Noch ist Europa nicht verloren (erschienen in: vorgänge, Nr. 200, 4/2012)

Der große amerikanische Historiker Walter Laqueur widmet sich noch einmal einem Hauptthema seines nun schon über fünfzigjährigen Schaffens: Dem alten Kontinent Europa. Seit den 1950er Jahren hat Laqueur sich auf einer Vielzahl von Gebieten etabliert: Von der Geschichte Russlands, Israels oder Deutschlands über Phänomene des Antisemitismus und Faschismus wurden vor allem seine Bücher zu Theorie und Geschichte des Terrorismus zu Standardwerken. 1970 erschien erstmals „Europa aus der Asche. Geschichte seit 1945“, das noch von Optimismus und großen Hoffnungen für den Kontinent getragen war und 1992 unter dem Titel „Europa auf dem Weg zur Weltmacht 1945-1992“ wiederveröffentlicht wurde.

Seither muss aus Laqueurs Sicht so ziemlich alles schief gelaufen sein, denn 2006 erschien „Die letzten Tage von Europa“ und nun, im Jahre 2012, befindet der Kontinent sich bereits „nach dem Fall“. Die optimistische Stimmung vom Anfang der 1990er Jahre ist dem Autor jetzt eher peinlich. So spricht er von „Lebenslügen“ und „Halluzinationen“, für die man allenfalls im Nachhinein „mildernde Umstände“ walten lassen könne (DER TAGESSPIEGEL ONLINE, 24.09.2006). Denn nach 1945 hatte Europa es entgegen vieler Erwartungen geschafft, sowohl in Frieden zusammenzuwachsen als auch ein Rechts- und Sozialstaatsmodell zu etablieren, welches weltweit Maßstäbe setzte. Doch habe man, so Laqueur, bereits in den 1970er Jahren die ersten Alarmzeichen in Form von Wachstumsschwäche und steigender Arbeitslosigkeit nicht in ihrer Tragweite erkannt. In den 1980er Jahren kam dann die Phase der „Eurosklerose“, der Stagnation im europäischen Einigungsprozess, hinzu. Die Euphorie über die Einigung des Kontinents ab 1990 sei dann schnell verpufft.

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Laqueurs Pessimismus ist sehr ausgeprägt. 2006 in „Die letzten Tage von Europa“ gaben demographischer Wandel, die Folgen der Masseneinwanderung, die Unfähigkeit zur Reform der Sozialstaaten und das Unvermögen, den Kontinent politisch zu einen, Anlass zu Schwarzseherei. In der autobiographischen Schrift „Mein 20. Jahrhundert. Stationen eines politischen Lebens“ (2009) gab der Autor seinen „Nachfahren“ folgenden Rat mit auf den Weg: „Macht euch keine allzu großen Hoffnungen für die absehbare Zukunft.“ Im Jahre 2012 sieht Laqueur sich in allen Punkten bestätigt. Der konstatierte Niedergang werde durch die gegenwärtige Finanzkrise noch einmal beschleunigt, was ihn zu der apodiktischen Aussage bewegt: „Mit der Eurozone ist es zu Ende und vielleicht auch mit der EU.“ „Optimismus ist Pflicht“, möchte man da mit Karl R. Popper ein ums andere Mal ausrufen!

Insbesondere außenpolitische Erwägungen sind es, die Laqueur in seinem aktuellen Buch umtreiben: Durch die Präsenz der USA habe Europa seine weltpolitische Schwäche lange Zeit kaschieren können. Da die Vereinigten Staaten jedoch heute – finanziell ausgebrannt und innerlich tief zerstritten – in einer neuen Phase des Isolationismus einzutauchen drohen, ihre Aufmerksamkeit jedenfalls eher auf den Pazifik als auf den Atlantik richten, werde Europas relative Schwäche, insbesondere gegenüber Asien, deutlich sichtbar. Die Abwesenheit einer gemeinsamen Energiepolitik, welche die Unabhängigkeit des Kontinents etwa gegenüber Russland sicherstellen könnte, sowie der zunehmende Verlust militärischer Kapazitäten, etwa eines wirksamen Mechanismus zur Eindämmung von Massenvernichtungswaffen, sind weitere Aspekte dieser traurigen Bilanz.

