700 Jahre Weltgeschichte einer Dynastie: Die Habsburger

Gerhard Herms, Aufstieg des Hauses Habsburg / Glanz und Niedergang des Hauses Habsburg, 1993, 2 Bände.

Gerhard Herms zweibändiges Werk über die Dynastie der Habsburger besticht durch einen locker-erzählenden Stil, der darüber hinaus auch geschichtswissenschaftlichen Kriterien standhält. Der Leser wird anhand einzelner Kapitel, die meist jeweils einem Herrscher aus der Dynastie gewidmet sind, durch die einzigartige Geschichte des Hauses Habsburg im besonderen, und nebenbei durch siebenhundert Jahre Weltgeschichte geführt. Diesen Zusammenhang stellt Herm glänzend heraus, indem er die „expansive“ Heiratspolitik der Familie illustriert, und dem Leser somit einen differenzierten Überblick über die zahlreichen dynastischen Verflechtungen des Hauses Habsburg im aristokratischen Europa vom ersten Habsburg-König Rudolf (1218-1291) bis zum Ende der Ära Habsburg im Ersten Weltkrieg, ermöglicht.

Der erste Band „Der Aufstieg des Hauses Habsburg“ setzt nach der Zeit des Interregnum, in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, an, in der die Potentaten des Reiches erfolgreich eine starke Zentralgewalt verhinderten. Anhand des Kriteriums der Schwäche wurde auch der Fürst Rudolf von ihnen ausgewählt, zum König des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zu werden. Seinen Sitz hatte dieser auf der Habsburg im heutigen Baden-Würtemberg. Mit einer bedachten, und nachhaltigen Politik, die seinen Nachfahren für alle Zeit das Kerngebiet des Habsburgreiches, den Raum um Wien, sichern sollte, gelang es jedoch Rudolf I. zumindest teilweise, seine schwache Ausgangsposition auszubauen. Von hier aus beginnt die Reise. Sie führt über das späte Mittelalter, in dem die Nachfahren Rudolfs die exlusive Stellung des Hauses Habsburg ausbauen und festigen, bis hin zur weltgeschichtlichen Zusammenkunft Karls V., „dem Kaiser, in dessem Reich die Sonne nie unterging“, mit Martin Luther, dem grossen Reformator, auf dem Reichsstag zu Worms 1519. Von hier aus führt der Weg zum militärischen Ausbruch, der in der Konfessionalisierung angelegten Konflikte, dem Dreissigjährigen Krieg. Herm beschreibt hier die tragischen Rollen Ferdinands II. und Ferdinands III., sowie die herausragende Rolle Wallensteins, und lässt den ersten Band hiermit enden.

Der zweite Band führt uns durch die Zeit der anhaltenden militärischen Konflikte mit dem Osmanischen Reich, über die Schlesischen Kriege bis hin zur Katastrophe des „Reichsdeputationshauptschluss“, der schriftlichen Auflösung des Heiligen Römischen Reiches durch Franz II. unter dem Druck der napoleanischen Eroberung Deutschlands. Von hier erlebt der Leser die „Herausdrängung“ der Habsburger, und damit Österreichs, aus dem Gebiet des Deutschen Bundes, und den Beginn der k.u.k.-Monarchie, jenes seltsamen, von Robert Musil „Kakanien“ genannten, Vielvölkergebildes, welches schließlich im Ersten Weltkrieg aus der Welt verschwand. Diese Herausdrängung, welche mit dem Aufsteig Preussens zur Grossmacht nach den Schlesischen Kriegen begonnen hatte, kulminiert im preussisch-österreichischen Krieg und der Reichsgründung 1871, nach der die deutsche Kaiserkrone nach ca. 400 Jahren zum ersten Mal nicht mehr von einem Habsburger getragen wurde.

Herm schafft es in seiner Darstellung stets, zwischen Charakteristika der einzelnen Herrscher und den politischen Zusammenhängen hin und her zu wechseln, und damit durchweg den zeitgeschichtlichen Hintergrund nicht zu vergessen. Ein weiteres Augenmerk legt er auf für die Geschichte der Habsburger so überaus wichtige, ergebene Gehilfen wie Prinz Eugen von Savoyen, Wallenstein oder Metternich.

Alles in allem ein fulminantes Werk, welches an differenzierter Betrachtung einerseits, und musischem Lesespass andererseits, nichts zu wünschen übrig lässt.

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