne Großbritannien –, doch liegt hier ein Hintergrund gegenwärtiger Verstimmungen über die Zukunft der EU.

Beim Thema Israel ist Judt, der als Student dem Zionismus zuneigte und seine Sommerferien im Kibbuz verbrachte – eine interessante Parallele zu Arthur Koestler –, kritisch. Vom Zionismus hatte er sich bereits nach dem Sechs-Tage-Krieg verabschiedet und bezeichnete 2010 diese Phase „als idealistische Phantasie“, beim Aufbau eines „sozialistischen, kommunitaristischen Staates“ mitwirken zu können. 2003 plädierte er in einem Artikel in der New York Review of Books für die Schaffung eines binationalen, die Gebiete Israels, Gazas, Ostjerusalems und der  Westbank umfassenden Staates, und löste damit eine heftige Debatte aus. Es kommt in diesen Passagen des Buches Timothy Snyder zu, einen vermittelnden Standpunkt einzunehmen und auf die berechtigten Sicherheitsinteressen Israels aufmerksam zu machen.

Tony Judt hinterlässt eine ganze Reihe immens lesenswerter Bücher, von denen eines, Postwar, noch lange das Standardwerk für die Geschichte Europas nach dem Zweiten Weltkrieg bleiben wird. Die drei Bücher, die man als seine Vermächtnis-Trilogie ansehen kann, sind Schlüssel für das Verständnis politischer Ideen im 20. Jahrhundert.

Dem Land geht es schlecht. Ein Traktat über unsere Unzufriedenheit, Hanser Verlag, 192 Seiten, 2011, 18,90 €

Das Chalet der Erinnerungen, Hanser Verlag, 224 Seiten, 2012, 18,90 €

Thinking the 20th Century (mit Timothy Snyder), Penguin Press HC, 432 Seiten, 2012, 21,95 €

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