Nun haben wenige Bücher eine geringere Halbwertzeit als weltpolitische Betrachtungen und Prognosen sind bekanntlich schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. An den Fakten, die Laqueur auf den Tisch legt, ist nicht zu rütteln. Auch Helmut Schmidt hat zuletzt noch einmal darauf hingewiesen, dass die Bevölkerung Europas zur Mitte des Jahrhunderts noch ganze 7% der Menschheit ausmachen wird (DIE ZEIT, 5. Juli 2012). Aber muss die Zukunft wirklich so düster aussehen? Und was überhaupt soll es heißen, wenn Laqueur bereits 2006 schrieb: „Es geht nicht mehr um den Aufstieg zur führenden Weltmacht – für den Kontinent geht es ums Überleben.“ Eine Auflösung Europas und Verteilung an die umliegenden Kontinente? Man findet in den Büchern von Eberhard Sandschneider („Der erfolgreiche Abstieg Europas: Heute Macht abgeben, um morgen zu gewinnen“) oder Norbert Walter („Europa: Warum unser Kontinent es wert ist, dass wir um ihn kämpfen“) wesentliche konstruktivere Ansätze zur weiteren Entwicklung des Kontinents. Denn muss es eigentlich gleich die „führende Weltmacht“ sein? Der hegemoniale Charakter solcher Sehnsüchte bringt in der Regel eine Ausweitung des Militärhaushalts und geradezu entsprechend geringere soziale Absicherung mit sich. William Beveridge, einer der Väter des britischen Sozialstaats, unterschied in diesem Zusammenhang zwischen dem „welfare state“ und dem „warfare state“. Der gegensätzliche Effekt lässt sich momentan in den USA beobachten: Wenn tatsächlich das weltpolitische Engagement eingeschränkt wird, dafür aber eine gesetzliche Krankenversicherung zur Norm wird, ist das nicht eher im Sinne von „Life, liberty and the pursuit of happiness”, wie es in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung heißt?

Laqueur weiß sehr wohl, und schreibt es auch gelegentlich, dass der Nationalstaat die historische Keimzelle des vereinten Europas ist und wohl auch bleiben wird. Allein aus diesem Grund wird es in absehbarer Zukunft keine Außen- und Sicherheitspolitik aus einem Guss geben, die in ihrer Kohärenz mit der amerikanischen, russischen oder chinesischen vergleichbar wäre. Dieses Ideal immer wieder heraufzubeschwören, um dann sein Scheitern an der Realität zu beklagen, hat etwas Wohlfeiles. Gleichwohl hat sich die genuin europäische Methode des Aufbaus und der Ausbreitung von demokratischen Strukturen, Rechtsstaatlichkeit und außenpolitischer Stabilität gerade in den letzten 20 Jahren mehr als bewährt. In diesem Sinne sprach Robert Kagan von der Erweiterungspolitik der Europäischen Union als ihrer eigentlichen Außenpolitik (WELT am SONNTAG, 30.01.2005). Es wird viel zu wenig darauf hingewiesen, dass die gegenwärtige Epoche für viele Staaten in Mittel- und Osteuropa sicherlich eine der besten, wenn nicht die beste ihrer bisherigen Geschichte ist. Dies lässt sich etwa für die Visegrad-Staaten anhand des Human Development Index der Vereinten Nationen von 1995-2011 belegen: Polen +12%, Tschechische Republik +10%, Slowakei +11%, Ungarn +11%. In Südosteuropa sind längst nicht alle Probleme, die sich aus dem Zerfall Jugoslawiens ergeben haben, gelöst. Doch ist heute Slowenien als Mitglied der Eurozone fest in der EU etabliert, Kroatien wird 2013 folgen und Mazedonien, Montenegro und Serbien machen als Kandidaten Fortschritte auf dem Weg zur Einhaltung des acquis communitaire. Letzterer ist übrigens auch ein großer Ansporn zur Modernisierung der Türkei, gleich ob sie dereinst der Union beitreten wird oder nicht. Auch bei der von Laqueur skizzierten Gefahr, dass in diesem Jahrhundert gescheiterte Staaten (in Osteuropa und Nordafrika) bis an die Grenzen der Europäischen Union vordringen könnten, handelt es sich lediglich um die weitaus pessimistischste Variante. Denn ebenso könnte der Arabische Frühling letztlich dazu führen, dass im Maghreb und im Nahen Osten stabile Demokratien nach europäischem Vorbild entstehen. Insbesondere die Europäische Nachbarschaftspolitik liefert hier wichtige Impulse.

