Ein Ausblick – Thomas Mann und Adorno im Briefwechsel

Thomas Mann, Theodor W. Adorno, Briefwechsel 1943-1955, hrsg. von C. Göde und T. Sprecher, Frankfurt am Main 2003, 180 Seiten

Der Briefwechsel Adorno/Mann umfasst 42 Briefe aus den Jahren 1943-1955. Den Aufhänger bildete Manns Ansinnen, Adorno bei der schriftstellerischen Komposition des Adrian Leverkuehn aus seinem Roman „Doktor Faustus“ als fachlichen Berater hinzuzuziehen, um Leverkuehn möglichst authentische Stücke komponieren zu lassen. Adorno willigte als Verehrer der Kunst Thomas Manns bereitwillig und stolz auf eine diesbezügliche Anfrage ein, und begleitete ihn von da an mit Kommentaren und ungeduldigen Anfragen auch zu den folgenden Werken und Schriften Manns.

Wie hat man sich nun das geistige Verhältnis der beiden zueinander vorzustellen? Adorno, der „wahre Konservative“ (Th. Assheuer, Die ZEIT), der die Unterwerfung der Natur in den gesellschaftlichen Zwängen und Herrschaftsmechanismen reproduziert sah, formulierte eine Kapitalismuskritik, die radikaler als war als diejenige von Karl Marx: Die Verdinglichung ganz abzuschaffen, die Erniedrigung anderer Menschen zu Objekten vermittelst einer leider nur instrumentellen Vernunft, das ist Adornos Forderung. Auch den permanenten „Skandal des Todes“, das „Dringlichste“, gilt es radikal anzuklagen, und sich über ihn zu erheben. Damit zusammen hängt der „Skandal der Gewalt“, dessen allein gedankliche Beseitigung die Philosophie im 20. Jhd. jedoch nicht leisten könnte, so Adorno, der der Kunst in diesen dringlichsten Dingen eine entscheidende Kompetenz beimaß. Vor diesem Hintergrund besah er oft die Möglichkeiten der Künstler und blieb auch sein ganzes Leben lang „in erster Linie Musiker und Komponist“. Traf sich Manns Gesellschaftskritik mit der Adornos? Wohl kaum, doch mag es sein, dass in der von ihm immer wieder aufgesuchten Sphäre, in dem ein erdverhaftet-formvollendeter Konservatismus sich amoralisch gerierend selbst ironisiert, einige Anknüpfungspunkte gegeben waren. Doch war Manns Schaffen nicht in erster Linie eine Kritik, womit er der positiven Deskription schon von der Kunstform bedingt stets verhaftet war. Adorno hingegen sah sich der produktiv-kritischen Kraft der Negation verpflichtet, und verzichtete auf eine positive Ausformulierung des „richtigen Lebens“. Mann: „Gäbe es nur je ein positives Wort bei Ihnen, Verehrter, das eine auch nur ungefähre Vision der wahren, der zu postulierenden Gesellschaft gewährte!“

Es drängt sich der Verdacht auf, dass Adorno sich seinen Mann passend interpretiert hat, was jedoch nichts an der herzlichen Zuneigung ändert, welche aus den Briefen hervorgeht. Einigendes Band war schließlich auch das Exilantenschicksal, von dem Erfahrungen vor allem in Bezug auf die Rückkehr nach Deutschland ausgetauscht werden. Auffallend sind hierbei die vielen Einschübe von Redewendungen und ganzen Satzteilen in Englisch. Bei einem dem Deutschen so verhafteten Menschen wie Thomas Mann verwundert das zunächst, und doch mag es nicht nur eine Folge der Jahre in Amerika, sondern auch ein Verweis auf ein künftig geeintes Europa sein, der nun teilwiese hoffnungsfroheren Ansicht, dass „der Hass und die Feindschaft unter den Völkern Europas letztlich eine Täuschung, ein Irrtum ist.“ Dieser geringfügige Enthusiasmus bei der Rückkehr weicht bei Mann in den letzten Jahren seines Lebens einer traurigen Resignation. Das alte buddenbruck’sche Thema vom unausweichlichen Verfall alles Menschlichen gewinnt angesichts des nahen Todes neue Vehemenz: „Unsere Zahl schrumpft rapide zusammen, und schon sind wir von Massen umgeben, die überhaupt nichts mehr „vollziehen“ können. Gebe der Himmel uns etwas von der Produktivkraft, die jedem Verfallsmoment Momente des Werdenden abzuzwingen vermag!“ Es ist hier Adorno der tröstet: „Wenn ich etwas Beglückendes von den Jahren in Deutschland mitgenommen habe, dann war es die Erfahrung, dass es mit dem Rückfall in die Barbarei doch nicht ganz so sich verhält, wie wir zu unterstellen immer wieder verführt werden.“ Ein Ausblick.

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