Von Spatzenkonzerten und neuer Tonalität: Sloterdijks „Kopernikanische Mobilmachung und ptolemäische Abrüstung“

Peter Sloterdijk, Kopernikanische Mobilmachung und ptolemäische Abrüstung: Ästhetischer Versuch (edition suhrkamp), 1987, 126 Seiten

Selbst wenn man sich auch als Nicht-Philosoph von dem monströsen Titel dieses Essays nicht hat abschrecken lassen, so verwirrt Sloterdijk den erwartungsvollen Leser gleich zu Anfang und versetzt ihn zugleich in ästhetisches Staunen: Denn die geistesgeschichtliche Bewegung von der Moderne zur Postmoderne wird hier spielerisch aber dennoch seriös anhand des Beispiels eines permanenten Spatzenkonzertes, und zudem anhand musikalischen Vokabulars, kurz nachgezeichnet.

Genauer: Der Zerfall einer einheitlichen Wahrheit, nämlich der Wahrheit des einen Gottes, folgte ein scheinbar unaufhaltsamer Rationalisierungsschub, von Sloterdijk „kopernikanische Mobilmachung“ genannt. War vor Kopernikus, im ptolemäischen Weltbild, ein Sonnenaufgang noch ein Sonnenaufgang, so musste der Mensch nun erkennen, dass jenes von ihm so romantisch verklärte Naturschauspiel nur eine optische, auf der Drehung der Erdachse basierende Täuschung ist. Was war nun überhaupt noch sicher? Wann fielen nun Bedeutetes und Bedeutung jemals wieder zusammen?

Diesen Prozess von der Reformation, der Aufklärung, über die Technisierung, alsdann der modernen Kunst meint Sloterdijk, wenn er von der kopernikanischem Mobilmachung spricht. Die „freie Atonalität“ Schönbergs, welcher sich auch Adorno in seinen musikalischen und philosophischen Kompositionen annimmt, oder die abstrakte Malerei, welche keinerlei Realitätsabbildung mehr vornimmt, wird bei Sloterdijk zu einer der letzten Kämpfe des rationalistischen Schubes, welcher hier die letzten ptolemäischen Vorstellungen von „Natur“ und Harmonie einreisst.

Gleichsam kündigt sich jedoch ein neuer Logos an, welcher den vermeintlich progressiven modernen Impetus wieder als alten Mythos enttarnt: Man stelle sich vor; moderne Kunst lebt von der Abweichnung, von der Grenzübertretung, der Verfremdung und der Neukomposition von allem (!), was denkbar ist. Wird dieser Übertritt jedoch zum common sense, wird bspw. im Kunststudium Abweichung Pflicht, so führt sich die Moderne selbst ad absurdum.

Sloterdijk warnt nun vor neuen Versuchen einer „ptolemäischen Abrüstung“, einer neuen „tonalen Synthese“. Mit historischen Argumenten zeigt er auf, dass auf Harmonie basierende, „Wahrheit“ offerierende Systeme stets in totalitäre und gewaltsame Herrschaft mündeten.

Das Zwischenparken verschiedener Wahrheitskonzepte in den Gefilden der Kunst, das Aufzeigen alles Denkbaren, und die progressive Hoffnung auf eine einstmalige Übertragung in unserer Realität; das ist der Weg, den Sloterdijk aufzeigt.

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