Aber diese Zahlen und Fakten, die ja letztlich auf einer Anhebung des Wohlstands durch steigende soziale Absicherung hindeuten, scheinen bei Laqueur eher Teil des Problems zu sein. Immer wieder wird der Gefahr an die Wand gemalt, Europa könnte schon bald auf den Status eines “Museums” für asiatische Touristen herabsinken. Dass China nach zweihundertjähriger Unterbrechung wieder zur Weltmacht aufsteigt, ist historische Normalität und keineswegs zwingend eine Bedrohung für den Westen. Und dass dabei oftmals eine gewisse Arroganz gegenüber Europa mitschwingt ist normal und auszuhalten. Geht man aber davon aus, dass der Wohlstand der Einen notwendigerweise den Abstieg der Anderen bedeutet, dann war die Freihandelstheorie der letzten 60 Jahre tatsächlich nur eine Lüge zur Zementierung der Vorherrschaft des Westens. Darauf hat Fareed Zakaria 2009 in „Der Aufstieg der Anderen“ hingewiesen.

China ist bei aller Rasanz des Aufstiegs nach wie vor ein Schwellenland. Für solche sind teils zweistellige Wachstumsraten charakteristisch. Für entwickelte Industrienationen sind sie es nicht und das beschränkt sich nicht nur auf Europa sondern auf den gesamten Westen. Es hat gar keinen Sinn, zu versuchen, etwa mit den chinesischen Sozialstandards konkurrieren zu wollen. Es seien hier lediglich einige Stichpunkte genannt, um die Absurdität eines solchen Unterfangens zu illustrieren: Stundenlöhne, Verbraucherschutz, Rechtsschutz, Umweltschutz – die Liste ließe sich fortsetzen. Vielmehr könnte in China bei kontinuierlichem Wachstum eine Mittelschicht entstehen, die schon sehr bald demokratische Mitwirkungsrechte und soziale Standards – nach europäischem Vorbild – fordern würde.

Kommen wir zum letzten Punkt: Laqueur sieht drei Entwicklungsszenarien für die Europäische Union: „Sie könnte auseinanderfallen, sie könnte ‚weiterwursteln‘ wie bisher, oder sie könnte eine viel stärkere Einigung und Zentralisierung erleben als in der Vergangenheit.“ Dass die EU auseinanderfällt ist – selbst wenn sich einige Länder abspalten sollten – eher unwahrscheinlich. Plausibler wäre vielmehr eine Mischung aus „weiterwursteln“ und „stärkerer Einigung“. Wobei „weiterwursteln“ viel eher als Kompromissfindung zu verstehen ist; eine Normalität im demokratischen Meinungsfindungsprozess schon auf Nationalebene und erst Recht bei 27 demokratisch gewählten Regierungen. An eine „stärkere Einigung und Zentralisierung“ können, so Laqueur, nur „unverbesserliche Optimisten“ glauben. Schaut man sich aber an, was allein im letzten Jahr an integrativen Leistungen vollbracht wurde (Fiskalpakt, Europäischer Stabilitätsmechanismus, Pläne für Finanztransaktionssteuer, Bankenunion sowie einen Europäischen Finanzminister, Beginnender Aufbau des Europäischen Auswärtigen Diensts), dann scheinen in Brüssel und in den Mitgliedstaaten ziemlich viele unverbesserliche Optimisten am Werk und die visionäre Strahlkraft des vereinten Europas doch nicht so ganz verblichen zu sein, wie befürchtet.

Walter Laqueur: Europa nach dem Fall, Herbig-Verlag, 384 Seiten

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