Idealtypen: Hans J. Goertz und die „unsichere Geschichte“

Hans J. Goertz, Unsichere Geschichte: Zur Theorie historischer Referentialität, Reclam, 2001, 131 Seiten

Das Thema ist nicht neu und hat gerade unter Historikern einige Aufregung verursacht: Ist Geschichtsschreibung als Wissenschaft überhaupt möglich? Als der grosse deutsche Historiker Leopold von Ranke im frühen 19. Jh. sein berühmtes Objektivitätspostulat („…bloss zu zeigen, wie es eigentlich war“) aufstellte, konnte er von einer gründlich verfeinerten Hermeneutik, vom `linguistic turn`, von Foucaults Diskursen und von Derridas `realitätsauflösenden Ansichten` noch nichts ahnen. Seit Mitte des 20. Jh. stellt sich die Frage, ob Realität durch Geschichte überhaupt eingefangen werden kann. Handelt es sich bei Geschichtsschreibung nicht nur um eine semiotische Absprache zwischen Gelehrten, „kommunizieren nicht Texte nur noch mit Texten?“, kurz: Kann die Historie die von ihr geforderte Referentialität leisten? Der vorliegende Band gibt in fünf Abschnitten eine aufeinander aufbauende Darstellung wesentlicher Stationen der Kontroverse, und bemüht sich vor allem um arbeitstaugliche Synthesen. Denn ein verfeinertes analytisches Instrumentarium muss nicht eben zur Realitätsauflösung führen. Sollten linguistic turn und Konstruktivismus wirklich in postmoderner Beliebigkeit auch in der Geschichte enden, wäre solches paradoxerweise gar nicht so weit vom deutschen Historismus entfernt, der sich bis noch nach dem Zweiten Weltkrieg hartnäckig weigerte, vom Primat des historisch gewordenen zugunsten überzeitlicher Abstraktionen abzurücken.

So schlimm steht es jedoch nicht um die Historie, und das ist dann auch Goertz‘ Schluss, dass die Forschung die mit den neuen erkenntnistheoretischen Modellen einhergehende Komplexitätssteigerung durchaus leisten kann. Wieder mal war es Max Weber, der seiner Zeit voraus war: Er löste das Problem zwischen Individuellem, Einzigartigem einerseits und universellen Abstraktionen andererseits mit der Figur des `Idealtypus`, auf dessen Grundlage man sich verständigen konnte. Auch das Problem der historischen Referentialität kann hiermit angegangen werden. Erkenntnistheoretisch problematischer Abschnitte von der Realität in das Buch durch die Person des Forschenden und von diesem wieder zum Leser, mitsamt ihren jeweils einzigartigen Perzeptionen, kann man solcherart eingedenk sein, ohne gleich in Relativismus zu verfallen.

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